FeedKapillarität
TechnikBau-Lexikon 1881

Kapillarität, Kapillarattraktion oder Härröhrchenauziehung, f., franz. capillarité, f., engl. capillary attraction, S., ist die Kraft, welche bei der Berührung flüssiger Körper unter sich oder mit festen Körpern einwirkt. Taucht man z. B. eine oben und unten offene Glasröhre in ein Gefäß mit Wasser, so steht das Wasser in der Röhre höher als im Gefäß, und zwar um so höher, je kleiner der Durchmesser der Röhre ist (Härröhrchen). Enthält das Gefäß Quecksilber statt Wasser, so steht dasselbe in der Röhre tiefer. Es gehört zu diesen Kapillarerscheinungen das Heben des Wassers, wenn man zwei polirte Platten (z. B. von Glas) senkrecht in ein Gefäß mit Wasser stellt u. dieselben nach der einen Seite hin sich immer mehr nähert. Das Wasser zwischen den Platten bildet dann in seiner Begrenzung eine gleichseitige Hyperbel. Auch noch viele andere Erscheinungen sind dahin zu rechnen. Auf der Anwendung dieser Erscheinung beru hen manche Lampen und einzelne kleine Apparate; zur Kraftentwickelung ist natürlich dieselbe nicht hinreichend, da immer nur von sehr kleinen Massen der bewegten Flüssigkeiten die Rede sein kann. „Man nennt hapilläre Erhebungszone diejenige Höhe, bis zu welcher das Wasser im Boden auf kapillarem Weg empordringen kann. Je enger die Kapillarräume sind, um so höher wird das Wasser gehoben. Schumacher sand für thonigen Lehm eine Erhebungszone von 6, m., für Streusand 0, m. Wolf giebt für einen Thonboden , m. an. Bei Humus oder torfigen Bodenarten beträgt sie nach Leclere bis 0,3 1. Für Entwässerungsarbeiten, Röhrendrainage, Wassergräben etc. ist die Kenntnis der Höhe, bis zu welcher in einem Boden das Wasser kapillarisch aufsteigen kann, von Wichtigkeit. Bei Entwässerungsgräben bwird sie vom Meliorationstechniker nur selten berücksichtigt; diese Vernachlässigung hat schon häufig großen Schaden angerichtet, indem z. B. der (Wiesen⸗) Boden bei zu tiefer Sohllage der Entwässerungsgräben zu trocken und unfähig zu Erzeugung der Gräser wurde; leider ist dadurch bei dem (kleineren) Landwirth vielfach Scheu vor dem — nritunter doch so nothwendigen — Entwässern eingetreten. Kayitäl, u., frz. chapiteau, m. engl. capital, chapister, chapiterel, chaptrell, ital. capitello, a., span. scapitél, m., Lat. capitale capitellum, capitulum, auch Capitäl u. sogar Capitell geschrieben, Säulenkopf, Knaufetc., vermittelndes Kapitälglied zwischen Träger und Getragenem, also nach der Beschaffenheit beider zu gestalten. Die Kunsthistoriker begingen bei Besprechung der Kapitäle mit wenigen Ausnahmen den großen Fehler, daß sie die Gestaltungen der Kapitäle viel zu äußerlich auffaßten und dadurch in eine Menge Hypothesen über ihre Entstehung verfielen, welche größtentheils sehr kleinlich, spielend und also eines stilschaffenden, folglich auf hoher Kulturstufe stehenden Volkes unwürdig sind. So soll nach der Meinung einiger dieser Herren das dorische Kapitäl nach einer abgeschnittenen Zwiebel, das ionische nach einer zusammengewickelten Decke etc. gebildet sein, sie folgten dabei Vitruv, ohne zu bedenken, daß dieser zu Beginn der Verfallzeit römischer Kunst lebte und überhaupt ein zu erhöhter Kunstauffassung gänzlichunfähiger Pedant war, daß man also, so schätzenswerth uns auch sein Werk für die Kenntnis damaliger Kunstzustände und Technik ist, doch seine Aussagen genau prüfen und sorgfältig sichten und namentlich in Bezug auf seine Anschauungen u. Aussagen auf ästhetischem Gebiet sehr vorsichtig sein muß. Die Alten hatten es fast blos mit steinernen Säulen und breit aufgelegter Last von horizontalen Hauptdimensionen zu thun; alle ihre Kapitäle bilden daher einen Uebergang von der Vertikallinie des Trägers zur Horizontalen der Last. Im Anfang war man sich allerdings noch nicht klar über das Wesen des K.s, man mochte wohl fühlen, daß ein Mittelglied zwischen Träger und Getragenem nöthig sei, betrachtete aber dies als ganz gesonderten Theil, welcher gewissermaßen die Last auffangen und die Säule ganz oder theilweise entlasten sollte. Will nun ein ästhetisch richtig fühlender und dabei klar denkender Künstler — und das waren die Alten unstreitig — die Hauptgestalten für Konstruktionstheile organisch entwickeln, so wird er sich allemal den betreffenden Theil als den Kraftwirkungen in seiner Form nachgebend, also weich vorstellen. Daß schon die Aegypter dies gethan hatten, sieht man aus den Formen ihrer Kie. Es fehlte ihnen aber noch die Fähigkeit, das, was Oliothek Heidelberg DOFC ihnen in dieser Beziehung das ästhetische Gefühl sagte, zum klaven Ausdruck durchzubilden. Namentlich zeigt sich dies an den Pfeilern Fig. 100, S. 58, Bd. I, wo wir in den Flügeln am Oberende kaum eine schwache Andeutung der Vermittelung zwischen Träger und Getragenem sehen. Bei Fig 98 zeigt sich zwar schon das Streben nach einer solchen Vermittelung deutlicher in den Hohlkehlen über den Isisköpfen, dabei aber noch großes Ungeschick und Mangel an Verständnis. In Fig. 96 u. 101 ist die Aufwärtsrichtung der stützenden Kraft sehr deutlich ausgesprochen, die untere Ausbiegung aber, sowie die obere Zusammenziehung und das Anbringen von Bindungen, nicht nur unter dem K. (Zusammenfassung der ganzen in Rundstäben oder mindestens in Linien sichtbar angedeuteten Kraftelemente der Säule da, wo der Kampf mit der Last beginnt), sondern auch noch an der Ausbauchung der Kapitäle selbst, erscheint fast als Ausdruck der Befürchtung, daß die Last, welche diesen gegen sie kämpfenden Theil schon ohnehin auszubauchen im Stande ist, ihn zersprengen möchte. Die in Fig. 97 und 98 dargestellte Gestaltung hingegen zeigt uns die Kraftelemente der Säule, nach deren Vereinigung durch die Halsbindung, so gestärkt, daß Ueberschuß davon vorhanden ist und ein Theil derselben, unnöthig für das Tragen, frei überhängen, sich frei bewegen kann; in allen diesen Fällen ist der Abakus als ganzneutraler, dazwischen geschobener Körper betrachtet und versinnlicht so — allerdings noch in uneleganter Weise — das vollkommen hergestellte Gleichgewicht. Falsch ist dabei noch die allfeitig gleiche Gestaltung des K.s, da doch die Last nicht nach allen vier Seiten dieselbe ist, sondern sich blos nach zwei Seiten in Form langer Balken erstreckt, also zu der Form Fig. 2268 führen müßte. Dieser Umstand findet sich besser berücksichtigt von den, obgleich viel später bauenden, doch auf gleicher Kunstentwickelungsstufe stehenden u. daher hier zu erwähnenden Buddhisten; s. d. Art. Buddhistisch, Fig. 1020. Bei Gestaltung des eigentlichen K.s dieser Säule scheinen die Indier, und bei Gestaltung ihrer ältesten Kre auch die Aegypter genau denselben Gedankengang befolgt zu haben, wie die Pelasger u. Hellenen bei Gestaltung der etruskischpelasgischen und dorischen K.e. Alle drei zeigen dieselbe Grundform, nicht eine Fortsetzung der Kraftelemente der Säule, sondern einen besonderen Körper, zwischen Träger und Last als Vermittelung eingeschoben; in der Funktion, die seine Schöpfer ihm anwiesen, mußte ein weicher Körper sich wulstförmig herausquetschen, und da die darauf liegende Platte (Abakus) meist breiter war als die runde Säule, so bekamen sie dadurch als Hauptform für das K. die Fig. 2266 dargestellte Grundform nicht blos der älteren ägyptischen, sondern auch der dorischen, etruskischen, toltekischen und indischen K.e, welche also bei vielen kunsttragenden Völkern die erste Kapitälform beim Steinbau ist. Später sah man ein, daß das K. ein integrirender Theil der Säule sein muß und daß die wahre Schönheit verlangt, daß die Träger nicht durch die Last zusammengedrückt seien, sondern ihr wirksam entgegenstreben. Durch diese Betrachtungen aber kam man auf die den Fig. 82, 97 und 98 zu Grunde liegende Grundform, wie sie in Fig. 2267 dargestellt ist. Während nun der älteste Kapitälsrumpf, die gedrückte Wulst, im Anfang fast nur teppichähnlich, später beim Erwachen jenes Gefühls, daß man ein Aufstreben der Kraft gegen die Last ausdrücken müsse, schon mit Andeutungen der Fortsetzung aufwärts gerichteter Kraftelemente verziert wurde (s. d. Art. Dorisch), lag bei der zweiten Grundform die Idee des Aufwachsens, u. somit die Verzierung mit in die Höhe wachsenden und sich eben nach jener Linie ausbiegenden, also bei weiterer Fortsetzung eine abwärts gebogene Schnecke bildenden Ranken sehr nahe, und so entstanden die assyrischen, persischen, ionischen u. bei reicherer Ausbildung jenes Zierelementes die verschiedenen korinthischen und römischen K.e, ebenso wie die Palmblätter⸗ u. Lotuskapitäle der ägyptischen u. indischen Blüteperioden. Gleichzeitig wurde der Abakus nicht mehr als blos dazwischen gelegte Platte behandelt, sondern, durch Glieder belebt und als Abschluß des K.s betrachtet, folgte er zuletzt«auch in seinem Grundriß der oberen Kontur der Kapitälranken. Beim Verfall des römischen und beim Aufblühen der christlichen Stile, als das Gewölbe ästhetische Würdigung zu erhalten anfing, mußte sich die Kapitälform nothwendig ganz ändern. Die Hauptlinie der Last war nun ganz oder nahezu senkrecht u. die Säule schon sehr schwach im Verhältnis zur Breite der aufliegenden Last, so daß ein schwacher Abakus abgeknickt sein würde. Die Kapitälkontur durfte also nach oben zu sich nicht mehr der Horizontalen, sondern mußte sich der Vertikalen nähern. Auch hier schlich sichim Anfang viel Unklarheit ein (die Kämpfe zwischen alter und neuer Form, Versuche u. Uebergänge können wir hier uicht ins Detail verfolgen). Man nahm z. B. das K. als integrirenden Theil der Last an, der einfach auf der runden Säule auflag, u. so entstand die Hauptform (Fig. 2269), welche dem Würfelkapitäl, sowie die, welche dem Trapezkapitäl zu Grund liegt. Bald aber strebte man sie organisch mit der Säule zu verbinden, und so entstand bald ein Profil, Fig. 2270, welches Säule und Last innig verbindet u. zu beiden zu gehören scheint, aber auch wohl unter Trennung in zwei Theile, Kapitäl u. Kämpferwürfel, erreicht wird, wobei dann ersteres zur Säule, letzteres zur Last gerechnet wird, wie das in Fig. 2269 und 2270 punktirt angedeutet ist. Diese Hauptform, bald in zwei Theile getheilt, bald als Ganzes behandelt, außerdem in ihren Verhältnissen und dadurch in der Linienrichtung der Kontur manchfach modifizirt, dennoch in ihrem Hauptcharakter unverändert, liegt sämtlichen früh⸗ und spätromanischen wie byzantinischen, arabischen, normännischen und gothischen Ken zu Grund. Alle Kapitälgrundformen bei ausgebildeten Stilen liegen in, alle Uebergänge und Zwischenerscheinungen zwischen diesen vier Profillinien. Die Verzierungsmethoden derselben, die Feinheiten in Profilgebung und (GGliederung, waren in allen Stilen sehr manchfach, und man wird kaum in irgend einem Stil zwei Gebäude mit ganz genau gleichen Ken finden; ja im Mittelalter war der Reichthum an Phantasie so groß, daß man an manchen Gebäuden eben so viel verschiedene Verzierungsmethoden „derselben Hauptform findet, als Kre da sind. Einige von den Kapitälformen und Verzierungsmethoden haben zu fbesonderen Benennungen geführt, z. B. glockenförmiges od. ekelchförmiges K., franz. ch. Campanulé, engl. Pellshaped .C.; trichterförmiges K., frz. ch. infundibiliforme, engl. funnellike c.; Faltenk., frz. ch. godronné, engl. inden⸗ „ted, invected Ce.; walzenförmiges K., frz. Ch. Cylindri- „Que, engl. cylindrical c.; schlichtes K., frz. ch. Usse, engl. 1 plain c.; ornamentirtes K., frz. ch. ornamenté, engl. orrnamented 4.; Blätterk., frz. ch. Heuris, engl. oliated c.; t Figurenk., frz. ch. animé historié; Vündelk., frz. Ch. 8 àtsbibliothek Heidelberg I 0 mit Knaufblättern, frz. Ch. crochets; gedrehtes K., frz. Ch. Cordé; Würfelk., frz. eb. cubique; schalenförmiges Rand, frz. Ch. urcéolé. In der Neuzeit haben wir ein neues Moment in der Technik, ein ganz anderes Verhältnis zwischen den Dimensionen der Last und der Träger, als je in der Kunstgeschichte dagewesen. Das Hauptmaterial für unsere Säulen ist Eisen und dasselbe gestattet uns, die Säulen ungemein schwach zu machen; dadurch wird eine noch größere Ausladung des Kes nöthig als im Mittelalter, und der Abakus od. Kapitälwürfel muß noch höher sein, um die gewöhnlich ebenfalls lothrecht ankommende Last zusammenzufassen. Infolge der ganz verschiedenen Naturen der Materialien, aus denen die Last und die Träger bestehen, müssen wir den Würfel zur Last und das K. zur Säule rechnen u. den Würfel also so gestalten, wie die Byzantiner ihr K. (also nach Fig. 2269); dadurch bekommen wir für das K. selbst eine horizontal ankommende Last, demnach die Gestalt Fig. 2267, zusammen also Fig. 2271. Wenn aber die Last in horizontaler Gestalt, z. B. als Balken, direkt auf dem K. aufliegt, so bekommit dieses die Gestalt von Fig. 2267, u. wenn sich noch einVermittelungsstücklals Trumholzre.) dazwischen schieht, wird die ganze Gestaltung so werden, wie Fig. 2268 zeigt; ähnlich wird das Profil sich gestalten bei breiter Vermittelungsplatte zwischen K. u. Last. Dies wäre also die Hauptform, welche man den Kin von Eisensäulen zu geben hätte, analog weiter entwickelt nach den Grundsätzen, welche der Kapitälbildung früherer Seile zu Grund lagen.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 3, S. 150Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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