FeedLibänon
ErdkundeBrockhaus 1882

Libänon, beis den Griechen und Römern Libanus, bei den Hebräern Libanön, weißes Gebirge, vermutlich von dem weißlichen Schiefer- und Kalkgestein oder von dem weithin sichtbaren Schnee seines Gipfels, von den Arabern noch jetzt Dschebel-Libnän genannt, ein Gebirge in Syrien, gehört zu dem Gebirgssystem, das in der Gruppe des Sinai und Horeb auf der Halbinsel zwischen den Meerbusen von Suez und Akaba beginnt und sich von da an nordwärts durch das Peträische Arabien, Palästina und Syrien im engern Sinne parallel mit der Ostküste des Mittelländischen Meeres hinzieht, um sich im Hintergrunde des Meerbusens von Skanderun oder Alexandrette an den Taurus anzuschließen. Der L., der den mittlern höchsten Teil dieses Gebirgssystems bildet, steigt ungefähr unter 33 20, nördl. Br. aus dem Thal des Nahr-el-Kasimijeh oder Nahr⸗-el-Litani, welches ihn von den Bergen Galiläas trennt, empor, zieht sich dann, in einer durchschnittlichen Breite von ungefähr 30 km und in einer mittlern Höhe von ungefähr 2300 m, in einer Länge von bley als 150 km nach Norden hin, östlich nach Cölesyrien, westlich in das Mittelländische Meer sich jäh abdachend, bis er unter 34¾¼ nördl. Br. noch steiler zur Dschunie, einer Verlängerung der Küstenfläche, abfällt. Der mittlere Teil des Gebirges, der eigentliche Dschebel-Libnan der Araber, bildet ein 45 km langes, von Süden nach Norden ansteigendes Plateau, das südlich den 2698 m 99—3 Dschebel-Sannin und nördlich den 3052 mhohen Dschebel-Makmel und den 3067 m hohen Dhor-el-Chodib zu Eckpfeilern hat. Am Fuße des letztern Bergs zieht die Straße von Tripolis nach Damascus über den L., in ihrem Scheitelpunkt eine Höhe von 2324 m erreichend. Etwa 400 m unter diesem Punkte befindet sich unweit Bscherreh, rings um eine kleine Kapelle der Maroniten, in einer sonst von aller Vegetation fast ganz entblößten Gegend, ein Rest jener großartigen Cedernwaldungen, die einst zu den Prachtbauten der Juden und Phönizier, sowie zu den Schiffen der letztern das Zimmerholz lieferten, der berühmte Cedernhain, jetzt nur noch ein kleines Wäldchen, welches etwa 400 Stämme, darunter ungefähr 12 ganz alte, zählt. Die centralen Teile des Gebirges bestehen aus Bergkalk, welcher stockartige Lager von Eisenstein jührt; ihm ist Kohlensandstein aufgelagert mit Steinkohlenlagern, von denen einige unter der Herrschaft Mehemed-Alis in Anbau standen. Beide Felsgebilde sind häufig von Dioritgängen durchsetzt, welche in denselben höchst interessante Veränderungen im Schichtensysteme bedingen. Die Gehänge des L. bilden Kreide, Kreidemergel und Braunkohlensandstein oder Molasse. Das Gebirge ist vielfach zerklüftet, mit Steingerölle und Felsblöcken bedeckt, wenig bewaldet, enthält zahllose jähe Abgründe, tiefe Schluchten, viele Quellen, Bäche und kleine ö Thaler aber auch viele fruchtbare, wenngleich enge häler, und wird überall, wo es möglich ist, von den fleißigen Bewohnern mit künstlichen Kulturterrassen versehen, auf denen neben Maulbeerbäumen hauptsächlich Weizen, Gerste, Tabak, Oliven, Feigen, Wein und allerlei Stein⸗, wenig Kernobst gezogen wird. Die unabsehbaren Maulbeer-Wflumzungen namentlich auf der westl. Abdachung des Gebirges, bilden den Reichtum des Landes; denn dieselben gewähren die Mittel zu einer höchst ausgedehnten Seidenzucht, deren Produkt als kostbarer Handelsartikel hauptsächlich nach Oberitalien und Südfrankreich ausgeführt wird. Sstlich lehnt sich an das Gebirge die 20 km breite Thalebene Bekäa, das Cölesyrien der Alten, hinter welcher der Antilibanon (s. d.) sich erhebt. Der L. ist auf seinen westl. Gehängen vortrefflich angebaut und namentlich in den untern und mittlern Regionen mit Dörfern und Klöstern übersäet. Man zählt im Gebirge über 700 Ortschaften, von denen die wichtigsten Deir-el-Kamr und Zahleh sind. Die Bevölkerung des L. wird auf 230000 Seelen geschätzt. Sie ist nach Abstammung und Religionsgenossenschaft vielfach zerklüftet; unter den verschiedenen Aiwalitätet vererben sich uralte Feindschaften und ivalitäten fort. Der wichtigste Stamm ist derijenige der Maroniten (s. d.) im Norden, danach kommen die Drusen (s. d.) im Süden des Gebirges, dann die Unierten Griechen oder Melchiten, endlich die orthodoxen Griechen. Mohammedaner gibt es nur wenige. Nördlich grenzt an den L. ein anderes Bergvolk, die Ansarier (s. d.) oder Nossairi. Die Verfassung des Gebirges, welches nie vollständig den Türken botmäßig geworden ist, hat manche Krisis durchgemacht. Als 1840 Syrien durch die Quadruple-Allianz von Mehemed-Ali dem Sultan wiedergewonnen war, bedungen sich die Kabinette gewisse administrative Privilegien für die Christen des L. aus. Die Besorgnis aber, daß diese Fürsorge lediglich den der kath. Kirche unierten Maroniten und somit dem Einflusse Frankreichs zugute kommen möchte, machte, daß dasselbe Interesse auch den Nationalfeinden derselben, den Drusen, in denen England und die Türkei ihre polit. Stütze suchten, gewidmet wurde. Die vielfach durcheinander wohnenden und früher immer einheitlich regierten Stämme sollten nunmehr getrennte Verwaltungen unter zwei Kaimakamen erhalten, was auch nach zwei blutigen Bürgerkriegen 1845 ins Werk gesetzt wurde. Der maronitische Kaimakam regierte im Norden und der drusische im Süden; über die Gegenden von gemischter Beppölkerung wurden besondere Bestimmungen getroffen. Diese Verfassung wurde 1860 infolge von revolutionären Bewegungen unter den Maroniten, welche sich die alte Adelsherrschaft nicht mehr gefallen lassen wollten, umgestoßen. Ein abermaliger Bürgerkrieg, in welchem die türk. Behörden offener als früher für die Drusen Partei ergriffen, führte zu entsetzlichen Metzeleien der Christen, denen erst der Unwille Europas Einhalt gebot. Franzosen und Türken besetzten das Land der Drusen, ihre Privilegien wurden vernichtet und das ganze Gebirge nunmehr unter einen christl. Statthalter mit 36 (Distrikt⸗„⸗Kaimakamen gestellt. Vgl. Fraas, (Drei Monate am L.v (2. Aufl., Stuttg. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 50Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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