FeedDrehkrankheit
Sport & SpielBrockhaus 1882

Drehkrankheit oder Drehsucht ist eine Ge2325 oder Rückenmarkskrankheit, welche sehr selten ei Fohlen, selten bei Ziegen und Rindern, sonst fast nur bei Schafen und zwar unter diesen bei Lämmern, Jährlingen und Zeitschafen vorkommt und sich neben andern Zeichen des Gehirndrucks in eigentümlich drehenden oder sonst ungewöhnlichen, bald lebhaften, bald wieder trägen h sosche ire der Tiere äußert. Man nennt hiernach solche kranke Schafe Dreher, wenn sie öfters im Kreise herumgehen, den sog. Reitbahngang wahrnehmen lassen, oder sich um einen festgestellten Fuß drehen; Traber oder Würfler, wenn sie mit hochgehobenen Beinen und tiefgesenktem Kopf geradeaus nach vorwärts laufen, wobei sie oft straucheln und hinfallen; Segler, wenn sie mit hochgehobenem oder nach rückwärts gebogenem Kopf nach vorwärts gehen; Taumler, Schwindler, Seitlinge, falls sie den Kopf fest an die Wand lehnen, beim Gehen aber oft taumeln, das Körpergleichgewicht nicht erhalten können und deshalb häufig zu Boden stürzen. Diese eigentümlichen Bewegungsweisen zeigen die kranken Schafe, wenn ihr Gehirn che igt 60 durch einen Blasenwurm. Ist ein solcher nicht in dem Gehirn der Tiere, sondern in deren Rückenmark, so wird die sog. Kreuzdrehe hervorgerufen; die damit behafteten Schase Hin anfangs hreuuschwache Wacel ähmung der Hinterhand, später starkes Wackeln mit dem Kreuze (Kreuzdreher) oder ein Schlagen mit dem Kreuze nach rechts und links Kreuzschläger) bei derBewegung erkennen; volleLähmung des Hinterteils bildet den Schluß des Übels. Die Ursache der Drehkrankheit liegt in einem Bandwurme, dessen Larve oder ungeschlechtliche Blasenwurmvorstufe (Quese oder Coenurus gerebralis) in der Schädelhöhle oder in dem Rückenmarkskanal der drehkranken Tiere schmarotzt und durch Druck auf die Nervencentren die verschiedenen Erscheinungen der ectseie bedingt, während der ausgebildete, geschlechtsreife Bandwurm (Quesenbandwurm oder Taenia Coenurus) im Darm der Hunde, Wölfe, dancer vorkommt. Die Cier dieses Bandwurms gelangen mit dem Kothe des Wirthes auf Weiden und Futterfelder; werden die Cier mit Vegetabilien genossen von Schafen, Ziegen, Rindern, so werden die Schalen derselben im sauren Magensaft der neuen Träger gelöst, die in den Eiern befindlichen Bandwurmembryonen werden frei, sie wandern vom Magen ihrer Herberger in den Darm derselben, durchbohren die Darmwand und gehen, wenn solches gelungen, auf dem Wege der Muskeln und des Bindegewebes von der Bauchhöhle ihrer Träger aus bis zum gerissenen Loch des Schädels derselben, um durch diese Pforte in die Schädelhöhle und das Gehirn eindringen und sich daselbst nach und nach in Quesen umwandeln zu können. Auch kommt es vor, daß Embryonen bei den Durchbohrungsversuchen durch die Darmwand in Blutgefäße ihres Wirthes gelangen und mit den Blutwellen nach dem Gehirn oder dem Rückenmark hingetragen werden, woselbst sie die Stätte finden, welche die Natur ihrer weitern Entwickelung, d. h. zur Umbildung in Quesen, ihnen angewiesen hat. Zweck jeder Blasenwurmvorstufe eines Bandwurms ist, die spätern Köpfe des Bandwurms (besser Ammen, denn einen Kopf hat der Bandwurm eigentlich nicht) auszubilden. Solcher spätern Quesenbandwurmköpfe bildet eine jede, nach und nach größer werdende und zuweilen die Größe eines Enteneies erreichende, mit wässerigem Serum gefüllte Quese (Coenurus cerebralis) mehrere hundert Stück aus. Frißt ein Hund, Wolf, Fuchs das Gehirn eines drehkrank gewesenen Schafs und mit ihm die Quese, so werden aus den Köpfchen der letztern im Darm der erstgenannten Tiere Bandwürmer und zwar Quesenbandwürmer, deren Glieder und Cier von Hunden, Füchsen und Wölfen mit dem Koth wieder auf Triften, Futterfeldern u. s. w. * etzt werden, also da, wo die Nahrung für Schafe, Rinder u. s. w. wächst, die durch diese Bandwurmeier infiziert wird. Die Drehkrankheit wird durch Druck der nach und nach größer werdenden Quese auf das Gehirn der Schafe, Rinder, Ziegen hervorgerufen; die Entfernung des druckausübenden Blasenwurms durch Operation kann Heilung bewerkstelligen. Die Operation (Trepanation; weniger gut: Trokarieren) ist bei wertvollen Tieren it zu versuchen; bei andern drehkranken Tieren ist baldigst das Schlachtmesser in Anwendung zu bringen. Dem Übel wird vorgebeugt, wenn man den in den Wirtschaften nötigen Hunden jährlich einmal die Bandwürmer abtreibt AArecanuß 10 — 15 Gramm; gepulvert, mit Butter gemischt, zur freiwilligen Aufnahme vorgesetzt); wenn man die Quesen drehkranker Tiere sorgfältig vernichtet und Hunden nie das Gehirn oder Rückenmark eines drehkrank gewesenen Schafs u. s. w. zum Verzehren vorwirft; wenn man endlich junge Schafe, Ziegen, Rinder vom Weideang zurückhält, denn bei der Stallfütterung ist es ür solche weniger leicht möglich, mit der Nahrung Bandwurmbrut aufzunehmen, wie solches auf der Weide geschieht. Vgl. Zürn, Die tierischen Parasiten in und auf dem Körper der Haussäugetierer (2. Aufl., Weim. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 539Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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