Feedaltchristliche oder lateinische Bauweise
BaukunstBau-Lexikon 1881

altchristliche oder lateinische Bauweise, frz. architecture chrétienne primaire, style latin, engl. oldchristiern style, early christian architecture. Ueber die Stellung, welche den ältesten Erzeugnissen christlicher Kunst gebühre, sind verschiedene Meinungen aufgestellt worden. Manche habe denselben kurzweg alle Berechtigung absprechen wollen, in der Kunstgeschichte eine besondere Stelle einzunehmen, indem sie sagten, die Zeit ihrer Fertigung sei alles wahren Kunstgefühls bar und von aller Technik entblößt gewesen, die Architekten und Bildhauer derselben hätten kaum den Namen Handwerker, geschweige denn Künstler verdient. Andere wieder wollten der altchristlichen Bauweise die Stellung eines vollständig abgerundeten Stils einräumen. Näher als Beide kamen Diejenigen der Wahrheit, welche diese Bauweise einen Uebergangsstil vom römischen zum byzantinischen Stil nannten. Noch Andere wollen Das, was wir byzantinischen u. betrachtet wissen; darüber byzantinischer und romanischer bildete allerdings, in Baukunst sich anlehnend, in ihren Anlagen die Grundlage zu allen späteren christlichen Stilen, folglich auch zum byzantinischen u. frühromanischen. Die ältest. Christen lebten unterrömischer Herrschaft, waren römische Unterthanen, zum größten Theil selbst Römer. Natürlich lagen ihnen römische Sitten, also auch römische Baunun, während sie den Landesherren, der römußten sie ihren Gottes⸗ — Sakramente, Bethlehem. verlegten sie ihren Gottesdienst Begräbnisstätten, die Katader Christen. Zu völ-Fig. 144. Aus Ravenna. konnten sie es während dieser bringen, eben so wenig wähunter Hadrian, der ihnen Adrianeen genannt, zu denn diese Pausen wawirkliche Kunstrichtung Bezug auf Disposition Resultat gewonnen, und in Bezug auf Dekoration durch Malerei und Symbolik konnte sich schon in den Katakomben ein System bilden. Als nun 312 nach Chr. Konstantin der Große die neue Religion in Schutz nahm, konnten sie sich selbst Gebäude zu Abhaltung ihres Gottesdienstes aufführen, ja es wurden ihnen hier u. da sogar schon vorhandene zur Verfügung gestellt. Nun galt es, eine völlig genügende Form für diese Gebäude festzustellen. Natürlich lag es näher, dazu vorhandene römische Gebäudeformen zu Grunde zu legen u. dieselben der neuern Bestimmung gemäß fortzubilden, als eine ganz neue zu erfinden. Die Tempel der Heiden, an welche ihrer Bestimmung gemäß zunächst gedacht werden muß, waren nun zwar keine Versammlungshäuser, sondern Wohnhäuser der Götter, bestehend aus einer nur bei den Hypäthraltempeln hellen und geräumigen, im Hintergrund mit einem Sanctuarium versehenen Zelle, oft mit äußerlich umgebender Säulenhalle; s. den Art. Tempel. Die Christen aber brauchten eine große, geräumige, viele Menschen fassende Versammlungshalle, um ihrem Gott vereinigt zu nahen, in sein Haus einzutreten, vor seinen Richterstuhl sich zu stellen und von seinem Tisch zu essen. Dennoch boten jene hypäthralen Tempel, so- wie die zum Theil sehr weiträumigen, auch vielfach in Schiffe getheilten römischen Weihetempel manches brauchbare Element. Die antike Handels⸗ und Gerichtsbasilika (s. d. Artikel Basilika 1.) bot einige ebenso brauchbare Motive, andere zeigten sich in dem ägyptischen X Sal (s. d.), der in der spätrömischen Zeit fast in keinem großen Haus fehlte und den sie daher α samt dem vor ihm liegenden Atrium mit dem Brunnen und Wasserbecken (puteale und im- Ficn, 145. Aus Rovenn schon erwähnten Hausgottesdiensten kennen u. lieben gelernt hatten, der überdies, aus einer Nachbildung des hypostilen Säls im ägyptischen Tempel hervorgegangen, dem Tempel zu Jerusalem ähnlich war, der den ersten Christen, namentlich den Aposteln, besonders theuer sein mußte, schon weil Christus in ihm zuerst gelehrt hatte. Das „Taufenlassen über den Todten“, der Gottesdienst an den Gräbern leitete den Blick auf die heidnischen Mausoleen und Grabtempel (s. d. betr. Artikel). Man kombinirte also die Formen der genannten Gebäude, wobei von manchen derselben einzelne Exemplare sogar direkt benutzt worden zu sein scheinen, und wandelte sie theils durch Veredlung der Verhältnisse, theils durch Hinzufügung ganz neuer Elemente, z. B. der Querschiffe und Triumphbogen, theils endlich durch verän-Jderte Symbolisirung der von den alten Tempeln ent1 lehnten Elemente, z. B. der absondernden, heiligenden Vorhalle mit dem Reinigungsbrunnen, des Altars mit dem Tabernakelüberbau etc., in ein für die neuen Bedürfnisse geeignetes heiliges Gebäude, in eine Kirche um. Im dhallgem. wurde unter den so gebildeten Gebäudeformen für Pfarr⸗ und Abendmahlskirchen die Form der silika (s. d. 2.), für Grabkirchen der Märtyrer (s. P tyrium) und für Stätten, wo man über den Todten ta (s. Baptisterium), in der Hauptsache die nach den Maleen gebildete centrale Form besonders beliebt, ohne jedoch eine feste Norm für diese Verwendung aufges ward. Nun kam es darauf an, zu den gewonnenen Haformen auch die Details organisch zu gestalten; im fang natürlich ging es damit bei dem damals sehr gef kenen Zustand der Technik und der Wissenschaften la sam und unsicher vorwärts; beinahe hundert Jahreen Konstantin noch blieben die Details ganz römisch; das Jahr 425 jedoch begegnen wir neuen Formen, obgleich an römische sich anlehnend, doch schon beien tem mehr Nachdenken, mehr Eindringen in die Aufg des einzelnen Theils dem Ganzen gegenüber zeigen.“ zu kamen Fortschritte in der Technik und die nähere kanntschaft mit den Konstruktionen und Formen Orients, vermittelt durch das oströmische Kaiserth welches bes. nach dem Sturz des weströ-Kaiserthums auch im Abendland Einfluß gearchitektonischen Elemente, die daraus namentlich in Rom und Byzanz selbst, in Venedig, Ravenna, in Palästina und Gallien etc. sich Geltung verschafften, Aachen, an die Wiege der mittelalterlichen Oceidents, ihren Einfluß erstreckten, waren in vom Palast des Theodorich in & Ravenna (um 500). Die Füße D̃ä wurden ebenfalls etwas höher, V elastischer, aufstrebender ge— I form meist noch den attischen D 3. Als vermittelndes Glied zwischen Träger und Last setzte Bogen, einen Würfel (s. Fig. Vaures. fels trat auch wehl ein Simsbunten Ziegeln in abwechselnden Farben ungeputzt gelassen. angewendet wurden, gestalteten sich diehöher und schlanker; einen besondern Bedamaligen schnellen Fortschritte inder Technik Uberwölbung quadratischer Räume durch und die Verbindung dieser beiden durch sowie die Anwendung der Topfgevermehrten Reichthum der Gemeinden wurden Wände, Gewölbeflächen und Fußboden mit Mosaik verziert. Die dabei herrschende Farbenvertheilung e weicht sehr von der antiken ab und zeugt für orientalischen Einfluß. Dieser musivische Schmuck erstreckt sich auch auf Altar und Ambonen (s. d.). 7. Wo die Räume nicht überwölbt wurden, ließ man die Dachkonstruktion häufig sichtbar, doch bediente man sich auch noch hier und da der bei den Römern gebräuchlichen Kasettendecken. Die Hölzer des Dachstuhls u. die zwischen s Sparren und Pfetten entstehenden Felder wurden ebenfalls buntfarbig verziert. 8. Die Ornamente waren nicht mehr wie bei den Röbmern rein ornamental, sondern wurden symbolisch. Das Akanthusblatt wurde allmählich durch Weinblatt, Palme, Kornähre etc. verdrängt und zwischen den Ranken saßen oft symbolische Thiere Taube, Lamm, Hirsch, Pfau, Löwe, Fisch) und andere symbolische Figuren (Sonne, Mond, Sterne, segnende Hand etc.). 9. Innen u. außen, in Hauptformen u. Details wurde die Horizontallinie häufig durchbrochen und aus ihrer bisherigen, von den Griechen bewußt ihr eingeräumten, von den Römern wohl ziemlich unbewußt ihr gelassenen herrschenden Stellung durch das neue charakterisirende Element christlicher Kunst, durch den Rundbogen und das dadurch bedingte Aufstreben und Insichzusammenziehen der Kräfte verdrängt, wenn sie auch wohl nicht ganz. beseitigt wurde, sondern hier und da sogar noch eine wichtige sekundäre Rolle spielte. 10. Der Thurm, öfter rund als quadratisch, tritt zwar hier und da als Begleiter gottesdienstlicher Gebäude auf, hat aber noch keine feste Stellung, sondern steht bald vor, bald hinter, bald neben der Kirche, gewöhnlich isolirt von derselben, als selbständiger Bau. 11. Die Außenseite der Kirche ist im vollen Gegensatz zu dem heidnischen Tempel ziemlich einfach, deutet jedoch in ihrer Gruppirung die innere Organisation an. Die Mauerflächen sind durch Rundbogenfenster unterbrochen oder mit Blendarkaden verziert. Hier und da findet man auch kleine kreisrunde Fenster, seltener ein großes Radfenster; die Portale beschattet eine Vorhalle, deren Dach meist von einem auf 2 Säulen ruhenden Rundbogen getragen wird. Spezielles über die einzelnen kirchlichen Gebäudearten s.d. Art. Basilika, Baptisterium, Martyrium, Grabmal etc. Die Art, wie man kirchliche Gebäude in Gruppen vereinigte, erhellt ohne weitere Erklärung aus beistehendem Plan der Kirchenanlage von Torcello bei Venedig, wo Kathedrale, Baptisterium, Atrium u. Bischofsstuhl von 641, S. Fosca aber aus dem 9. Jahrh. datiren. Die Wohnhäuser behielten zwar im Innern noch zum großen Theil die spätrömische Einrichtung bei, doch nicht ganz ohne Modifikationen (s. d. Art. Haus) während sie in Bezug auf architektonische Details den Fortschritten der Kirchenarchitektur sich anschlossen. Die altchristliche Bauweise konnte schon wegen der Entstehungsgeschichte ihrer Gebäudedispositionen und ihrer Haupt⸗ und Detailsformen nicht zu einem entwickelten Stil sich ausbilden. Aber auch weiter aufsie wirkende, bes. nationale Einflüsse brachten es mit sich, daß sie in lokale Zweige zerfiel, die dann wiederum theilweis sich vereinigten; s. den Art. Merovingerbauten, Ostgothenbauten, armenische Bauweise, angelsächsische Bauweise, lombardische Bauweise, romanischer Stil, byzantinischer Stil etc.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 1, S. 82Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 12

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Baukunst 6