FeedFichte
PflanzenreichBrockhaus 1882

Fichte ist die wissenschaftliche Bezeichnung derjenigen Nadelhölzer, welche der Gattung Picea LK. angehören. Die Blätter (Nadeln) sind vierkantig, gleichfarbig grün, in vielzeiligen Spiralen um die Achse der Zweige gestellt, nach allen Richtungen, seltener zweizeilig abstehend. Pollensäcke mit Längsspalt sich öffnend; die Zapfen am Ende der Zweige hängend; die Fruchtteller lösen sich nicht von der Achse des Zapfens; der stets geflügelte Samen fällt, reif geworden, aus dem sich öffnenden Zapfen heraus. Dieser bleibt meist bis zum nächsten it die hängen und fällt dann entleert ab. Linné zählt die F. zur großen Gattung Pinus; spätere Botaniker gebrauchen für die F. auch den Gattungsnamen Abies. Die gemeine F. (Picea vulgaris LX., Abies excelsa DC., Pinus Abies L., Pinus Picea du Eoi) ist die in Europa verbreitetste Art der Gattung Picea. Den Namen F. gebraucht man in Mittel⸗ und Süddeutschland, während man in Nord- und besonders Nordostdeutschland denselben Baum Rottanne oder kurz Tanne nennt, den Ausdruck F. entweder gar nicht kennt oder mitunter sogar die gemeine Kiefer (s. d.) damit bezeichnet. Auch die Namen Schwarz⸗- und Pechtanne kommen hier und da vor. Bei normalem Wachstum ein Baum erster Größe mit schnurgeradem, bis 50 m hohem, nach oben stark abfälligem Stamm pyramidalkegelförmiger Krone und sehr flacher Bewurzelung. Rinde anfänglich glatt, hell rotbraun, später rot- oder graubraun bis grau, dünnschuppig abblätternd. Die in Quirle gestellten Aste stehen in der Mitte der Krone fast rechtwinkelig, die untern abwärts geneigt. Die Nadeln 12 —17 mm lang und Umm breit, am Grunde kurz stielartig verschmälert, stumpf-vierkantig und spitz, glänzend dunkelgrün, auf einem kleinen, erhabenen Polster stehend, in dichte Spiralen gestellt, an den Zweigen nach allen Richtungen oder zweizeilig nach oben gerichtet abstehend, am Wipfel fest angedrückt, bleiben bis zum siebenten Jahre lebendig. Die jungen Triebe entwickeln sich meist Anfang bis Mitte Mai. Zu derselben Zeit blüht auch die F., doch selbst in freier Stellung selten vor dem 50. Jahre im Schlusse erst mit dem 70. bis 80. Jahre. Früheres Blühen ist eine krankhafte, durch ungünstige Standorts⸗ oder Witterungsverhältnisse bedingte Erscheinung. Die männlichen Blüten sind langgestielt, 20—27 mm lang, vor dem Verstäuben kugelig oder eiförmig, ganz hochrot, nach dem Verstäuben durch den vorgequollenen Pollen gelb, in reichen Samenjahren oft über die ganze Krone verbreitet, einzeln zwischen den Nadeln stehend. Die weiblichen Blüten sitzen aufrecht an den Spitzen der vorjährigen Triebe im obern Teile der Krone, sind 30—40 mm lang, walzig, karminrot. Während der Ausbildung des weiblichen Blütenstandes zum Zapfen wendet sich derselbe nach unten, sodaß der junge Zapfen schon zu der Zeit, wo er noch grün aussieht, hängend geworden ist. Der reife Zapfen ist 1016 em lang, 20—25mmstark, walzig-spindelförmig, braun. Das Ausfliegen des Samens erfolgt allmählich vom Herbst bis gegen Ausgang des Winters. Der entleerte Zapfen fällt im Laufe des nächsten Jahres ab. Man rechnet in Mittel- und Norddeutschland alle sechs bis acht Jahre auf ein reichliches Samenjahr, in Süddeutschland häufiger. Der Samen hält sich drei bis fünf Jahre keimfähig. Im Frühjahr gesäet, läuft der Samen nach vier bis fünf Wochen auf ind entwickelt eine Keimpflanze mit sieben bis neun quirlständigen, linealen, feingesägten, hellgrünen Samenlappen. Im ersten Jahre bildet sich eine ziemlich lange, tiefgehende Hauptwurzel mit vielen Nebenwurzeln. Erstere bleibt später zurück, letztere werden vorherrschend und verlaufen horizontal. Daher die für die F. charakteristische tellerförmige Bewurzelung, welche ihr gestattet, auf sehr flachgrundigem Boden zu gedeihen, aber auch den übelstand hat, daß sie vom Sturme leicht geworfen werden. Die zu diesem Artikel gehörige Abbildung auf Tafel: Nadelhölzer, Waldbäume, Taf. I, stellt dar: 1) Zweig mit männlichen Blütenkätzchen. 2) Männliches Kätzchen. 3) Triebspitze mit weiblichen Blütenzapfen. 4) Aufgesprungenes Staubgefäß. 5) Reifer Zapfen. 6) Zapfenschuppe von außen mit der sehr kleinen Deckschuppe am Grunde. 7) Zapfenschuppe von innen mit aufliegendem Samenpaar. 8) Samen mit und ohne Flügel und Flügel allein. 9). Spitze einer Nadel und Querschnitt derselben. 10) Keimpflanze mit noch aufsitzender Samenschale. 11) Galle der Fichten-Rindenlaus (Chermes abietis JL.). (Fig. 1, 5 und 11 sind verkleinert.) Die F. ist im größten Teile Europas heimisch, mit Ausnahme der südl. und nördlichsten Gebiete; sie erstreckt sich von den Pyrenäen bis Ostsibirien und von den nordital. Alpen bis Lappland. Sie ist ein geselliger, waldbildender Baum. Obwohl sie auch in den Ebenen Polens, Litauens, Ostpreußens u. s. w. teils rein, teils gemischt mit andern Holzarten umfangreiche Wälder bildet, scheint ihr doch das Gebirgsklima besonders zuzufagen. Als ursprünglicher Baum kommt sie in einem großen Teile Norddeutschlands und im nordwestl. Deutschland nicht vor, ebenso nicht in den Niederlanden, man findet sie hier nur durch die Kultur eingeführt. Dagegen bedeckt sie die höhern Partien vieler Gebirge (3. B. Harz, Thüringerwald, Erz⸗ und Riesengebirge, Böhmerwald) fast ganz. In den Hochgebirgen bildet sie in Gesellschaft der Krummholzkiefer, allerdings nur als niedriger, krüppelhafter Baum, die Baumgrenze. Je weiter nach Süden, desto mehr wird die F. zum Gebirgsbaum. Im nördl. Norwegen unter 67e geht sie z. B. nicht viel über 200 m; im Harz (Brocken unter 51 48) liegt die Fichtengrenze bei 1000 m, im Riesengebirge (50,45) bei 1200, im Böhmer⸗ und Bayrischen Wald (492) bei 14—1500, in den Walliser Alpen bei 2100, in den Pyrenäen bei 13—1600 m. In den rauhen Hochlagen bleibt der Stamm kurz, tief beastet, daher sehr abholzig; nicht selten schlagen hier die auf dem Boden liegenden Äste Wurzeln, richten ihre Enden empor und wachsen selbständig weiter. Sturm, Schnee und Eisanhang brechen die Wipfel; aber sich emporrichtende Seitenäste bilden neue Wipfel, sodaß sich oft die sonderbarsten Baumformen zeigen. Ihr nutzbarstes Alter erreicht die F. im 80. bis 100. Jahre; sie wird in Kulturwäldern überhaupt wohl selten über 150 J. alt, während in den Urwäldern 400⸗ und 500jährige F. keine Seltenheit sind. Sie liefert ein vorzügliches Bau⸗ und Nutzholz, an Brenngüte steht sie der Buche wesentlich nach. Während die jungen Bestände große Massen wertvoller Stangen geben, welche durchforstungsweise genutzt werden, geben die Althölzer das beste Bauholz, das beste Material zu Schnitt- und Spaltwaren (Bretter, Latten, Gefäße, Schachteln, Spielwaren, Zündhölzchen u. s. w.). Sehr lange und starke F. werden zu Mastbäumen benutzt und teuer bezahlt. Die feinjährig, astlos erwachsenen alten— F. der Urwaldungen in den Gebirgen liefern die Resonanzhölzer für die Instrumentenmacher (bedeutender Handelsartikel z. B. im Böhmerwald). In ausgedehntester Weise wird Fichtenholz zur Herstellung von Holzstoff und Cellulose für die Papierfabrikation benutzt; in Deutschland werden zu diesem Zweck jährlich einige hunderttausend Festmeter verwendet. Die Fichtenrinde benutzt man als Surrogat für Eichenrinde beim Gerben des Leders. Das Fichtenharz schmilzt man in Kesseln und gewinnt so das gemeine gelbe Pech. Zum Zwecke dieser Harznutzung werden ältere Fichtenstämme 1 bis 15 müber dem Boden streifenweise der Rinde beraubt, das hervorquellende Harz füllt diese Streifen (Lachen) aus, erstarrt und wird später ausgekratzt. Da das Harzscharreno die Bäume krank macht, ist diese Nutzung neuerdings um so mehr aus den Fichtenwaldungen verdrängt worden, je mehr die Holzpreise gestiegen sind. Aus der Rinde alter F. dringt nicht selten goldgelbes Harz hervor, welches, an der Luft erhärtet, dunkel wird; die reinen, blaßgelben Stücke kommen unter dem Namen gemeiner Weihrauch in den Handel und werden zu Salben und Pflastern benutzt. Die Nadeln der F. verwendet man mit zur Bereitung von Waldwoller und zu stärkenden Bädern. Letzteres geschieht namentlich mit den jungen Maitrieben. Mit dem Blütenstaube verfälscht man nicht selten den Bärlappbalsam (Semen Lycopodii) der Apotheker. Die ganz junge, noch gallertartige Masse des jüngsten Splintringes wird in Schweden und Lappland frisch gegessen und in Zeiten der Not die innere Rinde, mit Getreidemehl vermischt, zu Brot verbacken. Aus dem durch Abschaben der Cambialschicht frisch im Mai und Juni gefällter F. gewonnenen Rohsaft bereitet man das Vanillin. Die vielseitige Nutzbarkeit des Holzes der F. hat diesem Baum im 19. Jahrh. die besondere Aufmerksamkeit der Forstwirte zugewendet. Ausgedehnte, früher mit der wenig nutzbaren Buche bestockte Flächen sind in neuerer Zeit mit F. bepflanzt worden. Durch Saat, namentlich durch Pflanzung verjüngt man die F. meist ohne große Schwierigkeit, weshalb man ohne Bedenken Kahlhiebe führen kann, wie Harz, Erzgebirge, Thüringerwald u. s. w. beweisen. In Süddeutschland wendet man häufig Vorverjüngungo an, d. h. man verjüngt den alten Stand in allmählichem Abtrieb durch natürlichen Anflug von Samen der Mutterbäume oder durch künstliche Untersaat und Pflanzung. Die F. ist während ihres Lebens verschiedenen Gefahren ausgesetzt, durch Sturm, Schnee, Tiere und Hitze, so- wie durch Insekten und andere Tiere. Borkenkäfer (Bostrychus typographus L. und Verwandte) und der Nonnenschmetterling (Liparis monacha V.) haben 5e schon Millionen von Stämmen getötet, der agroße braune Rüsselkäfer⸗(Hylobius abiètis L.) vernichtet alljährlich Tausende von jungen Pflanzen. Das Rotwild schält gern die Stämme jüngerer F. (Stangenhölzer) und wird dadurch sehr schädlich. Eine Anzahl parasitischer Pilze verursacht Krankheiten der Nadeln, der Rinde und des Holzes. Unter den Pilzen sind erwähnenswert: Agaricus melleus (Erdkrebs), der oft in jungen Pflanzungen, aber auch in ältern Beständen arge Zerstörungen anrichtet, Trametes radiciperda und Pini u. s. w. Die F. ist außerordentlich formenreich. Nach den Zapfen unterscheidet man die erythrocarpa mit roten, kleinschuppigen von der chlorocarpa mit grünen, großschuppigen Zapfen, obgleich rote und grüne Zapfen auf einem Baum gefunden werden. Äls eigentliche Varietäten sind zu betrachten: Schlangenfichte (P. viminalis Alströmer) mit wenig oder gar nicht verzweigten Quirlästen, Schwarzfichte mit dunkeln Nadeln, etwas dunklerm und festerm Holze, straffen Asten, welche erst 8 bis 14 Tage später ihre Winterknospen öffnet, daher weniger von Spätfrösten leidet, als die sog. Weißfichte mit lichterer Benadelung, schlaffern Asten und weicherm, weißerm Holze. In den Alpen wird die auch im Böhmerwald vorkommende sog. Haselfichte auch Weißfichte genannt, sie zeigt wellenförmigen Verlauf der Jahresringe und ist daher auf Radial⸗ und Sehnenschnitt geflammt. Andere Varietäten sind die Karpatenfichte (carpathica Loudon), Sibirische F. (obovata Ledeb., altaica Teylouchoro). Diese und mancherlei andere Varietäten werden in Gärten nicht selten als besondere Arten kultiviert. Von fremdländischen Arten der Gattung Picea sind hauptsächlich zu nennen: Schwarze F. (P. nigra L., Mariana Mll.), ein schöner Baum mit kegelförmiger Krone, dunkelgrünen dicht stehenden Nadeln und kleinen Zapfen, heimisch im engl. Nordamerika und im Osten der Vereinigten Staaten südlich bis Nordcarolina; rote F. (P. rubra LI., americana Gaertn.), unserer F. sehr ähnelnd, unterscheidet sich von ihr durch die an der Oberseite mehr oder weniger blaugrünen Nadeln, erreicht auch nie die Höhe der gemeinen F., heimisch wohl nur im engl. Nordamerika; weiße F. (P. alba Mich., laxa Hhrh.), mit graugrünen, bisweilen blaugrünen, nicht sehr dicht stehenden Nadeln, wächst in Form einer nicht sehr dicken Pyramide, heimisch in den Vereinigten Staaten und im engl. Nordamerika. Namentlich nigra und alba findet man nicht selten in Gärten kultiviert, ebenso die aus Kleinasien stammende morgenländische F. (P. orientalis L.), welche sich durch sehr dicht gestellte kurze dunkle Benadelung auszeichnet; weniger oft findet man die im norddeutschen Klima mitunter durch harte Winter leidende Smiths-F. (P. Smithiana Wall.), welche in ihrer Heimat, dem Himalajagebirge, zu einem schönen, schlanken Baum mit etwas überhängenden Asten erwächst.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 779Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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