FeedMerkantilsystem
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Merkantilsystem nennt man dasjenige nationalökonomische System, welches, indem es die privatwirtschaftlichen Anschauungen einfach auf die Volkswirtschaft übertrug, von der Theorie ausging, daß der Reichtum eines Volks allein oder doch vorzugsweise auf der Masse des baren Geldes, demnach der edeln Metalle, welche es besitzt, beruht. Dieses System entwickelte sich vorzüglich seit Colbert, obgleich der Grundgedanke davon schon viel früher und sogar bei den Römern hervortrat, und damals sowie im Mittelalter wiederholt Verbote der Ausfuhr von Gold und Silber veranlaßt hatte. Nach dem M. war es die wichtigste staatswirtschaftliche Aufgabe der Verwaltung, die Vorräte der edeln Metalle möglichst zu vermehren. Man hielt deshalb den Bergbau hoch und förderte denselben in jeder Weise, auch wenn der Ertrag die Kosten nicht deckte. Ebenso erschienen Kolonien als wichtig, wenn man aus ihnen Silber und Gold in größerer Menge erhalten konnte. Eine weit niedrigere Stellung als der Bergbau nahm im M. der Äckerbau ein, dessen Erzeugnisse meist im Lande bleiben und selten in der Fremde gegen Edelmetall eingetauscht werden. Eine sehr wichtige Stellung hatte dagegen im M. die Industrie, welche in dem Maße entwickelt werden sollte, daß sie nicht nur alles lieferte, was das Land selbst nötig hatte, sondern zugleich auch eine große Ausfuhr ermöglichte. Man wollte vom Auslande an Produkten aller Art nur wenig entnehmen, diesem aber viel liefern und so von ihm im Wege des Handels edle Metalle erlangen. Die Rücksicht auf die hohe Bedeutung des Handels verlieh dem System seinen Namen M. Handelsbilanz (s. d.) der einzelnen Länder nannte man das Verhältnis, in welchem Ein⸗ und Ausfuhr zueinander standen. War die Einfuhr von Waren größer als die Ausfuhr, so war die Bilanz eine ungünstige, denn nach der Lehre des Systems mußte man den lüiberschuß (das sog. Saldo) mit Geld aufwiegen, also das Land ärmer werden. Dagegen erschien im umgekehrten Falle das Verhältnis ein günstiges, da die größere Ausfuhr Silber und Gold ins Inland brachte. „Die Konsequenzen des Systems waren sehr wichtige. Vor allem galt es, die Industrie zu heben. Dies wollte man erreichen, indem man den Arbeitslohn herabzudrücken, die Preise der Lebensmittel und überhaupt der Produkte des Ackerbaues und der Viehzucht auf niedrigem Stande zu erhalten suchte. Man behinderte demnach die Ausfuhr des Getreides und der Rohstoffe, förderte deren Einfuhr, zog geschickte Arbeiter herein, unterstützte industrielle Unternehmungen, verbesserte die Transportanstalten, gründete den Handel fördernde Kolonien, rief Handelsgesellschaften hervor und privilegierte dieselben, verbot die Einfuhr von Fabrikaten oder schränkte dieselbe durch Zölle ein, während man die Ausfuhr durch Rückzölle und Ausfuhrprämien zu vermehren strebte, u. s. w. Handelsverträge sollten nach dem M. mit andern Staaten zwar abgeschlossen werden, aber derart, daß eine günstige Handelsbilanz erzielt würde. Die Staatsübgaben sollten, wenn irgend möglich, nur von dem Gewinn der Unterthanen entnommen werden. Doch riet man an, die Kapitalisten und die Gewerbetreibenden nicht zu stark anzuspannen, die erstern nicht, damit sie nicht ihre Kapitalien im Auslande anlegten, die letztern nicht, damit ihr Gewerbebetrieb dadurch nicht etwa litte. Sonst gelten dem System nach hohe Steuern nicht als Übel. Das M., welches die Italiener, weil sie es mit Unrecht als von dem franz. Minister Colbert herrührend betrachteten, Colbertismus nannten, blühte hauptsächlich vom 17. bis zur Mitte des 18. Jahrh. und prägte sich während dieser Zeit in den Gesetzgebungen und Verwaltungsgrundsätzen aller Länder mehr oder weniger deutlich aus, wenn es auch die eine einheitliche wissenschaftliche Theorie gebildet und stets auch hier und da Widerspruch gefunden hat. Zu den Schriftstellern, die das M. mit manchen Nuancen vertraten, gehörten in England Mun, Child, Gee, Decker, Stewart; in Deutschland Klock, Becher, von Schröder, von Hornack, von Justi, von Sonnensels, in gewissem Sinne auch noch Büsch; in Frankreich Melon, Forbonnais, Ferrier; in Italien Serra, Belloni, Genovesi u. a. Wissenschaftlich überwunden wurde es durch die Physiokraten und Adam Smith, und die neuere auscbilden wurt wie sie namentlich durch List (s. d.) ausgebildet wurde, beruft sich daher nicht mehr auf die Notwendigkeit, den Edelmetallreichtum des Landes zu vermehren, sondern auf die Interessen der nationalen Arbeit. Vgl. Roscher, «Geschichte der Nationalökonomik in Deutschlando (Münch. 187½).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 636Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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