Epistolae obscurorum virorum (Briefe von Dunkelmännern) ist der Titel einer Sammlung satirischer Briefe zu Anfang des 16. Jahrh., die, in barbarischem, sog. Küchenlatein (Mönchslatein) unter dem Namen von damals bekannten Geistlichen und Professoren in der Rheingegend, namentlich aus Köln, geschrieben, die Obsturantenpartei der Scholastiker und Mönche in Beziehung auf 195 Lehren, Schriften, Sitten und Redeweise, un ebensverhältnisse, Thorheiten und Ausschweifungen mit schonungslosem Spotte geißelten und so nicht wenig der Reformation vorarbeiteten. Die erste Veranlassung dazu scheinen Reuchlins Streitigkeiten mit dem getauften Juden Pfefferkorn über die hebr. haben meuehe gegeben zu haben, und den Titel haben vielleicht die Epistolae clarorum virorum ad Reuchlinum Phorcensemo (1514) veranlaßt. Gerichtet sind sämtliche Briefe an Ortuin Gratius, einen der bekanntesten Führer der kölner Obskurantenpartei. Beim ersten Erscheinen des Buchs hielt man Reuchlin für den alleinigen Verfasser; dann schrieb man es Reuchlin, Erasmus und Hutten zu. Nach einer Untersuchung von Strauß in seinem (Ulrich von Hutteno (2. Aufl., Lpz. 1871) gehört die Erfindung und erste Idee dem Humanisten Crotus Rubianus an; doch schreibt man Hutten, wenn auch nicht von Anfang an, einen bedeutenden Anteil zu. Die pistolae obscurorum virorumv bestehen aus zwei Teilen. Ein sog. dritter Teil (zuerst 1689 gedruckt) gehört nicht zu dem ursprünglichen Buche. Der erste Teil erschien 1515 angeblich zu Venedig bei Minutius (absichtlich statt Manutius), in der That aber zu Hagenau bei Anshelm (nach andern in Köln oder in Mainz), der zweite 1517 in Basel. Die Briefe wurden bei ihrem ersten Erscheinen von der Mönchspartei, welche meinte, dieselben seien zur Verherrlichung ihrer Sache geschrieben, mit Beifall begrüßt und eifrig verbreitet. Als man die Satire merkte, setzte sie der Papst alsbald auf den Index (1517), trug aber dadurch nur noch mehr zu ihrer Verbreitung bei. Die Briefe sind oft gedruckt und herausgegeben worden, am besten von Böcking (Lpz. 1858; 2. Aufl. 1864; auch in Böckings Ausgabe von Hutteni operao, 2 Bde., Lpz. 1864—69). In neuerer Zeit hat G. Schwetschke in Halle „Novae epistolae obscurorum virorumo (Frankf. a. M. 1849) und Epistolae obscurorum virorum de coneilio Vaticano (Lpz. 1872) veröffentlicht. In den erstern werden die deutschen Parlamentsverhältnisse von 1848 —49, in den letztern das Vatikanische Konzil und die Klerikalen persifliert.