Leonardo da Vinei, der vielseitigste und einer der genialsten Künstler des ital. Renaissancezeitalters, geb. 1452 in dem Flecken Vinci zwischen Florenz und Pisa, erhielt seine Erziehung in Florenz, zunächst im Hause seines Vaters, Ser Piero da Vinci, Notars der Signoria. Schon in seiner Jugend widmete er sich dem Studium der exakten Wissenschaften, insbesondere der Mathematik und Mechanik mit gleichem Eifer wie der Erlernung der schönen Künste. Über die ersten 40 Jahre seines Lebens sind nur spärliche fest beglaubigte Nachrichten vorhanden. In der Biographie L.s von Vasari und in der kürzern, mehr sachlichen des sog. Anonymus des Milanesi finden sich die etwa dreißig Jahre nach dem Tode L.s umlaufenden Traditionen über sein Leben niedergelegt. Fest bezeugt ist, daß er bereits 1472 als selbständiger Maler thätig war. In den folgenden Jahren arbeitete er im Atelier des florentiner Bildhauers Verrocchio. Doch ist kein einziges Skulpturwerk L.s erhalten. Im J. 1480 malte L. ein großes Altarbild, die Anbetung des Christkindes durch die heiligen drei Könige, für die Mönche von San-Donato bei Florenz. Dieses durch zahlreiche noch erhaltene Federskizzen vorbereitete Tafelbild blieb im Stadium der Untermalung liegen und ist ietzt in der Uffiziengalerie in Florenz ausgestellt. Aus derselben Zeit etwa stammt das gleichfalls unvollendete Bild des heil. Hieronymus in der vatikanischen Pinakothek. Nach Vasari hat L. auch einen Engel in dem einzigen Bilde Verrocchios, die Taufe Christi, jetzt in der florentiner Akademie der schönen Künste, gemalt. Die übrigen ihm zugeschriebenen Werke derselben Epoche sind nicht beglaubigt. Im J. 1482 verließ er Florenz, nicht um sofort, wie bisher angenommen wurde, in Mailand sich niederzulassen, sondern wahrscheinlich, um außerhalb Italiens eine Stellung zu suchen. Aus dem Inhalte einzelner dem L. zugeeigneter Briefe haben einzelne Forscher geschlossen, daß er sich als Ingenieur in den Dienst des Sultanats von Ägypten begeben hatte, und in Armenien mit der Mission betraut war, den Ablauf eines durch Bergstürze neugebildeten Sees zu regulieren. Um 1487 kam L. ů9 Mailand, in den Dienst der Herzöge Galeazzo und Lodovico il Moro. Dem letztern hatte er seine Dienste selbst angeboten in einem noch erhaltenen Schreiben, worin von seinen künstlerischen Befähigungen nur nachträglich und beiläufig die Rede ist, während auf dem Gebiete des Kriegsingenieurwesens eine lange Reihe außerordentlicher Leistungen hervorgehoben wird. Seine wichtigste Thätigkeit im Mailändischen war indes die Gründung einer neuen Malerschule, deren hervorragendste Vertreter Giovan Antonio Boltraffio, Cesare da Sesto, Giovan Antonio Bazzi Sodoma genannt, ferner Marco d'Oggionno, Gian Pietrino und Salaino gewesen sind. Von ihm wurden auch Bernardino Luini, Andrea Solari, Bernardino de' Conti, Gaudenzio Ferrari und andere bedeutende Maler der Lombardei beeinflußt, ohne daß diese seine Schüler gewesen wären. Das Projekt des Herzogs, dem Gründer der Dynastie, Francesco Sforza, ein Reiterstandbild zu errichten, kam angeblich darum nicht zur Ausführung, weil L.s Entwurf zu kolossal angelegt war. Das Modell ging im Anfang des 16. Jahrh. zu Grunde, und da keine Nachbildungen des Originals auf uns gekommen sind, so können wir uns nur nach den vorbereitenden Skizzen L.s eine Vorstellung davon verschaffen. Das Wandgemälde des heiligen Abendmahls im Refektorium des Klosters Sta.⸗Maria delle Grazie wurde 1198 vollendet nach weniger als vierjähriger Arbeit. Häufige Restaurationen haben dieses weltberühmte Meisterwerk seither stark verändert, aber zahllose Reproduktionen (berühmter Stich von Rafael Morghen) haben es zu einem der populärsten Bilder der Welt gemacht. „Bei dem Sturze des Herzogs 1499 ging L. nach Florenz. Im J. 1502 ernannte ihn Cesare Borgia zum technischen Inspektor der Befestigungsbauten in seinen mittelital. Staaten, doch die politischen Ereignisse des folgenden Jahres veranlaßten L. wieder nach Florenz zu gehen. Nachdem er hier das Porträt der Mona Lisa, jetzt im Louvre in Paris, gemalt hatte, wurde ihm der Auftrag, im Ratssaal des Palazzo della Signoria die Schlacht von Anghiari zu malen. Intriguen veranlaßten im Mai 1506 die Unterbrechung der Arbeit. Schließlich teilte das Werk das Los, welches auch Michel Angelos Konkurrenzarbeit, der Komposition der „Badenden Kriegero, nicht erspart blieb: selbst die Kartons wurden zerstört; von beiden besitzen wir nur noch die Vorstudien und schlechte alte Reproduktionen einzelner Gruppen (der Kampf um die Fahne). In den folgenden Jahren verweilte L. abwechselnd in Mailand und Florenz. Im Herbst 1514 ging er mit mehrern mailänder Schülern nach RRoyom, wo Giuliano de' Medici ihm im Vatikan Wohnung gab. Weder dort noch in Frankreich, wohin ihn bald nachher Franz I. berief, ist L. mit monumentalen Hnßtteriichen Arbeiten betraut worden. Er starb 2. Mai 1519 in Cloux bei Amboise, nachdem er seinem Begleiter, dem jungen mailänder Edelmann rancesco Melzi, seine zahlreichen Manuskripte und Zeichnungen testamentarisch vermacht hatte. Der Inhalt der erst jüngst publizierten Handschriften bestätigt die Aussagen der Biographen über seine außerordentlichen wissenschaftlichen Kenntnisse. Sie erstrecken sich auf die Kunstlehre (⸗Trattato della pitturao), Architektur, Anatomie, Astronomie, physische Geographie, Mechanik und verwandte Gebiete, und enthalten auch Fabeln, humoristische Prophezeiungen» u. dgl. m. In der Wissenschaft vertritt er Uüberall die Grundsätze der analytisch-empirischen Methode. Seine Handschrift läuft von rechts nach links und ist auch wegen der mehr phonetischen als grammatikalen Orthographie schwer zu entziffern. Von echten Bildern ist außer den genannten nur noch die Madonna in der Felsgrotte im Louvre in Paris als unzweifelhaft zu nennen. Ravaisson-Mollien hat die vollständige Ausgabe der Manuskripte L.s (Les Manuscrits de Léonard de Vinciv, Bd. 1—2, Par. 1881 fg.) begonnen, in welcher der faksimilierten Reproduktion des Originals die Transskription und franz. Ubersetzung zur Seite geht. Eine reiche Auswahl aus den Handschriften L.s, systematisch geordnet und mit vielen Illustrationen versehen, bietet Richter in seinem Buche: The literary works of L. da Vincio (2 Bde., Lond. 1883). Vgl. ferner: G. Uzielli, Ricerche intorno a L. da Vincis (zwei Folgen, Flor. 1872 und Rom 1884); Amoretti, Memorie storiche su la vita di L. da Vincio (Mail. 180½); Belgiojoso, «Saggio delle opere di L. da Vinci Mail. 1872). Die beste Ausgabe des sog. «Trattato della Pitturas, nach einer vatikanischen Handschrift, welche aus L.s Manuskripten von einem Unbekannten um die Mitte des 16. Jahrh. zusammengestellt wurde, hat H. Ludwig (3 Bde., Wien 1881) geliefert.