FeedHunger (kames)
HeilkundeBrockhaus 1882

Hunger (kames), das Gefühl des Bedürfnisses der Nahrung, entsteht gewöhnlich bei leerem Magen und äußert sich als leichte schmerzhafte, nagende Empfindung in der Magengegend, wird aber auch bei vollem Magen wahrgenommen, wenn der vorher erschöpfte Körper durch die eingeführte Nahrung noch keinen Ersatz für die verbrauchte Substanz gefunden hat. Das Hungergefühl des Magens wird durch gewisse Veränderungen der vom nervus vagus abstammenden sensiblen Magennerven, und war durch die mangelnde Blutzufuhr zum leeren kagen bedingt. Alles, was die Blutmenge des Körpers überhaupt vermindert, wie Muskelanstrengungen, Stoffverluste aller Art (Samen⸗, Milch⸗, Eiterverlust), Wachstum, Ansatz nach Krankheiten u. dgl., erzeugt normalerweise auch H., wogegen jede ärkere Anfüllung der Magenschleimhaut mit Blut, welche die mückt, Den ir ausdehnt, das Hungergefühl unterdrückt, bei krankhafter Kongestion ebenso wie durch Anfüllung des Magens mit Speisen, welche die Drüsennerven reizen und stärkern Blutzufluß erzeugen. Auch durch die Einführun gewisser narkotischer Genuß⸗ und Arzneimitte (Tabak, Opium, Alkohol) kann das Hungergefühl uah 0 werden. In leichterm Grade, als bloße Eßlust oder Appetit, ist der H. keine unangenehme Empfindung, und nur wenn die Eßlust nicht befriedigt wird, der Mangel an Nahrung lange anhält, beginnt die Empfindung unangenehm zu werden, und es zeigen sich nun heftigere nervöse Erscheinungen, wie Ohnmachtsgefühl, Mattigkeit, Muskelschwäche u. dgl. Bei gänzlicher Nahrungsenthaltung treten heftige Kopfschmerzen, Fieber, Abmagerung, Delirien und Tobsucht, Ohnmachten, Krämpfe und endlich der Tod durch Verhungerung ein. über das Verhältnis, in welchem beim Hungertode die einzelnen Gewebe und Organe Gewichtseinbuße erleiden, hat Voit eingehende Versuche angestellt. So verloren bei einer verhungerten Katze: das Fett 97 Proz., die Milz 66,7 Proz., die Leber 53,7 Proz., die Hoden 40 Proz., die Muskeln 30, Proz., das Blut 27 Proz., die Nieren 25,9 Proz., die Haut 20,6 Proz., der Darm 18 Proz., die Lungen 17,7 Proz., die Bauchspeicheldrüse 17 Proz., die Knochen 13,9 Proz., Gehirn, Rückenmark und Nerven 9,2 Proz. und das Herz 2,6 — ihres Gewichts, woraus hervorgeht, daß die Widerstandsfähigkeit der einzelnen Organe gegen das Verbrauchtwerden beim Verhungern in geradem Verhältnis zu ihrer Lebenswichtigkeit steht. Die Länge der Zeit, welche der Mensch oder ein Tier ohne Nahrungsmittel zubringen kann, ist sehr verschieden; kaltblütige Tiere ertragen den H. viel länger als warmblütige; so kann man Wassersalamander und Schildkröten jahrelang ohne Nahrung erhalten, wogegen Vögel nur 5—28 Tage, Hunde 25—36 Tage ohne Speise und Trank leben können. Bei einem übrigens gesunden Menschen tritt der Hungertod bei vollkommenem Nahrungsmangel ungefähr nach einer Woche, bei noch fortbestehendem Genusse von Wasser später, etwa nach 14 Tagen ein. Monate- oder jahrelanges Fasten ist Betrug; dagegen ist bei manchen Krankheitszuständen, insbesondere Rückenmarksleiden, das Nahrungsbedürfnis ungemein herabgesetzt. Heißhunger (s. d.) nennt man den H. nicht nur dann, wenn dieser schon einen hiner Grad erreicht hat, sondern auch, wenn er seiner Natur und seinen Ursachen nach krankhaft ist. Jähhunger ist ein starkes, aber nicht krankhaftes Verlangen nach Speise.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 471Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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