FeedEdessa
ErdkundeBrockhaus 1882

Edessa, Stadt im nördl. Mesopotamien, 80 km im ONO. von Biredschik. Der Ursprung der Stadt reicht bis ins höchste Altertum hinauf; wahrscheinlich ist es die alte Stadt Harran, die schon in den Keilinschriften genannt wird und zu dem in der Geschichte Abrahams genannten Lande Haran gehörte. Sitz einer uralten Civilisation, tritt E. namentlich als der Atergatis geheiligt entgegen, und auf diefen Kultus weisen die beiden noch vorhandenen heiligen Teiche hin, in denen Fische, dieser Göttin geweiht, unterhalten werden. Die älteste Geschichte E.s ist dunkel: sie wird lichter um die 530 Alexanders. Seleukus I. soll viel für Vergröerung der Stadt gethan haben. Um diese Zeit erhielt sie auch von der gleichnamigen macedon. Stadt den Namen E., und nach dem der Atergatis, später dem Abraham geweihten Quell den Namen Kallirrhos, aus welchem durch Verstümmelung die syr. und arab. Namen Urhoi und Roha (Ruhä), sowie der jetzt gebräuchliche Orfa oder Urfa entstanden. Doch mag E. auch das syr. Wort Haditha, die Neustadt bedeuten. Unter Antiochus VII., nach wel-e chem E. auch Antiochia genannt ward, bildete da-l selbst Orhoi-Bar-Chevie, wahrscheinlich ein Araber,2 137 v. Chr. das nach ihm genannte Osrhoenische Reich. Seine Nachfolger sind unter dem Namen Abgar (s. d.) bekannt. Das Christentum fand zeitig e in E. Eingang. Die zweideutige Stellung, welche2 die Könige von E. in den Kriegen der Römer mit den Armeniern und Parthern einnahmen, und ihr endlicher Abfall von den erstern bewirkten, daß t Trajan den Lusius Quietus gegen E. sendete, der t die Stadt zerstörte und das Reich den Römern zins-6 bar machte. Zwar stellte Hadrian das Osrhoenische Reich wieder her, allein es blieb fortwährend von l den Römern abhängig, bis es nach mancherlei l Wechselfällen in seinem Innern endlich 216 von [ den Römern völlig unter dem Namen der Colonia Marcia Edessenorum zu einer röm. Militärkolonie f! gemacht wurde. Unter Kaiser Justinus I. (518 527) durch ein Erdbeben zerstört, wurde E. unter dem Namen Justinopolis bald wieder hergestellt. Während dieser Zeit und besonders unter oström. Herrschaft entwickelte sich seine Bedeutung in der Geschichte der christl. Kirche immer mehr. Unter Justinian I. war es bereits Metropolis. Mehr als 300 Klöster sollen in seinen Mauern gewesen sein dazu war es der Sitz des Ephraem Syrus und seiner Schule. Auch in den arianischen, monophysitischen und nestorianischen Streitigkeiten spielte es eine bedeutende Rolle. Die Ausbreitung des Islam, die E. 641 unter die Herrschaft der arab. Kalifen brachte, machte jedoch der Blüte des Christentums in dieser Stadt ein Ende, und die nun folgenden innern und äußern Kriege unter dem Kalifat brachen auch ihren weltlichen Glanz und Reichtum, bis sie 1040 den Seldschuken in die Hände siel. Zwar gelang es den byzant. Kaisern, sie wieder zu befreien und nochmals an sich zu bringen; allein der Statthalter, den sie hinschickten, machte sich muttoderd war jedoch harten Bedrängnissen von seiten der Türken ausgesetzt. Deshalb ward es im ersten Kreuzzuge dem Bruder Gottfrieds von Bouillon, Balduin, leicht, mit Hilfe der Einwohner, die in sch ihren Retter sahen und ihren eigenen Fürsten erschlugen, sich der Herrschaft über die Stadt zu bemächtigen und E. zur Hauptstadt einer Grafschaft zu machen (1097), zu der er auch noch Samosata und Sarudsch erwarb. Gegen 50 Jahre bestand diese Grafschaft als Bollwerk des jerusalemischen Reichs gegen die Türken unter der Herrschaft verschiedener aufeinander folgender fränk. Fürsten. In den fortwährenden Kämpfen mit den Türken hielten sich diese tapfer, trotz des heftigen Andringens der letztern, bis es endlich unter dem vergnügungssüchtigen Grafen Joscelin II. dem Herrscher von Mosul, Zengi, 1144 gelang, die Stadt und Burg zu nehmen. Alle christl. Kirchen wurden in Moscheen verwandelt und der Islam von nun an in E. herrschend. Ein Versuch der Einwohner 1146, das türk. Joch abzuschütteln, vollendete den Ruin der Stadt; sie wurden von Zengis Nachfolger, Nur-ededin, geschlagen, die Stadt zerstört, der Rest der Bevölkerung in die Stlaverei geführt. Nach vielen Wechselfällen, die E. nacheinander in die Hände der Sultane von Agypten, der Mongolen, Turkomanen und Perser brachten, die es mehrmals sich wieder erheben und wieder durch Krieg herunterkommen ließen, so besonders unter Timur, der es gänzlich zerstörte, kam es 1637 durch Eroberung an die Türken, die es noch besitzen und unter denen es sich wieder aus den Trümmern und zu einer Art Blüte erhob. E. ist reinlicher gebaut als die meisten orient. Städte; seine Bazare sind schön und gut versehen. Es ist Hauptstadt eines Sandschaks im Vilajet Aleppo und zählt gegen 30000 E., wovon 5000 armen. Christen und 1000 Jakobiten, die übrigen Türken, Araber, Kurden und Juden sind. Von Altertümern sieht man nur noch die Trümmer der alten Burg, von der Sage für den Palast Nimrods ehalten, und die Katakomben im Felsen unter derselben. Sonst ist noch merkwürdig die dem Abraham geheiligte Moschee mit dem aus dem Abrahamsquel ebildeten Fischteiche, in welchem die erwähnten gcheiliaten Fische unterhalten werden. Die Einwohner behaupten nämlich, daß Ur in Chaldäa, der Stammsitz Abrahams, identisch mit Orfa sei.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 756Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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