Erzerum (spr. Erserüm oder Ersirüm), befestigte Hauptstadt des gleichnamigen Vilajets der asiat. Türkei CTirkisch-Armenien), am Südrande einer 38 km langen, 22 km breiten, im Winter sehr kalten, im Sommer warmen Hochebene, welche zum Teil gut bewässert, aber holzarm und schwach bevölkert ist und vom nördl. Quellfluß des CEuphrat durchflossen wird, etwa 8 km von diesem entfernt und 1868 m hoch gelegen, ist Residenz des Waly oder Generalgouverneurs und war bis 1881 Sitz des Müschirs oder kommandierenden Generals eines türk. Armeekorps, der seitdem in Den ziein residiert. Die Zahl der Häuser wird mit den kleinen, halb unter der Erde gelegenen ichint, auf 6600, die der Einwohner auf 40000 geschätzt, welche zur Hälfte Türken, zur Hälfte Armenier und Perser nebst einigen Griechen sind. In neuerer Zeit hat die Stadt ihre Physiognomie infolge des 1866 begonnenen Abbruchs der hohen, verfallenen Mauern der Disch-Kaleh (d. h. äußere Festung), welche die Citadelle oder Itsch-Kaleh umgab, indem sie die zwischengelegenen, innersten Quartiere, den eigentlichen Sitz der muselman. Bevölkerung, von den um sie her. gruppierten Vorstädten abschloß, sehr wesentlich verändert. Seit 1864 wurde die Stadt mit neuen Festungswerken umgeben, unter denen die Forts auf dem Top Dagh (Medschidiné Tèpe) und Kirimitli Dagh die wichtigsten sind. E. gehört zu den schmußigsten Städten des Orients. Die Straßen sind nur zum Teil gepflastert, eng und krumm, einige von kleinen Bächen durchflossen. Die Stadt hat etwa 30 Moscheen, von denen keine durch ihre Bauart ichriten voe 11 Bäder und einige mit kufischen Inschriften bedeckte Mausoleen. Das Schifteh-Minaret, ein Doppelturm, gilt für das älteste Baudenkmal E.s. Durch Konsulate sind hier Persien und Rußland vertreten. Der ehemals bedeutende Handel der Stadt ist sehr gesunken, seitdem der pers.⸗-europ. Handel seinen Weg nicht mehr über das armen. Plateau, bdie fe durch das russ. Transkaukasien nimmt, und die früher so belebte Karawanenstraße von Trapezunt über E. zur pers. Grenze ist seitdem mehr und mehr verödet, obgleich zwischen erstern beiden Orten seit 1870 eine Art welce besteht. Auch der Gewerbfleiß der Stadt, welche vordem durch ihre Schmiedearbeiten in Eisen und Kupfer ausgezeichnet war und ihre Hufeisen, Trinkbecher, Lampen und mancherlei Hausgeräte in alle Richtungen, namentlich nach Persien, versendete, ist infolge der Auswanderung zahlreicher geschickter armen. Arbeiter auf russ. Gebiet (1829) sehr zurückgegangen. Am meisten haben die Teppich⸗ und Ledermanufakturen gelitten. 87 den Chanen sieht man jetzt 15 und Ten nur pers. Waren, vornehmlich Shawls und Teppiche. Den frühern Ruf als Markt für Pelzwerk und Pferde hat E. verloren. E. ist ein sehr alter Ort, bei den Armeniern Karin oder Garin Khalakh (Stadt der Landschaft Garin) genannt, woraus die Araber Kalikalah machten. Der Feldherr des Kaisers Theodosius II., Anatolius, baute hier im 5. Jahrh. die Festung Theodosiopolis, nordwestlich von der offenen syro-armen. Handelsstadt Arsen, deren Einwohner bei der Zerstörung durch die Seldschuken 1049 sich nach dieser griech. Festung zogen und sie nun Arsen nannten, worauf der Name Arsen-er-Rum, d. h. Arsen der 22 7 Römer oder Griechen, allgemeiner ward. Die Festung war häufig Kriegsplatz. Seit 1049 zu einem reichen Emporium aufgeblüht, fiel sie 7. 1201 in die Hände der Seldschuken, wobei 100 Kirchen zerstört worden und 140000 E. umgekommen 0 sollen. Dann kam sie 1242 in den Besitz der ongolen und 1517 endlich an die Türken. Trotz der türk. Mißwirtschaft blieb sie noch immer die wichtigste Stadt des ganzen Hochlandes und hatte selbst noch vor der rufl. Occupation über 80000 E. Im russ.⸗türk. Kriege von 1828—29 entschied die Croberung E.s, des Bollwerks gegen Rußland und Persien, durch Paskewitsch (9. Juli 1829) den russ. Feldzug in Asien. Im Frieden zu Adrianopel wurde es wieder an die Türken zurückgegeben. Die Russen Zumne aber die Stadt furchtbar verwüstet, und viele rmenierfamilien wanderten auf russ. Gebiet aus. Durch das Erdbeben vom 2. Juni 1859 wurden zahlreiche Gebäude in Trümmer gelegt. Ein Versuch der Russen, die Stadt 9. Nov. 1877 zu überrumpeln, mißlang; erst im Waffenstillstand von Adrianopel (Febr. 1878) wurde ihnen die Besetzung E.s zugestanden, das sie jedoch nach dem Frieden von San-Stefano wieder räumten. Das Vilajet Erzerüm zählte vor dem türk.⸗ russ. Kriege von 1877—78 auf 132223 akm, nach einer unsichern Schätzung, 792 104 CE. Infolge der Bestimmungen des Berliner Kongresses (Vertrag vom 13. Juli 1878) verlor es, durch Abtretung an Rußland der Bezirke Kars, Tsyldir, Ardahan, Olti u. s. w., einen großen Teil nicht nur seiner Ausdehnung und Bevölkerung, sondern diese verminderte sich auch durch Auswanderung (namentlich von Armeniern) auf russ. Gebiet. Durch Vorschiebung des letztern ist die Hauptstadt E. selbst seitdem fast zur Grenzstadt geworden. Das Vilajet umfaßt noch die Sandschaks E., Erzingjan, Bajezid und Baiburt.