FeedGörres (Jak. 7 von)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Görres (Jak. 7 von), vielseitiger Gelehrter und Publizist, geb. zu Koblenz 25. Jan. 1776, wurde, nachdem er seinen Gymnasialkursus vollendet, durch den Ausbruch des Kriegs mit Frankreich an dem Besuch der Universität verhindert. Er wandte sich begeistert den Ideen der Französischen Revolution zu, trat in Klubs und Volksversammlungen als Redner auf und redigierte auch ein Journal, «Das rote Blatto. Als sich indes der damalige Kurfürst von Hessen in einem Aufsatze beleidigt glaubte, wurde das Blatt unterdrückt, das aber unter dem Titel «Rübezahl im blauen Gewanders wieder auflebte, bis es G. selbst aufgab. Im Nov. 1799 ward G. an der Spitze einer Deputation nach Paris gesendet, um die Vereinigung der Rheingegenden mit Frankreich nachzusuchen. Als aber in Paris inzwischen die Revolution des 18. Brumaire eingetreten war, erkannte G. in Napoleon den künftigen Tyranneno und stand von der Ausführung seines Auftrags ab. Nach der Rückkehr von Paris nahm G. die Stelle eines Lehrers der Naturgeschichte und Physik bei der Sekundärschule in Koblenz an. In dieser Zeit schrieb er Aphorismen über die Kunsto (Kobl. 1802), „Aphorismen über Organonomies (Kobl. 1802), „Exposition der Physiologies (Kobl. 1805), Aphorismen über Wisenp n (Bd. 1, Frankf. 1805), „Glaube und Wisseno (Münch. 1806). G. ging 18⁰06 vieh Heidelberg, wo seine geistreichen Vorträge viele Zuhörer fanden. Mit Brentano und Arnim gab er die Einsiedlerzeitunge heraus. Hierauf ließ er »Die deutschen Volksbüchere (Heidelb. 1807) erscheinen. Nachdem er 1808 nach Koblenz zurückgekehrt war, wo man ihm seine Lehrerstelle offen gehalten hatte, veröffentlichte er die Mythengeschichte der asiat. Weltz (2 Bde., Heidelb. 1810). Auch die Poesie des Mittelalters beschäftigte ihn und führte ihn zur Herausgabe des Lohengrino (Seidelb. 1813). Zur Erweckung des deutschen Sinns, besonders in den Rheingegenden, gab er seit 1814 den Rhein. Merkurs heraus, ein Blatt, das bald bedeutenden Einfluß erlangte. Als dasselbe wegen seiner nationalen Tendenz im Febr. 1816 verboten wurde, ging G. mit seiner Familie wieder nach Heidelberg; später kehrte er nach Koblenz zurück. In dieser Zeit erschienen seine Altdeutschen Volks-und Meisterliederd (Frankf. 1817). Durch den Generalgouverneur des Mittelrheins, Justus Gruner, wurde er zum Direktor des öffentlichen Unterrichts in dessen Gouvernement ernannt. Nachdem er indes schon durch eine 1818 von ihm verfaßte und dem Staatskanzler von Hardenberg übergebene Adresse den Unwillen der preuß. Regierung erregt hatte, gab er dieser durch seine Schrift Deutschland und die Revolutiono (Kobl. 1820) Veranlassung zu dem Befehl, ihn auf eine 0, lchte zu bringen. G. floh deshalb nach Frankreich, lebte einige Zeit in Straßburg und begab sich dann nach der Schweiz. In dieser Zeit erschien von ihm Das Heldenbuch von Iran aus dem Schah-Nameh des Firdüsiv (2 Bde., Berl. 1820), eine Bearbeitung des alten Gedichts für deutsche Leser. 0 bilderreicher, zum Teil dunkler Sprache schrieb er sodann Europa und die Revolutiono (Stuttg. 1821), „In Sachen der Rheinprovinzen, und in eigener Angelegenheito (Stuttg. 1822), Die Heilige Allianz und die Völker auf dem Kongreß zu Veronas (Stuttg. 1822). In Frankfurt a. M. verfaßte er Emanuel Swedenborg, seine Visionen und sein Verhältnis zur Kircher (Speier 1827) und zeigte darin entschiedene Hinneigung zum Mystizismus und zum Ultramontanismus. Von der einheitlichen Macht der kath. Kirche die Verwirklichung seiner Hoffnungen erwartend, trat er als Kämpfer für die Interessen dieser Kirche ein. Dies hatte 1827 seine Berufung auf den Lehrstuhl der Geschichte an der Universität zu München zur Folge. Die kölner Wirren gaben ihm Veranlassung zur Herausgabe des vielbesprochenen Werks «Athanasiuso (Regensb. 1837; 4. Aufl. 1838), worin er den Protestantismus und die preuß. Bureaukratie aufs beftiose angriff und viele Gegenschriften hervorrief. Zugleich begann er 1838 die „Histor.⸗polit. Blättero, für welche +.7 eine große Anzahl in ihrer Art vorzüglicher Artikel lieferte. Von seinen spätern Schriften sind noch hervorzuheben: Die Triarier H. Leo, P. Marheineke und K. Brunop (Regensb. 1838), «Diesch ristl. Mystik» (4 Bde., Regensb. 1836—42), Kirche und Staat nach Ablauf der kölner Irrungo (Weißenb. 1842). Zu Gunsten des kölner Dombaues schrieb er „Der kölner Dom und der straßburger Münster⸗ (Münch. 1844); durch Die Wallfahrt nach Trier⸗ (Regensb. 1845) griff er mit entscheidender Sprache in die Zeitbewegung ein. Im J. 1845 zum Mitlied der münchener Akademie ernannt, veröffentichte er die Abhandlungen über Die 1 Mänch und ihre gemeinsame Heimat Armenieno (Münch. 1844) und Die drei Grundwurzeln des kelt. Stammes in Galliend (Münch. 1845). Letztere Schriften sind als Vorarbeiten einer umfassenden Welt⸗ und Menschengeschichtes zu betrachten, an deren Ausührung er durch den Tod verhindert wurde. Er far 29. Jan. 1848 in München. G. war einer der geistvollsten und eigentümlichsten Publizisten Deutschlands, dessen starke Seite eine unerschöpfliche Jronie gegen den modernen Beamtenstand und dessen künstliche Dressur ist. Wo er auch im Gebiete der Politik, Geschichte und Mythologie umherschweifte, er war Romantiker geblieben, der nicht zur klaren Auffassung der Gegenwart gelangen konnte. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften (S Bde., Münch. 1854—60) wurde von Marie G. veranstaltet. Binder veröffentlichte seine gesammelten Briefe (Bd. 1—3, Münch. 1858 —- 74). Vgl. Denk, «Joseph von G. (Mainz 1876); Sepp, «G. und seine Zeitgenossend (Nördl. 1877). Am 100jähr. Geburtstag G.“ 1876 wurde in München die Görres-Gesellschaft gestiftet zur Förderung wissenschaftl. Lebens im kath. Deutschland.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 207Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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