FeedHaare
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Haare (der Pflanzen) nennt man in der Botanik in der Regel diejenigen Gebilde, welche auf der Oberfläche von Stengel, Wurzel und Blättern über der Epidermis stehen und aus dieser, nicht aber aus dem darunterliegenden Gewebe entstanden sind. Es gehören jedoch nicht alle Organe, die aus der Epidermis hervorgehen, zu den H. oder (wie man sie auch häufig nennt) zu den Trichomen; so entstehen z. B. die Sporangien der Farne ebenfalls aus der Epidermis. Die Form der H. ist eine sehr verschiedenartige. Je nach der Anzahl der Zellen, aus denen sie bestehen, unterscheidet man einzellige und mehrzellige. Die erstern können kleine papillenartige oder blasenartige Erhebungen darstellen, wie auf vielen Blumenblättern mit sog. Samtglanz, oder auch lange Schläuche, die miteinander verflochten sind, wie sie sich in den Filzüberzügen an manchen Blättern finden; auch stern⸗ oder strahlenförmige Verzweigung kommt bei einzelligen H. vor. Zwischen den papillenartigen und schlauchförmigen H. gibt es alle Üübergänge. Bei den mehrzelligen H. sind zu unterscheiden solche, die aus einer Reihe von Zellen bestehen, und solche, die aus mehrern Reihen zusammengesetzt sind. Die erstern sind die häufigern; sie können mit einer zugespitzten oder mit einer köpfchenartig angeschwollenen Zelle endigen; wird von der kugeligen Endzelle ein Sekret abgeschieden, wie dies bei den meisten stark riechenden oder klebrigen Pflanzen der Fall ist, so bezeichnet man solche H. als Drüsenhaare (Glandulae). Ebenso wie bei den einzelligen H. kann auch bei den mehrzelligen eine stern⸗ oder büschelartige Verzweigung stattfinden. Zu den aus mehrern Zellreihen zusammengesetzten H. gehören eine große Anzahl derjenigen Gebilde, die man häufig als Borsten von den H. unterscheidet. Dieselben besitzen eine größere Steifheit, die in manchen Fällen durch Inkrustierung der Zellwände mit Kieselsäure oder Krystallen von oxalsaurem Kalk hervorgerufen wird. Übrigens sind nicht alle Borsten mehrzellig, sondern viele bestehen bloß aus einer großen Zelle mit stark verdickten Wänden, wie die Borsten der Boragineen. Die Schuppen und Zotten, die bei vielen Pflanzen vorkommen und gewöhnlich der Epidermis dicht anliegen, sind aache. mehrzellig und bilden gewöhnlich eine Zellfläche. Die stachelartigen Organe sind aus zahlreichen, stark verdickten Zellen zusammengesetzt; sie sind zum Teil jedenfalls echte Trichome, d. h. sie 1˙⁷ aus der Epidermis hervor, in den meisten Fällen jedoch, wie bei den Stacheln der Rose, beteiligt sich außer der Epidermis noch das unter dieser liegende Rindengewebe an ihrer Bildung. Eigentümliche H. sind die Brennborsten oder Brennhaare, wie sie sich bei einigen Urticaceen, zu denen die Brennnessel gehört, finden. Es sind meist konisch zulaufende große Zellen, die auf einem Gewebepolster aufsitzen; an der Spitze zeigen sie eine hakenförmige Krümmung, und das äußerste Ende ist etwas angeschwollen; an dieser Stelle ist die Membran stark verdickt und außerdem noch infolge der Einlagerung von Kieselsäure sehr zerbrechlich. Stößt man an diese Spitze an, so bricht das Köpfchen ab, und der scharfe Zell saft, welcher Ameisensäure enthält, fließt heraus; gelangt er dabei auf die Haut, so wirkt er brennend und blasenerzeugend. Die Verteilung der H. auf die einzelnen Organe der Pflanzen ist sehr verschiedenartig; während bei einigen die Blätter mit dichtem Filz überdeckt sind, haben andere ganz kahle Blätter; dasselbe gilt auch von den Stengeln, den Blüten, Früchten und Samen; so sind z. B. die Samen der Baumwollstaude mit dichtem Haarüberzug versehen, ebenso die Samen mehrerer Asclepiadeen, während bei den meisten andern Pflanzen die Samen vollständig kahl sind. Nur bei den Wurzeln herrscht insofern übereinstimmung, als hier in einer größern Entfernung von der Spitze ein Kranz von einzelligen unverzweigten H. auftritt, der für die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Boden von großer Wichtigkeit ist. Die Wurzelhaare sind aber stets nur in einer bestimmten Region vorhanden, da sie immer in einiger Entfernung von der fortwachsenden Spitze entstehen und bald darauf wieder absterben. Räheres über die Wurzelhaare s. unter Wurzel.) Da sämtliche H. nur Epidermisgebilde sind, so können sie auch nur so lange bestehen, als an den betreffenden Pflanzenteilen die Epidermis erhalten bleibt. Bei jeder Korkbildung, mit der eine Zerstörung der Epidermis verbunden ist, müssen deshalb auch die H. abgeworfen werden. An oberirdischen Organen kommt es ziemlich selten vor, daß nur eine Art von H. der Epidermis aufsitzt; gewöhnlich sind mehrere Formen vorhanden, die untereinander zerstreut stehen. Manche Pflanzenfamilien sind durch besondere Arten von H. charakterisiert, wie z. B. zahlreiche Cruciferen durch Sternhaare, die Malvaceen durch büschelförmig verzweigte H. u. s. w.; in den meisten Familien aber wechselt die Behaarung außerordentlich. Familien, bei denen fast gar keine H. auftreten, gibt es nur wenige, z. B. die Nadelhölzer, Über die physiol. Bedeutung der H. läßt sich nicht viel Sicheres angeben. In vielen Fällen bewirkt eine starke Behaarung Herabsetzung der Wasserverdunstung; es sind deshalb sehr viele Pflanzen, die an trockenen Standorten wachsen, mit einem Haarüberzug versehen. Daß durch Temt Behaarung * ein Schutz gegen niedrige emperaturen und häufigen Temperaturwechsel erzielt wird, ist jedenfalls wahrscheinlich; doch es gibt auch viele Pflanzen, die in den kältesten Reionen vorkommen und nur einen sehr spärlichen aarüberzug besitzen. Einzelne Haarformen, wie Drüsenhaare, Brennhaare, haben sicherlich andere Funktionen; dasselbe gilt auch von den stachelartigen Trichomen, sowie von den bei einigen windenden und kletternden Pflanzen, z. B. beim Hopfen, vorkommenden sog. Klimmhaaren. Die letztern dienen jedenfalls dazu, um das Winden, beziehungsweise Klettern, zu erleichtern.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 676Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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