Gelenke Sitz der Krankheit. Gewöhnlich werden neue, anfangs verschont gebliebene Gelenke von der Entzündung ergriffen, während die zuerst befallenen bereits in der Heilung begriffen sind. Fast immer werden die Kranken von einer anhaltenden übermäßigen Schweißbildung befallen, die nicht selten ein ausgedehntes und lästiges Schweißfriesel auf der Haut hervorruft. Entsprechend dem Fieber und der vermehrten Schweißabsonderung ist der Durst der Kranken beträchtlich, ihre Harnsekretion sehr vermindert, der Harn selbst hochrot, stark sauer beim Stehen einen reichlichen ziegelmehlartigen Niederschlag bildend. Die Verdauung ist fast immer gestört, der Appetit fehlt ewöhnlich gänzlich, die Zunge ist weiß oder gelbich schleimig belegt, der Geschmack pappig, bisweilen gallig; öfters ist Brechneigung und fast regelmäßig Stuhlverstopfung vorhanden. Unter den Komplikationen des akuten G. stehen hinsichtlich ihrer Häufigkeit und Gefährlichkeit die Entzündung des Herzfleisches, der innern Herzhaut und des Herzbeutels obenan, die entweder an sich direkt lebensgefährlich werden oder dauernde schwere Folgezustände, insbesondere chronische Herzklappenfehler, hinterlassen können. In vielen Fällen verursacht übrigens diese komplizierende Herzkrankheit gar keine subjektiven Krankheitserscheinungen, sondern kann nur durch die physik. Untersuchung des Herzens erkannt werden. Mitunter treten im Verlaufe eines akuten G. auch schwere Hirnsymptome, wie Delirien, Schlafsucht, Krämpfe, selbst vorübergehende tobsuchtähnliche Anfälle auf, welche einen tödlichen Ausgang der Krankheit herbeiführen können. Die Dauer des akuten G. beträgt in leichtern Fällen etwa 14 Tage, in schwerern viele Wochen. Als günstige Zeichen sind das Aufhören des Fiebers, die Abschwellung der Gelenke, die Verminderung der Schweißbildung und eine normale Harnbeschaffenheit zu bezeichnen. Die Behandlung des akuten G. verlangt, auch in den anscheinend leichten Fällen, vor allen Dingen Iuneien absolute Ruhe und Schonung der affizierten Gelenke durch Bettruhe, zweckmäßige Lagerung, nötigenfalls selbst Fixierung durch leichte Pappwatteverbände, sowie gleichmäßiges Warmhalten durch leichte Umhüllungen mit Werg, Watte, Flanellbinden u. dgl.; in manchen Fällen leisten zwar kalte Maßer m und Eisbeutel unleugbar gute Dienste, aber im allgemeinen werden dieselben von den meisten Kranken weniger gut als die trockene Wärme vertragen. Gegen übermäßige Schmerzen erweisen sich schmerzlindernde Einreibungen (Chloroformliniment, Petroleumäther, Elaylchlorür), sowie Einspritzungen von zweiprozentiger Carbolsäurelösung unter die Haut der Gelenkgegend, unter Umständen auch die örtliche Anwendung der Elektricität nützlich. Von den innern Heilmitteln haben sich neuerdings die Salicylsäure und ihr Natronsalz als vortreffliche Mittel gegen den akuten G. vielfach bewährt. Solange das Fieber währt, ist eine entsprechend schmale Diät zu wählen (s. Fieber); als Getränk reicht man dem Kranken Wasser, Selters⸗ oder Sodawasser, Citronenlimonade, wogegen heiße Getränke ganz zu verbieten sind, weil sie unnütz die — Schweißbildung vermehren. Wenn nach dem Schwinden der akuten Krankheitserscheinungen reichlichere Gelenkausschwitzungen zurückbleiben, so wende man kräftige Hautreize (Blasenpflaster, Jodpinselungen), komprimierende Verbände, in hartnäckigen Fällen Massage an. Während der Genesung hüte sich der Kranke, das Bett zu früh zu verlassen und voreitige Gehversuche anzustellen, da + n leicht ückfälle hervorgerufen werden. Überhaupt meide er nach überstandener Krankheit noch lange Zeit hindurch Erkältungen und übermäßige Anstrengungen, trage wollene Unterkleider, sorge für sonnige und trockene Wohn⸗ und Schlafräume und suche sich allmählich und mit der gehörigen Vorsicht durch kalte Bäder und Abreibungen gegen die Witterungseinflüsse abzuhärten und seinen Körper zu kräftigen. 2) Der akute fieberlose Gelenkrheumatismus (Monarthritis acuta rheumatica) ist eine durch rheumatische Einflüsse hervorgerufene, fieberuimmer nur rein örtliche, keinerlei A gemeinerscheinungen verursacht, gewöhnlich nur ein Gelenk und war mit einer gewissen Vorliebe das Schulter-, nie Fuß⸗ oder Handgelenk befällt, und unter dem Bilde einer einfachen Gelenkentzündung ([. d.) verläuft. Die Behandlung besteht im Fixieren des Gelenks durch geeignete Verbände, in der Anwendung von trockener Wärme und von Hautreizen, im weitern Verlaufe im Gebrauch der Massage und in vorsichtigen passiven Bewegungen. 3) Derschronische Gelenkrheumatismus (Rheumatismus articulorum chronicus, Rheumarthritis chronica) stellt eine sehr schleichende und langwierige, fieberlose, infolge rheumatischer Schädlichkeiten entstehende Gelenkentzündung dar,‚ welche meist nur ein einzelnes oder nur eine geringe 8. von Gelenken ergreift, nicht wie der akute von einem Gelenk auf das andere überspringt und niemals Herzaffektionen zur Folge hat. Er entwickelt sich entweder durch Vernachlässigung und unzweckmäßiges Verhalten aus den beiden vorigen Formen, oder tritt, was das Häufigere ist, von Haus aus als chronische Entzündung auf. Die Schädlichkeiten, welche den chronischen G. hervorrufen, beehen nicht, wie bei dem akuten, in einmaliger tarker Abkühlung der Körperoberfläche, sondern meist in oft wiederholter Einwirkung von Kälte oder Nässe auf den Organismus. Dem entsprechend kommt der chronische G. vorwiegend bei den niedern Volksklassen vor und wird am häufigsten durc das Bewohnen kalter und —4½ Räume, dur Hantieren im Wasser, Stehen auf feuchtem Boden u. dgl. hervorgerufen, aus welchem Grunde Wasserarbeiter, Wasch⸗ und Scheuerfrauen, Tagelöhner, Dienstmädchen und verwandte Berufsklassen mit besonderer Vorliebe von der Krankheit ronische werden. Auch darin unterscheidet sich der chronische G. vom akuten, daß er nicht wie dieser das jüngere, sondern im Gegenteil vorwiegend das Bahre Lebensalter (vom 40, bis zum 60. Lebensjahre) befällt. Die hauptsächlichsten Kennzeichen bestehen in — oder weniger heftigen, hinsichtlich ihrer Intensität sehr schwankenden Gelenkschmerzen, welche bei rauher und stürmischer Witterung gewöhnlich auffallend gesteigert werden, bei warmem und beständigem Wetter hingegen oftmals ganz verschwinden, in einer bald nur mäßigen, bald beträchtlichen Anschwellun der Gelenke, einer gewissen Steifigkeit und Unbeholfenheit des betreffenden Gliedes, und bei längerm Bestehen des Leidens in gewissen Formveränderungen der befallenen Gelenke, in denen man häufig infolge der Rauhigkeit ihrer Gelenkflächen bei Bewegungen ein knarrendes oder knackendes Geräusch vernimmt. Auf das Allgemeinbefinden äußert der chronische G. keine nachteiligen Wirkungen; manche Kranke ertragen ihr Leiden zwanzig, selbst dreißig Jahre hindurch bis an ihr Lebensende. Bei der Behandlung des chronischen G. spielen die Hautreize (Einreibungen mit spirituösen Mitteln, Blasenpflaster, Jodtinktur, heiße Douchen u. dgl.) eine wichtige Rolle, deren Wirkung durch die Anwendung trockener Wärme (Einwickelung in Werg, Watte, Gichtpapier, Flanellbinden) wesentlich unterstützt wird. Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Anregung der Hautthätigkeit wie des gesamten Stoffwechsels durch warme Bäder, durch deren methodische Anwendung in vielen Fällen nicht nur Linderung der Schmerzen, sondern auch eine mehr oder minder vollständige Rückbildung der Gelenkverdickungen erzielt wird. Die Bäder Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VII. können als einfache Warmwasserbäder, Solbäder, Irisch-Römische und Russische Dampfbäder angewendet werden; in hartnäckigen Fällen ist es dienlich, nach dem Bade die Hauttranspiration durch Einwickelung in wollene Decken zu steigern. Von den natürlichen Bädern haben die indifferenten Thermen von Teplitz, Gastein, Wildbad und Warmbrunn, die Schwefelbäder von Aachen und Burtscheid, die Solbäder von Wiesbaden, Kreuznach und Reichenhall besondern Ruf. In hartnäckigen Fällen von chronischem G. wirken oft auch Moorbäder und heiße Sandbäder vortrefflich. Auch die Elektricität, insbesondere der konstante Strom, wird häufig mit Vorteil gegen rheumatische Gelenkleiden benutzt. In neuerer Zeit endlich wurde auch die Massage sowohl zur Verkleinerung der Gelenkschwellungen und Beseitigung der Gelenksteifigkeit wie zur Linderung der Gelenkschmerzen vielfach mit bestem Erfolg angewendet.