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ErdkundeBrockhaus 1882

Deutschland und Deutsches Reich (geograshaftich geeimt Das seit 1870 politisch wie wirtschaftlich geeinigte Deutsche Reich enthehrt ohne Nachteil für seine Macht auf lange Strecken sowohl der natürlichen Grenzen wie der territorialen Kompaktheit, welche andere Staatengebiete auszeichnet. In Europa gehen ihm an Flächeninhalt (540 496,4 qkm, ohne die Küstengewässer an der Nord⸗ und Ostsee und den deutschen Anteil am Bodensee, 309,2 àkm) Rußland (5008 962 qkm; mit dem Asowschen Meere 5045 784½ àkm) und akm), an Volksmenge (45234061 E.) nur Rußland (ohne Finland 72519927 C.) vor; an Dichtigkeit der Bevölkerung (83,7 E. auf 1 qlm) bbrit es Belgien (188), den Niederlanden (123), Großbritannien (112) und Italien (96) nach. Grenzen. Der nördlichste Punkt liegt bei Nimmersatt unter 55 5346“ nördl. Br. an der Ostsee und der russ. Len Au welche von da aus südwärts mit einer starken Ausbuchtung im preuß. Litauen bei Schirwindt bis zum östlichsten Punkte unter 40 33, 12, östl. L. (von Ferro) reicht; der am weitesten südlich llaaner lleer Punkt liegt unter 47² 16“ in den Algauer Alpen. Die österr. Grenze streicht größtenteils auf oder nahe an Gebirgskämmen westwärts, überschreitet in Einbiegung nach N. den 51. Breitengrad und erreicht nordwärts vom 50. Breitengrad 29¼ östl. L. da, wo Sachsen und Bayern zusammentreffen. Mit einer neuen Ausbuchtung nach O. hin bis 31 30 östl. L. der Wasserscheide zwischen Elbe und Donau südwärts folgend und letztern Strom überschreitend, endigt die Ostgrenze des Reichs in den Alpen. Die Südgrenze gegen Osterreich, den Bodensee und die Schweiz zieht sich in ziemlich 20. Hin Richtung von 30¼ bis 24¾ östl. L. nach W. hin und trifft bei Sackhofen im bayr. Schwaben den südlichsten Punkt unter 47 16“ nördl. Br. Die Westgrenze läuft gegen Frankreich mit einer Einbiegung nordnordwestlich bis 49½ nördl. Br., dann eine kurze Strecke südlich von Luxemburg ostwärts, wendet sich an diesem Großherzogtum, Belgien und den Niederlanden in enlic erader Linie nordwärts, tritt hier bis 23 3150/östl. L. bei Altenweert am 20⁴4 Deutschland und Deutsches weitesten vor, geht über den Rhein eine kurze Strecke ostwärts, dann nordwärts bis in die Nordsee unter 53¾¼ nördl. Br. Von hier ab unter 24· 19“ östl. L. wird die Nordgrenze von der Nordsee, zuerst ostwärts bis 26½“ östl. L., dann nördlich laufend gebildet, wobei die westlichste Insel bis 25 66 öreicht; es folgt in der Richtung nach O. die Landgrenze zwischen Schleswig und Dänemark, in ihrem nördlichsten Punkte 55 27“ nördl. Br. erreichend, und daran schließt sich endlich die Ostseeküste, anfänglich südostwärts, darauf in mehrern Bogen bis über den 54. Breitengrad hinabgehend nach O. und zuletzt nach NO. bis 38/¾ östl. L. ausgebogen. Im ganzen mißt die Außengrenze des Deutschen Reichs etwa 7350 km, und zwar nach O. und SO. 3210, nach S. 817,5, nach W. 1290, nach N. 2032,5; daran sind Preußen mit 4777,5, Bayern mit 1027,5, Elsaß-Lothringen mit 510, Sachten mit 442,5, Baden mit 300, Mecklenburg-Schwerin mit 135, Oldenburg mit 105, Württemberg und Hamburg mit je 22,5, Lübeck mit 7,5 km beteiligt. Insbesondere beträgt die Grenzlänge gegen Ssterreich 2257, die Ostsee 1492, Rußland 1357, Holland 607, Nordsee 472, Frankreich 390, die Schweiz 322, Luxemburg 180, Belgien 112, den Bodensee 90 und Dänemark 75 km. Inmitten des vielgliederigen Atlantischen Oceans und der breitflächigen östl. Kontinentalmassen sind die deutschen Gaue nicht verschleiert von dem nebeligen Grau des oceanischen Westen, aber auch nicht ausgetrocknet vom schneidenden Luftzuge des kontinentalen Osten. Deutschland ist kontinental und oceanisch gleichzeitig; es ist berufen, eine glückliche Mitte zu halten zwischen dem starr zusammenhaltenden kontinentalen und dem zerstreuenden universellen oceanischen Element. Es schaut südlich in den geschlossenen Schauplatz des klassischen Altertums und hinüber zum Orient, es steht aber auch in freier Verbindung mit dem jugendkräftigen Amerika. (Hierzu eine Karte: Deutsches Reich. Politische übersichtskarte.) Die Gestade der zwei Meere Deutschlands sind verschieden beschaffen. Der pommersche Küstenstrich der Ostsee ist eigentümlich charakterisiert durch die Haffbildungen, welche ostwärts der Odermündungen zwar nur in Form kleinerer Strandseen vorkommen, aber oberhalb der drei Mündungsarme Peene, Swine und Divenow und im südl. Hintergrunde der zwischenliegenden Inseln Usedom und Wollin durch die Ausweitungen der Oder zu dem 627½7 qkm bedeckenden Kleinen und Großen (Stettiner) Haff großartigere Vertretung sinden. Dieser Teil der Ostseeküste würde mit zu den reizlosesten Gegenden gehören, wenn nicht der vorpommerschen Küste die Insel Rügen als größtes deutsches Eiland vorgelagert wäre, das mit seinen Naturschönheiten zugleich die Wiege deutscher Mythologie umschließt. Westwärts von Rügen gliedert die pommersche Küste noch das tiefe Eingreifen des Grabow im Süden der Insel Zingst und des Saaler Bodden südlich und östlich der Halbinsel Dars, während an der Küste von Mecklenburg der flache Golf von Warnemünde und die tiefer gehende Bucht von Wismar zu bemerken ist. Den südwestlichsten Eingriff in Deutschlands Festland bildet die Ostsee durch die Lübecker Bucht, und den besten Stationspunkt für eine deutsch-baltische Flotte gewährt sie in der Bucht von Kiel. Die schlesw. Ostküste ist ausgezeichnet durch vorherrschend hohe Ufer und weit eingreifende Fiorde mit großenteils sehr gün-Reich (geographisch⸗-statistisch) stigen Tiefen. So die Buchten von Eckernförde, Flensburg und Apenrade, während die Schlei und die Haderslebener Bucht weniger tief sind. Die Inseln Femern und Alsen vermehren die reiche Gliederung der holstein-schlesw. Küste. Obgleich die Ostsee durch den dän. Archipel zu einem Binnenmeere herabgedrückt ist, so haben doch ihre Stürme und Klippen, ihre Csschollen und Nebel ein abgehärtetes und kühnes Schiffervolk erzogen; und wie die baltischen Gestade einst phöniz. Schist anlockten und ihre Häfen die Wiege der mächtigen Hansa waren, so verkehren auch noch heute ihre bedeutendsten Handelsstädte, und vor allen Stettin, Lübeck, Kiel und Flensburg, mit allen Flaggen handeltreibender Nationen. Ganz anders ist der Ufersaum der Nordsee gestaltet. An die Stelle der baltischen Haffe treten tiefeinschneidende Busen; sei es, daß sie mittelbar durch breite Flußmündungen gebildet werden, wie bei Elbe und Weser, oder daß sie als unmittelbare Meeresglieder erscheinen, wie im Jadebusen und Dollart. Der tiefen und vor dem Einbrechen der Fluten künstlich geschützten Küste liegt die amphibische Zone der Watten vor, d. i. eines von tiefern Meeres⸗ und Flußbahnen durchschnittenen Gürtels sandig-thoniger Bänke, welche zur Zeit der Ebbe trocken gelegt und von Mensch und Tier unbehindert überschritten, von der Flut aber mit Wasser überschüttet und von flachgehenden Schiffen übergleitet werden. Aus dem Labyrinthe der Watten taucht, durchschnittlich 7 km abwärts der Küste, die Reihe der kleinen, langgestreckten und dünenbesetzten fries. Inseln, unter denen Römö, Sylt, Wane Amrum, Pellworm, Nordstrand, Neuwerk, Wangeroge und Norderney am bedeutendsten. Die der Küste anliegende Watte 7 sich allmählich höher. Sie ist von fruchtbarem Meeresschlamm überdeckt, wird immer seltener überflutet, überkleidet sich mit üppig wuchernder Vegetation, indem sie die kühne Hand des Menschen durch Eindeichungen zur weidereichen Marsch umestaltet. An einer Stelle wächst der Boden des Festlandes in das Meer hinaus; an einer andern raubt die Sturmflut einer einzigen Nacht das Werk hundertjähriger Arbeit wieder zurück und versenkt es in das Grab einer neuentstandenen Meeresbucht. Bodenbildung. Wirft man den Blick auf das Innere Deutschlands und zunächst auf seine Gebirgsverhältnisse, so tritt zwwar eine große Mannigfaltigkeit des Bodenreliefs hervor, aber dennoch trifft man beim Vorschreiten von S. nach N. eine regelmäßige Aufeinanderfolge derjenigen drei Hauptformen an, welche die selbständige und vollständige Ausbildung eines Erdindividuums bedingen. Südwärts einer Linie von Passau nach Bregenz fällt ein ansehnlicher Strich deutschen Bodens dem alpinischen Hochgebirge zu, bis zu einer Linie von Oderberg nach Rheine an der Ems erfüllt das Stufenland der Mittelgebirge einen Raum von 278670gkm und nordwärts sinken 250 540 qkm in die Fläche des Tieflandes herab. Die deutschen Mittelgebirge kann man zusammenfassen in sechs Gruppen. In dem weiten Raume zwischen dem Alpenfuße und der Stromrinne der Donau entfaltet sich die Form der Hochebene am ungestörtesten in den bayr. Plateaux zwischen Bodensee und Inn, und die 518 mehohe Lage von München gibt einen mittlern Ausdruck für die immer noch erheblichen Niveauverhältnisse. Westlich und östlich der mit Moosen und Rieden vielbedeckten bayr. Ebenen setzen die Molassegebilde Schwabens und Hsterreichs mannigfach gruppierte Berglandschaften zusammen. Hier im S. der Donau bis zu den Alpen breitet sich die an der tiefsten Stelle 341 muhohe schwäb.⸗ bayr. Hochebene in drei Stufen aus, einer untern (bei Memmingen 610 m) mit vielen Mooren, einer mittlern mit großen Bergrücken (bei Eschers 702 m) und einer obern (Thalerhöhe bei Staufen 1146 m) mit vielen Seebecken. Von den Salzburger Alpen gehören teilweise zu Deutschland das Königsseegebirge (Watzmann 2714 m), das Traungebirge (Hochgern 1750 m) und das Priengebirge (Geigelstein 1811m). In den eigentlich Bayrischen Alpen zwischen Inn und Lech unterscheidet man das Mangfallgebirge (Schinderberg 1826 m), das Esterngebirge (Krottenkopf 2097 m), das Isarwinkel⸗ und Karwendelgebirge (Großer Solstein 2540 m), das Ampergebirge (Schlichtspitz 2459 m), das Leizachgebirge (Rothwand 2488 m), das Tegernseegebirge (Gindelalphoweid 1330 m), das zum Hauptzuge gehörende Wettersteingebirge mit dem höchsten Gipfel Deutschlands (Zugspitze 2900 m); das Illerebiet füllen die Algauer Alpen (Hochvogel 2589 m). Die sechs Gruppen sind: 1) Die oberrheinisch⸗-bayrische oder die Juragruppe, mit zwei ziemlich parallelen Reihen, östlich und westlich von der oberrhein. Tiefebene und einer dritten, der umgebogenen Juralinie. Diese Gruppe liegt südlich vom Main und der Nahe, bis an die Donau heranreichend. Nachdem die Kalkbänke des Schweizerjura im Rheinthale bei Schaffhausen unterbrochen und nordwärts desselben im Hegau (Hohentwiel 684 m, Hohe Randen 928 m) in ihrem Zusammenhange vielfach gestört worden sind durch das Heraufbrechen vielkuppiger plutonischer Felsmassen, gelangen sie wieder zu ungehemmtem Zusammenhange jenseit der obern Donau. Aber der deutsche Jura bildet nicht mehr jenes charakteristische Kettensystem wie in der Schweiz, sondern langgestreckte kahle Plateauflächen von 660 m Höhe (Oberhohenberg 1010 m), wie sie in den einzelnen scharfabgekanteten Plateaumassen Schwabens unter verschiedenen Namen, als Rauhe Alp, Albuch u. s. w., entgegentreten, und wie sie selbst jenseit des Durchbruchsthals der Altmühl im fränk. Jura bis zum Mainthale nördlich von Bamberg noch angetroffen werden, wenn auch hier, bei angenommener Meridianrichtung, in einer viel geringern absoluten Höhe. Vor dem nördl. steilen Rande dieses schwäb. Jura erhebt sich eine Reihe isolierter Kalkkegel, wie der Hohenzollern 850 m, der Hohenstaufen 682 m, der Rechberg 756 m, die Teck 778 m, die Achalm 701 m u. s. w. In Fortsetzung dieses Jura folgt östlich, von der Wörnitz an, der wenig hervortretende fränk. Jura, der das Regnitzthal auf der Ostseite mit hohem Rande säumt (Hesselberg 713 m), und zwischen welchem und dem Böhmerwalde das Plateau der Oberpfalz liegt. Im NW. und W. des deutschen Jura breiten sich die Terrassenlandschaften Schwabens und Frankens aus. In ihnen tritt die Unterlage des Jurakalks zu Tage, d. i. zunächst in schmaler Zone die Liasgruppe und in weiter Verbreitung nach W. und N. die aus Keuper, Muschelkalk und buntem Sandstein bestehende Triasformation, und Hand in Hand mit diesem mannigfachen Gesteinswechsel steht auch die Verschiedenheit der äußern Bodenformen und des landschaftlichen Charakters. Die von N. nach S. gehende Wasserscheide zwischen Neckar und Reg-Reich (geographisch-statistisch) 20⁵ nitz, die Frankenhöhe, heißt bei der Regnitz⸗ und Altmühlquelle Burgbernheimer Wald, nördlicher, nach dem Main hin, Steiger Wald (Großer Knetzberg 499 m). Main und Neckar sammeln die Gewässer der anmutigen Gefilde und führen sie dem Rhein zu; aber diese Landschaften selbst treten nur zwischen Neckar und Pfinz mit erniedrigter Stufe an die oberrhein. Tiefebene, denn im N. und S. jener Flüsse erheben sich wieder meridiane Gebirgsschwellen. Zwischen der Pfinz und dem Rhein oberhalb Basel ist es der Schwarzwald, dessen krystallinischer Gebirgskern zu 1000 —1300 m hohen kuppelförmigen Gipfeln (Feldberg 1493 m hoch) aufsteigt, und dessen waldschattige Steilwände der Rheinebene zugekehrt sind. Er reicht bis an die Enz bei Pforzheim, und von da bis Heidelberg wird er durch das nur bis 468 m (im Stromberg) hohe Neckarbergland fortgesetzt, das die Höhen der östlicher gelegenen schwäb. Terrassen — erreicht; nur der Königstuhl an der Nordwestecke des Neckarberglandes, oberhalb Heidelberg, erhebt sich zu 568 m. Nördlich vom Neckardurchbruche bei Heidelberg breitet sich fast plateauartig der Odenwald aus (Katzenbuckel 627 m), an dessen Westseite die Bergstraße von N. nach S. läuft. Der Main bei Aschaffenburg schneidet ein dazu gehöriges Stück ab, welches den Namen Spessart führt (Geiersberg 609 m). Die dritte, dieser zweiten ganz analog gebildete Linie auf der Westseite der oberrhein. Tiefebene kehrt ebenso dieser Rheinebene die steile, waldige und unterhalb mit Reben bedeckte Seite zu, wie es die östliche thut, und ist ebenso im südlichsten Teile am höchsten. Hier ist der Wasgauwald, nach dem franz. Worte les Vosges (lat. Vosägus) auch wohl mit dem unrichtig gebildeten Worte Vogesen genannt (Sulzer oder Gebweiler Belchen 1426 m). Nördlicher liegend, entspricht dem Neckarberglande die Hardt (Kalmit 681 m) und dem Odenwalde das Pfälzer Gebirge (Donnersberg 691 m). 2) Die böhm. Gruppe, mit einer Linie auf der Südwest⸗, Nordwest- und Nordostseite Böhmens; die vierte, im SO., liegt auf der Grenzlinie des

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 203Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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