Fortschrittspartei war zunächst der Name einer Partei, die sich in Preußen während der Konfliktszeit 1861 aus den mehr demokratischen Elementen bildete, nachdem die sog. altliberale Partei unter Vincke, welche von 1859 bis dahin die Mehrheit im Abgeordnetenhause besessen, mit dem Rücktritt des aus ihrer Mitte entnommenen Ministeriums Auerswald und mit der schärfern Zuspitzung des Konflikts aufgehört hatte, die Situation zu beherrschen. Die neue Partei konstituierte sich 9. Juni 1861 unter dem Namen „Deutsche Fortschrittsparteis mit einem Programm, in welchem neben vielen entschieden liberalen Forderungen in Bezug auf die innere Politik mit in erster Linie die Forderung einer starken deutschen Centralgewalt in der Hand Preußens und einer deutschen Volksvertretung figurierte. Als Führer der Partei galt der aus den Kämpfen seit 1848 bekannte Waldeck; neben ihm wirkten noch einige andere Männer von 1848, wie Schulze-Delitzsch, Löwe-Kalbe und Joh. Jacoby, der hier die äußerste Linke vertrat, sodann einige Jüngere, wie Forckenbeck und Hoverbeck, die schon in dem Abgeordnetenhause von 1861 eine mehr links stehende Fraktion neben der Vinckeschen Partei, das sog. Junglitauen, gebildet hatten. Die F. verfügte bald über die Mehrheit im Abgeordnetenhause, welche sie bis 1866 behauptete. Ihrer Opposition gegen die von der Regierung unternommene Heeresreform gab sie dadurch Ausdruck, daß sie wiederholt dem Etat ihre Zustimmung versagte, während das Herrenhaus denselben genchmigte und das Ministerium auch ohne die Genehwigung des Budgets seitens des Abgeordnetenhauses die Regierung fortführte. Nach dem Deutschen Kriege von 1866, als das Ministerium Bismarck, gestützt auf die großen militärischen und diplomatischen Erfolge dieses Kriegs, welche zugleich eine thatsächliche Rechtfertigung der von der Opposition so hartnäckig bekämpften Heeresreorganisation enthielten, vor den Landtag trat und durch Einholung einer Indemnität die Hand zur Versöhnung bot, spaltete sich die F.: ein Teil, die erfolgreiche deutsche Politik des Ministeriums im vollen Umfange anerkennend und entschlossen, die Regierung auf diesem Wege energisch zu unterstützen, trat aus und bildete die Nationalliberale Partei (s. d.), während ein anderer Teil auch jetzt an der Opposition gegen das „Konfliktministerium » festhielt, die Indemnität verweierte und auch bei den Verhandlungen über die erfassung des Norddeutschen Bundes meist in der Negative verharrte. Seitdem hat die Deutsche F. als parlamentarische Fraktion sowohl im preuß. Abgeordnetenhause als im Reichstage, erst dem Norddeutschen, dann dem gesamtdeutschen, fortbestanden; sie stellte sich auf den Boden der neuen Thatsachen und unterstützte im allgemeinen die nationale Politik Bismarcks, namentlich gegen die Angriffe der Ultramontanen in dem sog. Kulturkampfe. Beim Militärgesetz, wo es sich darum handelte, ob das stehende Kontingent alljährlich neu bewilligt oder wenigstens für längere Leil fixiert werden sollte, trennte sich wiederum ein eil der F., der für das letztere sich entschied, von dem Gros derselben und bildete unter Löwes Führung eine gesonderte Gruppe. Der sozialen Frage gegenüber verhielt sich die F. ablehnend. Sie vertrat in ihrer aus dem wohlhabenden Bürgerstande sich rekrutierenden Mehrheit den individualistischen Standpunkt, daß der Staat in wirtschaftlichen Dingen durchaus nicht einzugreifen habe, obwohl ein Teil der angesehensten Führer, wie Franz Ziegler, Joh. Jacoby u. a. die Verpflichtung der Gesetzgebung, den arbeitenden Klassen zu Hülfe zu kommen, unumwunden anerkannte. Infolge dieser Meinungsverschiedenheit sagte sich Jacoby im Nov. 1868 von der F. los. Um die infolge der sozialdemokratischen Agitation wachsende Arbeiterbewegung nicht ganz ihrem Parteiinteresse zu entfremden, nahm die F. sich der durch Max Hirsch und Franz Duncker 1868—69 gegründeten Gewerkvereine an; da sie sich aber überzeugte, daß auch diese Organisation nur dazu beitrage, das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu stärken, die Erfolge der Bewegung auch weit hinter den gehegten Erwartungen zurückblieben, so zog sich die Partei als solche allmählich wieder von derselben zurück. Am schärfsten kam dieser individualistische Standpunkt der F. zur Geltung, seitdem Bismarck 1879 mit seinen zollpolit. und sozialpolit. Reformplänen hervortrat. Durch den Tod oder freiwilligen Rücktritt der ältern angesehenen Führer, die, wie Waldeck, Harkort, Löwe, Berger u. a., in diesen ünten eine vermittelnde Stellung eingenommen hatten, war die Leitung der Fraktion in die Hände Eugen Richters übergegangen, der als Publizist durch seine Beziehungen zur fortschrittlichen Tagespresse einen erheblichen Einfluß auf die Partei ausübte und diesen dazu benutzte, der Regierung nunmehr in entschiedenster Weise grundsätzliche Opposition zu machen. Zu diesem Zwecke suchte er mit allen in gleicher Richtung sich bewegenden Elementen Fühlung, geriet aber hierdurch . zu den partilulatisti schen und ultramontanen Bestrebungen in Beziehungen, welche mit den frühern Traditionen der Partei in Widerspruch standen. Dieser Umstand sowohl, als die schroffe Form des polit. Kampfes, der sich nicht allein gegen die Regierung und deren Anhang, sondern auch 90 alle abweichenden Schattierungen der liberalen Partei richtete, riefen allmählich in der F. selbst den Widerspruch vieler Mitglieder hervor, an deren Spitze der Abgeordnete Hänel steht. Dieser Zwiespalt hat bei den Abstimmungen der Fraktion wiederholt einen offenen Ausdruck gefunden, ohne jedoch bisher zu einer Trennung oder einer Anderung der Parteileitung zu führen. Die Mitgliederzahl der F. im Deutschen Reichstage beläuft sich 1883 auf 61. Nach dem Muster der Deutschen F. in Preußen entstanden ähnliche Parteibildungen unter demselben Namen auch in andern deutschen Ländern, die jedoch, je nach den eigentümlichen Verhältnissen dieser Länder, zum Teil einen von dem der preußischen abweichenden Charakter annahmen. Wieder anderer Art ist das, was sich F. nennt, in Bayern und Hessen. Dort sind in der F. alle liberalen Elemente verschmolzen, und da diesen in beiden Ländern hauptsächlich ultramontane gegenüberstehen, die zugleich partikularistisch, reichsfeindlich sind, so hat die F. dort einen vorwiegend nationalen Charakter. So kommt es, daß die bayrische F. sowohl solche Elemente, die im Reichstage der nationalliberalen, als solche, die dort der Deutschen F. angehören, in sich vereinigt.