Loire (lat. Liger), der größte Fluß in Frankreich, der das Herz des Landes mit dem Ocean in Verbindung setzt, umfaßt ein Stromgebiet von 121 092 qkm und hat eine Stromlänge von 875km. Der Fluß entsteht in der Centralmasse der Cevennen, in dem Hochlande von Velay, und zwar in einer Höhe von 1408 m, an dem 1551 m hohen Gerbier de Jonc im Depart. Ardeche. In der Hälfte seines Laufs fließt er von Süden gegen Norden, in einem anfangs wildromantischen und felsigen, weiterhin lieblichen Gebirgsthale, welches rechts von den Gebirgszügen des Vivarais, Mont-Pilat, von Lyonnais, Charolais und Morvan, links von den Monts du Velay, dem Forezgebirge und den Montagnes de la Madeleine begrenzt und von einigen Querketten derselben, die der Strom zu durchbrechen hat, durchsetzt wird. Sodann wendet sich der Lauf des Flusses von Nevers nordwestwärts über Cosne, Briare und Gien nach Orléans, darauf in sanften Biegungen gegen Westen über Blois, Amboise, Tours, Saumur, Ancenis und Nantes und mündet, buchtenartig erweitert, bei St.⸗Nazaire in das Atlantische Meer. Die L. nimmt 41 Flüsse auf, darunter 13 schiffbare. Die bedeutendsten sind links der Allier, Cher, Indre, die Vienne mit der Creuse, der Thouel und die Sevre-Nantaise; rechts nur der Arroux und die Mayenne mit der durch den Loir verstärkten Sarthe. Die L. selbst ist Den Keburnae im Departement Ober-L. bis Noirie im Departement L. 48 km weit flößbar, von da an aber für Flußschiffe 775 Em und bei Nantes noch 50 km für Seeschiffe, im ganzen 825 Km weit schiffbar. Aber ihre Tiefe ist nicht überall und zu jeder Jahreszeit für die Schiffahrt genügend, vermindert sich sogar von Jahr zu Jahr. Der Fluß arbeitet fortwährend an der Erhöhung seines Bettes und der Bildung neuer Inseln und Bänke, indem er das durch sein bedeutendes Gefälle thalabwärts getragene Gerölle fallen läßt. Infolge dessen tritt die L. häufig Über ihr Bett mit verheerenden überschwemmungen. Wegen der Wichtigkeit der Wasserstraße, welche die L. darbietet, hat man seit 1822 den Seitenkanal (Canal latéral à la L.) angelegt, der von Digoin (im Anschluß an den südlich abgehenden Kanal nach Roanne an der L.) an auf dem linken Ufer bis Briare, nahe unterhalb Chätillon, 192 kmeweit durch vier Departements geführt ist. Außerdem, daß die L. den emeinsamen Ausgangsweg für eine große Zahl von ängern und kürzern natürlichen Schiffahrtslinien bildet, welche sich nord⸗- und südwärts des Stroms mannigfach verzweigen, ist sie auch durch die Kanäle von Berri und Montluçon mit dem obern Cher verbunden, sowie mit der Saöne durch den Central-oder Kanal von Charolais, mit der Seine durch die Kanäle von Briare und Orléans und den Loingkanal. Mittelbar ist sie durch diese Kanäle Dunngich mit dem Rhöne und dem Rhein in Verbinung gesetzt; auch führt eine wichtige, mehrfach verzweigte Wasserstraße aus der L. zu den Nordküsten: der 360 kmelange Kanal von Nantes nach Brest. Die Wichtigkeit der L. für Frankreich ergibt sich zugleich daraus, daß sie in der Geschichte des Landes oft als Grenzfluß erscheint; erst zwischen Aquitania und Gallia Lugdunensis, dann zwischen den Westgoten und Franken bis 507; für die Kriegsgeschichte wichtig wurde der Fluß in den Kämpfen gegen die Araber (Schlacht bei Tours 732) und gegen die Engländer (Belagerung von Orléans 1429), in den Hugenottenkriegen, bei dem Einfalle der Alliierten (1814) und namentlich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 und 1871 (s. d.), seit der völligen Einschließung von Paris. Vgl, von der Goltz, Die Operationen der Zweiten Armes an der L. „ (Berl. 1875). Auch waren Gien, Orléans, Blois, Tours, Amboise und mehrere Schlösser an der L. zu verschiedenen Zeiten die Residenz fränk. und franz. Könige. Das Tiefland der Loire, welches vom Atlantischen Ocean golfähnlich sich ostwärts bis Nevers erstreckt, bildet eine wellenförmige, fruchtbare, blühende Ebene, die sehr sanft im Süden zu den Terrassen von Limousin und Bourbonnais, im Norden zu den Bergländern der Normandie und Bretagne aufsteigt, dort in Hügellandschaften von 130 200 m, hier in flachen Ebenen von 65—100 m. Die L. durchströmt 12 Departements, von denen sechs nach ihr benannt sind, nämlich: die Departements Loire, Ober-Loire, Unter-Loire, Saöne-Loire (s. Saöne), Maine-Loire (s. Maine) und Indre-Loire (s. Indre). Das Departement Loire, die alten Grafschaften Forez und Beaujolais und Teile von Lyonnais umfassend, 4759,6 akm groß, zerfällt in die drei Arrondissements Montbrison, Roanne un St. Etienne, mit 30 Kantonen und 330 Gemeinden, zählt (1881) 599 836 E. und hat St.⸗Etienne (s. d.) zur Hauptstadt. Mit Ausnahme des südöstl. Teils, der zum Bassin des Rhöne gehört und diesem Strome den Gier und die Diaume zusendet, bildet es ein weites Hochthal zu beiden Seiten der L., das im Osten durch die Gebirge von Mont-Pilat, Mont-Tarare und Charolais, im Westen durch das Forez- und Magdalenengebirge begrenzt, außer dem Hauptstrome von dessen Nebenflüßchen Furand, Coise, Gand und Sornin rechts, Bouson, Mare, Lignon, Aix und Tessonne links bewässert wird und außer den Ebenen von Montbrison und Roanne ganz aus Bergland besteht. Ein steiniger Boden lagert auf und an den Bergen, ein nur teilweise fruchtbarer in den Thälern. Im Thale der L. ist das Klima mild und außer einer mit Teichen bedeckten Ebene im Mittelpunkte des Departements gesund, rauher dagegen in den Gebirgsgegenden. Weder Getreide noch Wein (darunter Cöte rötie am Rhöne) decken den Bedarf; dagegen werden in Fülle vortreffliches Obst, besonders aber Kastanien (unter dem Namen Lyoner Maronen bekannt) und Welsche Nüsse sowie Hanf gewonnen. Auf den guten Wiesenwachs stützt sich die mit großer Sorgfalt betriebene Rindviehucht und die Bereitung von geschätzten Käsen. Ansehnliche Fichtenwälder liefern Holz, Kohlen, Terpentin und andere Forstprodukte, das Mineralreich Granit, Porphyr, Marmor und Flintsteine, wenig Metall, aber außerordentlich viel Steinkohlen. Auch Mineralquellen finden sich zu St.⸗Galmier. Die Industrie beschäftigt sich hauptsächlich bau, Eisengießerei, Verfertigung von Eisen⸗, Stahl⸗, Blech⸗, Quincailleriewaren aller Art und Waffen, wofür der Hauptort St.⸗Etienne ist, sodann auch mit Baumwoll⸗, Leinen⸗, Batist⸗, Seidenbandmanufakturen, Gerberei, Papier⸗, Tapeten⸗ und Glasfabrikation. Die Produktion dieser Industrie bildet die Grundlage des beträchtlichen Handels. Das Departement Ober-Loire (Haute-L.), aus Bestandteilen von Languedoc, hauptsächlich aus Velay, und der Auvergne, sowie der Landschaft Forez gebildet, 4962,25 ꝗkm groß, zerfällt in die drei Arrondissements Le-Puy, Msengeaux und Brioude, mit 28 Kantonen und 264 Gemeinden, zählt (1881) 316 461 E. und hat zur Hauptstadt Le-Puy. Von Zweigen der Cevennen und des Auvergnegebirges durchzogen, bietet es einen großartigen Wechsel von Bergen und Thälern dar und ist durch seine geolog.⸗ vulkanischen Formationen und malerischen Naturschönheiten höchst ausgezeichnet. Weit und breit sind dürre Flächen, bedeckt mit vulkanischen Auswürfen, namentlich mit großen Lavamassen, die bedeutende Hügel und zum Teil 27 mehohe Felsen und bei Denise einen 70 m hohen Obelisken mit einer Kapelle auf der Spitze bilden, durchzogen von merkwürdigen Basaltbildungen, die z. B. bei dem Dorfe Espaly unweit Le-Puy, wo auch Geschiebe von Edelsteinen, Hyacinthen, Granaten und Saphire sich finden, eine der herrlichsten Basaltkolonnaden, zum Teil von 20 m hohen Säulen, genannt die Orgeln, darstellen. Auch zwei deutliche Krater sind nachweisbar im Süden und Norden von Le-Puy; in 1200 m Höhe der 21 m tiefe See von Bouchet von ovaler Form und mit Lava- und Puzzolan-Ufern, und der Krater von Bar, welcher trocken oder nur sumpfig ist. Die L. im Osten und der Allier im Westen fließen nordwärts, jene mit der Borne, dem Arzon und Lignon. Der Sommer — heiß, der Winter kalt und stürmisch; fast sechs Monate deckt Schnee die Gebirgsgipfel. Die Temperaturdifferenz ist bei den bedeutenden Niveauunterschieden so groß, daß die Ernten in den verschiedenen Kantonen zwei Monate auseinanderfallen, daß in den untern Wein, in den obern kaum Roggen gedeiht. Der Boden ist in den Thälern und auf dem Hügellande sehr fruchtbar, im ganzen aber deckt er nicht den Bedarf an Getreide und Wein, erzeugt jedoch hinlänglich Gartengewächse, Obst und namentlich viel Kastanien. Der Hauptreichtum des Landes ist die eifrig betriebene 1 zucht, besonders die Rindvieh⸗, Schaf- und Mau tierzucht. Das Mineralreich liefert nur etwas silberhalti es Blei, ziemlich viel Steinkohlen in den beiden Bassins von Brassac und Langeae und vortreffliche Bausteine, Marmor, Wetz⸗ und Mühlsteine. Die Industrie ist nicht bedeutend; doch wird vor allen Seiden⸗, Spitzen⸗ und Blondenmanufaktur, ferner Papier⸗, Tuch⸗, Hut⸗, Glas⸗, Bretterfabrikation etc. betrieben. Der Handel führt Fabrikate, hauptsächlich aber Maronen, Hülsenfrüchte, Schafe, Maultiere und Bretter aus. as Departement Unter⸗ oder Nieder-Loire (L. inférieure), im westl. Frankreich, aus dem südlichsten Teile der Bretagne gebildet, ist 6874,56 gkm groß, zerfällt in die fünf Arrondissements Nantes, Ancenis, Chäteaubriant, Paimboeuf und St.⸗Nazaire, mit 45 Kantonen und 217 Gemeinden, zählt (1881) 625 625 E. und hat zur Hauptstadt Nantes (s. d.). Die atlantische Küste ist ganz flach, sandig oder moorig, erweitert sich durch Anschwemmung mehr und mehr, bietet im N. die Baien von Pennebe und Pembron zu beiden Seiten der Landspitze von Piriac, in der Mitte den Mündungsbusen der L. und im S. die Bai von Bourgneuf dar. Die Oberfläche des Departements ist sehr einförmig, besonders im NW. und S.; einige Hügel erheben sich im N., sche bis in die Nähe der Mündung der L. und scheiden deren Bassin von dem der Vilaine. Die L. durchströmt es von O. nach W., nimmt rechts den Erdre und Brivé, links die Sevre-Nantaise und den Acheneau auf, d. i. den Abfluß des Sees Grand-Lieu. In die Vilaine 7 der Don und Isae; letzterer speist den Brest-Nanteskanal. Das Klima ist mild, aber bei den vorherrschenden Seewinden feucht. Der Boden, teils aus Granit oder Schiefer, teils aus Alluvionen bestehend, ist fast überall mit fruchtbarer Erde bedeckt. Getreide, Gartenfrüchte, Kirschen und Kastanien werden in Menge gewonnen. Weinpflanzungen bedecken das ganze linke Ufer der L. und die Seeküste, liefern aber nur ein mittelmäßiges Getränk, welches durch Obstwein ergänzt wird. Die Eichenwälder nähren mit ihren Eicheln eine große Menge Schweine, außer welchen viel Oahsen, „namentlich auch die geschätzten nantaiser Ochsen, sowie Pferde, Schafe, Geflügel und Bienen gezogen werden. Der Herings⸗, Sardellen⸗ und Stockfischfang, die Fischerei auf der L., dem Grand-Lieu und den Teichen, sowie an den Küsten, wo noch der Hummern⸗- und Austernfang hinzutritt, ist von Bedeutung. Eisenlager sind weit verbreitet, Steinkohlen, schöner Granit, grauer Marmor (bei Chätegaubriant), Schiefer und Kalkstein werden an verschiedenen Orten gebrochen und Seesalz in großer Menge gewonnen. Die Industrie beschäftigt sich mit Verfertigung von Eisenwaren, Glas, ayence, Baumwollwaren, Leinwand, Zwillich, lanell, Tauen, Leder, Hüten, Papier, Korkpfropfen, Bürsten, Branntwein, Liqueur, und die Schiffswerfte liefern eine Menge Fluß: und Seeschiffe. Hinsichtlich des Handels ist das Departement eins der wichtigsten; Nantes und St.⸗Nazaire gehören zu den bedeutendsten Handelsplätzen in Frankreich.