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ReligionBrockhaus 1882

Franzisieren, französisch, zum Franzosen machen; Franzisation, Französierung. Franziskaner heißen alle Glieder des geistlichen Ordens, den der heil. Franz (s. d.) von Asisi 1208 bei der Portiunculakirche zu Asisi in Umbrien stiftete. Er verschärfte die allgemeinen Mönchsgelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, forderte unbedingten Gehorsam gegen die Obern und hingebende Arbeit in Krankenpflege, Predigt und Seelsorge. Die Glieder dieses Ordens hießen Minoriten, d. h. mindere Brüder (kratres minores), später wurden sie auch Seraphische Brüder, Barfüßer und Graue Brüder genannt. Schon 1212 gründete Clara Seiffi (geb. 1194), aus einem reichen Hause zu Asisi, eine schwärmerische Freundin des heil. Franz, einen weiblichen Zweig des Ordens, nach ihr Clarissinnen (s. d.) genannt. Sie hießen auch der zweite Orden des heil. Franz, oder Orden der armen Frauen, oder nach der Damianskirche, wo sie ihren ersten Sitz hatten, Damianistinnen. Der männliche wie der weibliche Zweig der F. schuf sich eine breitere Grundlage im Volk durch Stiftung eines dritten Ordens, der Tertiarier. Schon Franz von Asisi gründete denselben 1221 für diejenigen Leute, die in der Welt leben und ihre weltlichen Geschäfte nicht aufgeben wollten, aber doch ein göttliches Leben führen wollten: außer einigen leichtern Beobachtungen nahmen sie als äußeres Abzeichen den Gürtelstrick an. Viele von diesen fielen später wegen ihrer Verbindung mit den Begharden und Beguinen der Inquisition in die Hände. Die eigentlichen F., von Innocenz III. nur mündlich bestätigt, erhielten von Honorius III. 1223 mit der Bestätigung ihrer Regel wichtige Vorrechte: sie durften nicht bloß, gleich allen Bettelmönchen, von Almosen, diesem Freitisch des Herrno, leben, sondern auch ohne Erlaubnis der Parochialgeistlichen überall redigen, Beichte hören und infolge dessen Satisaktionen auferlegen und Indulgenzen gewähren. Dazu schenkte der Papst ihnen den unerschöpflichen Portiuncula-Ablaß und entzog sie durchaus der bischöfl. Gerichtsbarkeit, indem er sie bloß dem Ordensgeneral und diesen unmittelbar dem Römischen Stuhl unterordnete: Grund genug, daß der Orden rasch wuchs an Mitgliedern, Einfluß und Reichtum. Die unbegrenzte Seelsorge ließ sie in den weitesten Kreisen Einfluß gewinnen; infolge dessen gewannen sie durch die allgemeine Mildthätigkeit immer mehr Reichtümer, sodaß sie bald Hunderte von Klöstern mit reichem Besitz inne hatten. Jetzt fanden auch gelehrte Bestrebungen Aufnahme, und aus dem Orden der F. gingen Männer hervor, wie Bonaventura, Alexander von Hales, Duns Scotus, Roger Baco, Nikolaus de Lyra, Wilhelm Occam u. a., sodaß die Rivalität zwischen F. und Dominikanern von dem Gebiet der praktischen Seelsorge und Predigt auf dasjenige der Wissenschaft übertragen wurde, auch hier zu einem langen, erbitterten Kampfe führte. (Scotisten, d. h. Franziskaner, und Thomisten, d. h. Dominikaner.). Auch hohe Kirchenämter wurden von F. bekleidet, so gehörten 3. B. die Päpste Nikolaus IV.Alexander V., Sirtus IV. und V., Clemens XIV. diesem Orden an. Diese Ausbreitung des Ordens führte naturgemäß eine Milderung der strengen Regel mit sich, und dieser Umstand, namentlich die Frage wegen des Besitzes, führte zu vielen Streitigkeiten und Spaltungen. Schon zu des Stifters Lebzeiten versuchte Elias von Cortona, während des heil. Franz Abwesenheit mit der Leitung des Ordens betraut, die strenge Regel zu mildern, stieß aber auf Widerstand. Im 1224 zum Generalvikar eingesetzt, erneuerte er dieselben Versuche mit mehr Erfolg; als er jedoch die Gedächtniskirche des heil. Franz mit unerhörter Pracht auszurüsten unternahm, wußte Gregor IX. ihn durch den General Johann von Parent —— Einflusses zu berauben. Nach dessen Tode (1232) zum General gewählt „wurde Elias auf Betreiben der strengern Partei, deren Führer Antonius von Padua und Cäsarius von peier waren, von Gregor IX. (1239) abgesetzt. Innocenz IV. milderte 1245 die Regel und bestimmte, daß die F. liegende Gründe, Häuser und sonstigen Besitz wohl benutzen dürften, daß aber das Eigentumsrecht dem Papste zustehe. Nikolaus III. milderte 1297 die Regel noch mehr. Der General Matthias von Aquas Spartas (seit 1287) begün⸗ . die Milderung, während Peter Johann von Oliva sie auf das heftigste bekämpfte und in seiner „Postilla super Apocalypsino die röm. Kirche als die babylonische Hure bekämpfte. Der Gegensatz wurde immer mehr verschärft, sodaß ein Teil der Spirituglen, der Strengen, von der Kirche ausschied. Johann XXII. verdammte 1317 die Tertiarier derselben als Fraticellen, Beguinen u. s. w., entsagte 1322 dem scheinbaren Besitz der Güter des Ordens, erklärte es für ketzerisch, zu lehren, Christus und die Apostel hätten kein Eigentum besessen, und setzte den Ordensgeneral Michael von Cesena ab, 1328, welcher an der Spitze der strengen Partei diesen Verfügungen widersprach. Auf einem Generalkapitel zu Paris 1329 kam jedoch durch Unterwerfung der Mehrheit des Ordens eine vorläufige Aussöhnung zu Stande. Besondere Vereinigungen der strengern Partei sind die Cäsariner, Cölestiner-Eremiten (mit den Cölestinern nicht zu verwechseln), Clareniner, Clareninerinnen und besonders die Brüderschaft der Soccolanti, d. h. Sandalenträger oder Barfüßer, 1363 bei Foligno in Italien von Paolucci gestiftet. Auf dem Konzil zu Kostnitz 1415 jedoch ward die strengere Partei unter dem Namen Observanten oder Mindere Brüder von der Observanz anerkannt und behielt auch bei der Ausgleichung durch Leo X. 1517 gegen die mildere Partei der Konventualen die Oberhand. Der Observantengeneral ist gegenwärtig als Generalminister zugleich das Oberhaupt des gesamten Ordens und der Superior der Conventualen als Generalmagister ihm untergeben. Die gemeinsame Tracht ist eine dunkelbraune oder graue wollene Kutte, ein Strick um den Leib mit einem knotigen Geißelstrick, eine runde, kurze Kapuze und Sandalen; doch unterscheidet man unter den Observanten nach dem Grade der Verschärfung ihrer Regel regulierte, strenge und strengste Observanten. Die regulierten Observanten wurden in Frankreich Cordeliers, d. i. Strickträger, wegen ihres Gürtelstricks mit Knoten, anderwärts Soccolanten oder Observatiner genannt, unter welchem Namen sie in Italien, der Schweiz und in Amerika noch bestehen. Zu den strengen Observanten gehörten die Barfüßer in Spanien, Portugal und Amerika, die Reformati oder Verbesserten, die Colettaner und Colettanerinnen in Italien und die ehemals in Frankreich weitverbreiteten und jetzt wieder emporblühenden Rekollekten, d. h. Eingezogenen, weil sie bloß dem stillen Nachdenken ergeben waren und durch dienende Brüder Almosen sammeln ließen. Die strengsten Observanten waren die Alcantariner, nach der Reform Peters von Alcantara, mit ganz bloßen Füßen; sie bestehen noch in Spanien und Italien. Die Gesamtzahl aller F. mit Einschluß der Kapuziner belief sich im 18. Jahrh. auf 150000 Mönche, die über 9000 Klöster bewohnten. Ihre Zahl sank zur Zeit der Französischen Revolution um mehr als zwei Dritteile herab, da der Orden in Frankreich, Deutschland, Spanien, Portugal und Oberitalien aufhörte, in den österr. Staaten längere Zeit hindurch keine Novizen mehr annehmen durfte und unter Murat auch in Neapel viele Klöster verlor. Die meisten Glieder zählt der Orden noch in Amerika, in Curopa aber in Portugal, Spanien, Italien, in der Schweiz und Osterreich. Aus Frankreich wurde er 1880 ausgewiesen. [Asisi.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 165Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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