Guizot (François Pierre Guillaume), bedeutender franz. Staatsmann, Historiker und Publizist, geb. 4. Okt. 1787 zu Nimes, stammte von prot. Eltern und verlor seinen Vater, der Advokat war, 1794 auf dem Schafott. Seine Mutter flüchtete sich nach Genf, wo G. das Gymnasium und die Akademie besuchte. Er ging 1805 nach Paris, um Jura zu studieren, und war 1807—8 Hauslehrer bei Stapfer, dem ehemaligen Gesandten der Schweiz bei der franz. Republik, der ihn besonders zum Studium der deuts —0 Litteratur und Philosophie veranlaßte. Im J. 1812 erfolgte seine Ernennung zum Profeffor der neuern Geschichte an der Sorbonne. Beim Sturze des Kaiserreichs wurde er, auf Royer-Collards zunern welc Generalsekretär im Ministerium des Innern, welche Stellung er bei Napoleons Rückkehr von Elba verließ, um Ludwig XVIII. nach Gent nachzureisen. Mit den Bourbons kehrte er nach Frankreich zurück und versah nun wichtige Amter unter den ersten Ministerien der Restauration. Als konstitutioneller Ropalist stellte er gewissermaßen das Manifest seiner Partei auf in der Schrift Du gouvernement représentatif et de l'état actuel de Francen (Par. 1816; 4. umgearbeitete Aufl. 1821). Auch stiftete er in Verbindung mit Royer-Collard die sog. doktrinäre Schule. Im Geiste dieser Schule verfaßte er die Schrift Les moyens de gouvernement et d'opposition dans l'état actuel de la Francen (1821). Durch seine Hatein gegen das Villelesche Ministerium verlor G. seine Staatsämter; er widmete sich nun eifrig seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Damals erschienen die cHistoire du gouvernement représentatifo (2 Bde., Par. 1821—22), ein Wiederabdruck seiner Vorlesungen, die Collection des mémoires relatifs àI'histoire d'Angleterreg (26 Bde., Par. 1823 fg.), aus dem Englischen übersetzt und von G. mit Einleitungen und Anmerkungen begleitet; die Collection des mémoires relatifs à Thistoire de Franced, mit Anmerkungen und kleinen Abhandlungen (31 Bde., 1823 fg.); die istoire de la revolution d'Angleterrer, von der Thronbesteigung Karls I. bis zum Regierungsantritt Karls II. (2 Bde., Par. 1827 —28 u. öfter). Das Martignacsche Ministerium setzte G. wieder in den Besitz seines Lehrstuhls an der Sorbonne und seiner Stelle im Staatsrat (1828). Als Professor bildete er damals mit Cousin und Villemain das berühmte Triumvirat, das über den öffentlichen Unterricht in Paris so hellen Glanz verbreitete, und an seine Professur knüpften sich seine populärsten Geschichtswerke: der «Cours d'histoire modernen (6 Bde., Par. 1828—30), die Histoire de la civilisation en Europer (Par. 1845 u. öfter) und die Mistoire générale de la civilisation en Francen (4 Bde., Par. 1845 u. öfter). Gleichzeitig wurde er von der Oppositionspartei zu Lisieux in die Deputiertenkammer gewählt, wo er zum linken Centrum gehörte und gegen das Ministerium Polignac die Adresse der 221 votierte. Nach der Revolution von 1830 provisorischer Minister des öffentlichen Unterrichts, sodann Mitglied des Lafitteschen Kabinetts, weigerte sich G., den liberalen Tendenzen des Conseilpräsidenten beizutreten, und gab seine Entlassung. Dagegen unterstützte er das Ministerium Casimir Périer, und bildete mit Thiers und Broglie das Kabinett vom 11. Okt. 1832. Als Minister des öffentlichen Unterrichts übte er vier Jahre hindurch im Conseil sowohl als in der Kammer bei den allgemeinen Verhandlungen großen persönlichen Einfluß und beförderte das Durchdringen der Repressippolitik, that aber auch viel für die Verbesserung des öffentlichen Schulwesens in Frankreich. Unter dem Ministerium Molé (15. April 1837) gehörte er zur Opposition. Mit Beginn der orient. Wirren ward G. Anfang 1840 an Sebastianis Stelle als Gesandter nach London geschickt, auf welchem Posten ihn auch Thiers, der nach dem Siege der parlamentarischen Koalition ans Ruder (März 1840) gelangte, beließ. Sein Ruf, seine Konfession, seine Arbeiten über engl. Geschichte und Litteratur, die puritanische Würde seines äußern Benehmens gewannen ihm in dieser Stellung ein großes persönliches Ansehen, doch erlitt er in der orient. Frage die vollständigfte diplomatische Niederlage. Nachdem Ludwig Philipp das Ministerium Thiers entlassen, übernahm G. unter der nominellen Präsidentschaft des Marschalls Soult 29. Okt. 1840 das Portefeuille des Auswärtigen und wurde nach Soults Rücktritt im Sept. 1847 auch der offizielle Chef des Kabinetts, das bis zur Revolution von 1848 im Amte verblieb. Dasselbe war das Werkzeug der persönlichen Politik des Königs, die nach außen Frieden um jeden Preis, nach innen Stillstand zum Zielpunkt hatte. Durch seine Wahlkorruption 1846 und durch die hartnäckige Ablehnung jeder Wahlreform rief er die zunächst gegen seine Person gerichtete Bewegung von 1848 hervor. Am 23. Febr. wurde das Ministerium G. entlassen; am 24. floh er nach England, wurde von der provisorischen Regierung in Anklagestand versetzt, kehrte jedoch, vom Gerichtshof freigesprochen, 1849 nach Paris zurück und suchte wieder ins polit. Leben einzutreten, erhielt jedoch kein Abgeordnetenmandat. Er wurde ein eifriger Beförderer des Systems der Fusion, d. h. der Ausgleichung zwischen den beiden vertriebenen Königslinien zum Vorteil einer monarchischen Restauration, und suchte diese Fusionspolitik in Flugschriften zu rechtfertigen. „Der Staatsstreich 1851 störte ihn in dieser Thätigkeit und veranlaßte ihn, wieder nach England zu Rttere Nach seiner Rückkehr von da nahm er seine itterarischen Studien wieder auf, wurde 1854 Präsident der pariser Akademie der moralischen und polit. Wissenschaften und sprach sich im Mai 1870 in einem offenen Briefe für die Annahme des Plebiszits aus. Auf der 20. Nov. 1873 in Paris eröffneten Synode der reform. Kirche setzte er, der starrsten Orthodoxie huldigend, den Beschluß durch, daß nicht bloß von den Geistlichen vor dem Eintritt in ihr Amt, sondern auch von denjenigen, welche die Mitglieder der Konsistorien der reform. Kirche wählten, die Anerkennung des orthodoxen Glaubensbekenntnisses gefordert werde. Infolge dessen wurden in Paris, wo die Orthodoxen die Mehrheit hatten, 27.April 1874 sämtliche Wähler, welche sich dem Glaubensbekenntnis nicht unterwarfen, aus der Wählerliste gestrichen, wogegen diese protestierten. Dadurch wurde die in dieser Kirche bestehende Spaltung zwischen Orthodoxen und Liberalen (meist in der Provinz) noch bedeutend vergrößert. G.ward 1832 in die Akademie der moralischen und polit. Wissenschaften, 1833 in die Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften, 1836 in die Französische Akademie aufgenommen, war also Mitglied von drei Klassen des Instituts. Er starb 12. Sept. 1874 auf seinem Landgute Val-Richer in der Normandie (Depart. Calvados). Seine Leiche wurde 15. Sept. 1874 auf dem Kirchhofe von St.⸗Ouen-le-Pin beerdigt. Von Gis Schriften sind noch außer den genannten zu erwähnen: Wasbingtono (Par. 1841), eine Einleitung zu Vie, coxrespondance et écrits de Washingtono (6 Bde., Par. 1830—40), das autobiographische Werk Mémoires pour servir à Phistoire de mon tempso (Bd. 1—9, Par. u. Lpz. 1858-68), (Histoire parlementaire de Francen (4 Bde., Par. 1863), Méditations sur la religion chrétienne dans ses rapports avec l'état actuel des sociétéso (3 Bde., Par. 1865 — 68), ferner Mélanges biographiques et littéraireso (Par. 1868), Meélanges politiques et historiquesv (Par. 1869), Les vies de quatre grands chrétiens françaiso (Par. 1873) und Histoire de France racontée à meés petits enfantso (5 Bde., Par. 1872—75). Der letzte Band wurde nach G.s Entwurf von seiner Tochter, Madame Cornelis de Witt, beendigt, welche auch, nach dem Tode ihres Vaters, die Histoire d'Angleterre racontée à mes petits enfantso (2 Bde., Par. 1876) besorgte. Vgl. Mazade, Mortrait d'histoire morale et politique du temps Jacquemont, Guizot etc. (Par. 1875); Madame de Witt, geb. Guizot, «Monsieur 6. dans sa famille et avec ses amiso (Par. 1880). G.s erste Gemahlin, Elisabeth Charlotte Pauline de Meulan, geb. zu Paris 2. Nov. 1773, war die Tochter eines Obersteuereinnehmers. Die Revolution, welche das Vermögen ihrer Familie ruinierte, veranlaßte sie zu litterarischen Arbeiten. Sie schrieb Romane, Erzählungen für Kinder und Journalartikel, meistens Bücherkritiken, die in ihren Essais de littérature et de moralen (Par. 1802) gesammelt erschienen. G. heiratete sie 1812. Ihre Schriften für die Jugend wurden mehrmals von der Akademie gekrönt. Ihr Hauptwerk sind die (Lettres sur L'éducationo (2 Bde., Par. 1826; 2. Aufl. 1828). Sie starb 1. Aug. 1827. — G.s zweite Gemahlin, Marguerite Andrée Elisa Dillon, eine Nichte seiner ersten Gattin, geb. 20. März 1804, gest. 11. März 1833, ist ebenfalls als Verfasserin von Erziehungsschriften (Carolinev, neue Aufl., Par. 1840) bekannt.