Guerrazzi (Francesco Domenico), ital. Schriftsteller und Politiker, geb. in Livorno 12. Aug. 1804, studierte zu Pisa die Rechte, wurde schon während seiner Studienzeit aus polit. Gründen vielfach verfolgt, lebte dann als Sachwalter in Livorno, unermüdet für die Freiheit Italiens thätig, weshalb er zu wiederholten malen gefangen gesetzt und (1830 und 1834) auf die Insel Elba verbannt wurde. Nachdem er 1838 die Freiheit wiedererlangt, ging er nach Florenz, beteiligte sich aufs neue eifrig an den geheimen Gesellschaften und gewann großen polit. Einfluß in Toscana. Da die revolutionären Kundgebungen in Livorno Ende 1847 und Anfang 1848 seinem Wirken, namentlich seinem offenen Briefe an Mazzini, zugeschrieben wurden, ward er 11. Jan. 1848 abermals verhaftet und nach Elba in das Fort Ferrago abgeführt, erhielt jedoch bald seine Freiheit wieder, trat nun mit Mamiani, Montanelli, Mazzini, Tommaseo, Gioberti u. a. in Verbindung, gründete und redigierte in Florenz die republikanische Zeitschrift L'Intlessibiles, agitierte eifrig für Italiens Umgestaltung und wurde zum Deputierten gewählt. Im Okt. 1848 berief ihn der Großherzog Leopold II. ins Ministerium als Präsident des Kabinetts mit dem Portefeuille des Innern. Trotz seines zweideutigen Auftretens in diesem Amte, indem er sein Ziel, die Republik Italiens, mit immer größerm Eifer verfolgte, wurde er, nachdem der Großherzog im Febr. 1849 nach Santo-Stefano bei Siena entflohen war, vom Parlament mit Montanelli und Mazzoni zum Triumvir ernannt und bald darauf (27. März) zum Diktator. Als solcher suchte er der einbrechenden Anarchie zu wehren und widersetzte sich der Proklamation der Republik und dem Anschluß Toscanas an die röm. Republik Mazzinis. Nachdem infolge der Niederlage der ital. Armee bei Novara und der Gegenrevolution in Florenz die großherzogl. Regierung wiederhergestellt worden war, wurde G. verhaftet und ins Staatsgefängnis nach Volterra gebracht, wo er seine durch Feinheit des Stils und dialektische Gewandtheit berühmt gewordene Verteidigungsschrift Apologia della vita politica di Francesco Domenico G. (Flor. 1851) verfaßte. Nach dreijähriger Haft zu ail aber jährigem Kerker mit Zwangsarbeit verurteilt, aber zu lebenslänglicher Verbannung begnadigt, lebte er auf Corsica, mit litterarischen Arbeiten beschäftigt. Seit 1855 hielt er sich in Savona und Genua auf. An den Ereignissen von 1859, welche ihm die Rückkehr nach Toscana gestatteten, nahm er keinen Anteil, und auch seitdem, obwohl in der Folge wiederholt ins Parlament gewählt, mochte er sich nicht mit der neuen Ordnung der Dinge befreunden und verbrachte den Rest seines Lebens auf seinem Landhause bei Livorno. Er starb 23. Sept. 1873 im Fitto di Cecina (im Kreise Volterra der Provinz Pisa) und wurde zu Livorno 28. Sept. beerdigt. G.s Schriften, welche von staunenswerter Gelehrsamkeit, Meisterschaft in den Schilderungen, Originalität, kräftigem Stil und einer unerschöpflichen, aber zu Ungeheuerlichkeiten geneigten Phantasie zeugen, sind namentlich: La battaglia di Beneventor (4 Bde., Livorno 1827; seither über fünfzigmal gedruckt; deutsch von Fink, Stuttg. 1853), ein origineller, kraftgenialischer Tendenzroman; «Orazioni funebri d'illustri Italianio (Flor. 1835; 8. Aufl., Palermo 1861), L'assedio di Firenzen (5 Bde., Par. 1836, unter dem Pseudonym Anselmo Gualandi; seither über dreißigmal gedruckt; letzte Ausg., 2 Bde., Mail. 1882; deutsch von Fink, Stuttg. 1849), «Veronica Cybo, duchessa di San Giulianop, histor. Erzählung (Livorno 1837; 8. Aufl., Flor. 1869), «Isabella Orsini, duchessa di Bracciano, histor. Erzählung (Livorno 1844, 11. Aufl., Flor. 1875), A Giuseppe Mazzinio (Livorno 1848; 3 Aufl. im gleichen W. u „Memorie (Livorno 1848; gleichfalls 3 Aufl. im gleichen Jahre), Beatrice Cencio (Livorno 1854; 2. Aufl., 2 Bde., Pisa 1864; deutsch 1858), Pasquale Sottocornoß (Tur. 1857; 4. Aufl., Mail. 1862), „La torre di Nonza, histor. Erzählung (Tur. 1857; 5. Aufl., Mail. 1883), L'asinop (Tur. 1857; 6. Aufl., 2 Bde., Mail. 1863), eine Satire, worin mit großer Gelehrsamkeit alles niedergelegt ist, was aus Litteratur und Geschichte der Völker über den Esel anzuführen ist; «Pasquale Paoli, ossia la rotta di Pontenorop (Mail. 1860; 7. Ausl. 1872), II Buco nel murop (Mail. 1862; 7. Aufl., Livorno 1875), «Vita di Andrea Doriao (Mail. 1863; 3. Aufl. 1874), Paolo Peliccionio, histor. Erzählung (Mail. 1864; 4. Aufl., 2 Bde., 1874), „L'assedio di Roma (Livorno 1864; 4. Aufl., Mail. 1870). Sammlungen seiner Werke sind zu Livorno (12 Bde., 1848 -49) und Mailand (15 Bde., 1868) erschienen. Vgl. Corona, Francesco Domenico G.v (Biella 1873); Fenini, Francesco Domenico G.„ (Mail. 1873) und „Manzoni e Guerrazzio (deutsch von Kitt, Mail. 1875); Bosio, La vita e le opere di Francesco Domenico G. (Mail. 1877).