FeedDurst (Sitis)
HeilkundeBrockhaus 1882

Durst (Sitis), eine zur Klasse der Gemeingefühle (s. d.) gehörige Empfindung, welche uns über die Verminderung des Wassergehalts unsers Körpers unterrichtet. Durch die Ausscheidungen im tierischen Körper, namentlich durch die Aushauchungen der Lungen und die Verdunstung auf der Haut wird, besonders bei trockener Luft, unaufhörlich eine Menge ades eber verbraucht, deren Ersatz zur Erhaltung des Lebens unbedingt nötig ist; daher das Verlangen, sie durch Trinken zu ersetzen. Das Durstgefühl, welches in der Empfindung von Trockenheit, Rauheit und Brennen im Schlunde, im weichen Gaumen und der Zungenwurzel besteht, hat seinen Sitz in den sensiblen Nerven der Schlund⸗ und Speiseröhrenschleimhaut und beruht wahrscheinlich auf einer Empfindung des Trockenwerdens dieser stets vom Speichel zu befeuchtenden Flächen. Dieser Galfte. mangel ist gewöhnlich eine Teilerscheinung allgemeinen Wassermangels im Organismus, kann aber auch rein örtlich (durch Entzündung, durch einen trockenen Luftstrom) bedingt sein. Wird der D. nicht gestillt, so rötet sich bald die Rachen⸗ und Mundschleimhaut und wird brennend heiß, das Schlingen wird erschwert, die Sprache rauh und brenne der Puls beschleunigt, die Augen rot und rennend; bald gesellen sich hinzu große Abspannung und Körperschwäche, erhöhte Reizbarkeit der Sinnesorgane (Hallucinationen und peinigende Wahnvorstellungen), sowie heftiges Fieber mit Irrereden und Bewußtlosigkeit, bis schließlich, schneller als beim Hunger, unter schrecklichen Qualen der Tod erfolgt. Unmittelbar, aber bloß vorübergehend gestillt wird das Durstgefühl durch Befeuchtung der Rachenschleimhaut; dauernd nur durch genügende Wasserzufuhr zum Blute, mud dies nun vom Magen und Darm aus oder durch direkte Einspritzung von Wasser in die Venen geschehen. Eine krankhafte Steigerung des D. findet statt bei Zuständen, in denen die Lungen⸗ und Hautausdünstung abnorm erhöht ist, wie bei Fiebern und Entzündungen, oder welche eine bedeutende Absonderung von Flüssigkeiten im Körper verursachen wie bei Wassersuchten und Durchfällen; ferner durch einen örtlichen Reiz auf die eben genannten Schleimäute, in welchen er sich fühlbar macht, z. B. bei eizung des Schlundes durch gesalzene oder gelih dm Speisen oder durch ätzende Substanzen, endlich durch bloße Nervenaffektionen. Andauernd gesteigerter krankhafter D., die Durstsucht (Polydipsia), wird besonders bei Diabetes (s. d.) beobachtet, weil durch das zuckerreiche Blut den Geweben enorme Mengen von Wasser entzogen werden. Verminderten D. findet man in einzelnen krankhaften Zuständen mit daniederliegender Gehirnthätigkeit, bei welchen das Durstgefühl nicht zum Bewußtsein gelangt. Tiere, besonders kaltblütige, ertragen den D. weit länger als Menschen. Es ist bekannt, wie lange das Kamel in der Wüste ohne Wasser bestehen kann, und wie man lebendige Amphibien an Orten eingeschlossen gefunden hat, wo ihnen durchaus kein Wasser zukommen konnte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 675Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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