FeedMerkur (lat. Mercurius)
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Merkur (lat. Mercurius), bei den alten Römern Name des Gottes, in welchem sie den griech. Hermes wiederzufinden glaubten. Dieser ist der Sage nach ein Sohn des Zeus und der Maja, der Tochter des Atlas. Geboren in einer Höhle des Berges Kyllene in Arkadien, schlüpfte er bald nach seiner Geburt aus der Wiege, ging nach Pierien und stahl dem Apollo Rinder, die er nach Pylos trieb. Um nicht entdeckt zu werden, verkehrte er die Hufe der Rinder, während er selbst rückwärts ging, und sich Baumzweige statt der Sohlen unter die Füße band, um die Fußstapfen zu verwischen. Hier in Pylos oder schon vorher in Arkadien fand er eine Schildkröte, tötete dieselbe, spannte Saiten über die Schale und erfand so die Lyra. Apollo aber entdeckte durch seine Wahrsagergabe den Dieb seiner Rinder, und als dieser leugnete, brachte er ihn vor Zeus. Endlich führte Hermes den Apollo nach Pylos, wo er die Rinder verborgen hatte; doch überließ sie ihm Apollo gegen Abtretung der Lyra. Nun weidete M. die Rinder und erfand die Syrinx, die er nach einer Erzählung ebenfalls an Apollo abtrat, der ihm einen goldenen Stab (den Heroldstab, grch. Kuoννετ⁰ν, lat. caduceus) gab. Auch lehrte ihn Apollo eine eigentümliche Art der Weissagung; Zeus aber machte ihn zum Götterherold. Ursprünglich ist Hermes ein Gott des Windes, der die Wolken heraufführt und aus diesen Regen und damit Fruchtbarkeit spendet. Spuren seines ursprünglichen Wesens finden sich noch bei Homer. Allmählich wurde der rasche Gott des Windes zu einem Gott des Verkehrs und Gewinns und zum Gott der gewandten Rede, andererseits auch zum Führer der Seelen in die Unterwelt, zum Psychopompos. Dem Hermes waren die Hermen (6. d.) geweiht. Die ihm zu Ehren gefeierten Feste hießen Hermäen (Hermaiah. In der ältern Kunst erscheint Hermes gewöhnlich als ein kräftiger Mann mit spitzem Bart, langen Haarflechten, in einer zurückgeschlagenen Chlamys, mit einem Reisehute, Fußflügeln und dem Heroldstabe in der Hand. Diejenige Ausbildung des Hermes-Ideals, die besonders durch die jungere attische Bildhauerschule vollendet wurde, zeigte ihn dagegen regelmäßig als einen schlanken, kräftigen Jüngling. Diese Darstellungsweise ging wohl von den Gymnasien aus, in denen Hermes seit alten Zeiten als Gott der körperlichen Gewandtheit verehrt wurde. Als Bekleidung hat er auch jetzt die Chlamys, welche gewöhnlich sehr zusammengezogen ist, und nicht selten den meist mit Flügeln versehenen Hut als Bedeckung des Kopfes, dessen Haar kurz abgeschnitten ist und etwas kraus zu sein pflegt. In der in Olympia gefundenen Statue des Hermes, der mit dem tleinen Dionysos auf dem Arm sich auf einen Baumstamm stützt, über den die Chlamys herabhängt, ist ein Originalwerk aus der Blütezeit der griech. Kunst ans Licht gekommen. In einer ganzen Reihe von Kunstwerken erscheint Hermes vielleicht als Psychopompos, ebenfalls in reifer Jünglingsgestalt, in fester, ruhiger Stellung und mit der Chlamys, welche zurückgeworfen und um den linken Arm gewickelt ist. Hieran schließen sich ähnliche Statuen, bei denen der erhobene rechte Arm zeigt, daß er hier als Hermes Logios, als Gott der Redegewandtheit, zu fassen ist. Als Bote des Zeus findet er sich abgebildet halb sitzend und halb schon wieder aufspringend, um davonzueilen. (S. Tafel: Bildnerei IV, Fig. 1.) Ein Hauptattribut des Gottes war in der spätern Zeit der Beutel. Auch als Opferanrichter, Beschützer des Viehs, besonders der Schafherden, Erfinder der Leier, dem als solchem die Schildkröte heilig ist, sieht man ihn vielfach. Vgl. Ploix, Herméso (Par. 1873); Mehlis, Die Grundidee des Hermesy (Erlangen 1877); Roscher, „Hermes, der Windgotto (Lpz. 1878). Die Römer erblickten in ihrem Handelsgott M. den griech. Hermes. Dieser ins Römische übersetzte Hermes erhielt dann auch in Rom nach der Vertreibung der Tarquinier allmählich mehrere Tempel; das Hauptfest des M. fiel auf den 15. Mai, an welchem ihm vorzüglich die Kaufleute opferten, damit er ihnen im Handel Glück bringen möchte. Der germanische und gallische M., welcher von Cäsar und Tacitus und auf Inschriften (mit verschiedenen Beinamen) erwähnt werden, sind ein. heimische er Ahnlich jener Völker, welche wegen irgend einer Ahnlichkeit mit dem M. von den Römern so genannt wurden. Merkur (8), der Planet, welcher unter den bis jetzt bekannten der Sonne am nächsten steht; seine meter. Da seine Bahn eine große Excentricität hat (0,2056), so ist die Entfernung von der Sonne sehr veränderlich: in der Sonnennähe steht er nur 45 Mill. Kilometer, in der Sonnenferne aber nahe 69 Mill. Kilometer von der Sonne ab. Die Entfernung des Planeten von der Erde ist sehr wechselnd: zur Zeit der untern Konjunktion nähert er sich derselben bis auf 76 Mill. Kilometer, entfernt sich aber bei seiner obern Konjunktion bis auf 220 Mill. Kilometer. Die Neigung der Bahn gegen die Ebene der Erdbahn ist 75, die Länge des aufsteigenden Knotens in der Ekliptik 46 33. Da die scheinbare Entfernung des M. von der Sonne zur Zeit der größten oder westl. Abweichung nur 29, betragen kann, so entzieht sich dieser Planet gar leicht dem Anblick der Menschen, sodaß es in unsern Breiten nur wenige gibt, die diesen Stern mit bloßem Auge gesehen haben. Mit dem Fernrohr betrachtet, zeigt der M., wie alle Planeten, deren Bahnen von der der Erde umschlossen werden, Phasen. Die Geschwindigkeit der Bewegung in der Bahn beträgt 47 km in jeder Sekunde, während die Erde in gleicher Zeit nur 30 km in ihrer Bahn fortrückt. Die ganze Bahn durchläuft M. in Bezug auf die Fixsterne oder siderisch in 87,960 Tagen, in Bezug auf die Nachtgleichen in 87,96s Tagen; die synodische Umlaufszeit endlich beträgt 115,80 Tage. Der scheinbare Durchmesser, der in der Einheit der Entfernung 6,68“ beträgt, schwankt zwischen 4,“ und 12,9“,‚ je nachdem der Planet sich in der kleinsten oder größten Entfernung befindet. Der wahre Durchmesser ist nur 4800 Km, also nur dem dritten Teil des Erdhalbmessers gleich. Die Masse, von Encke bei der Berechnung des Enckeschen Kometen bestimmt, ist ungefähr 0,7 der Erdmasse. Die Rotation des M. um seine Achse beträgt nach wahrgenommenen Flecken auf der Oberfläche 24 Stunden, die Neigung der Rotationsachse gegen die Bahnebene 20°. Zuweilen geschieht es, daß M. zur Zeit seiner untern Konjunktion vor der Sonnenscheibe erscheint und vor derselben vorübergeht; solche Erscheinungen sind unter dem Namen Merkurdurchgänger bekannt. Im allgemeinen sind diese Erscheinungen im Wesen eins mit den Sonnenfinsternissen, nur daß M. wegen seiner Kleinheit als ein kleines schwarzes Pünktchen auf der Sonnenscheibe erscheint, von einer Schwächung des Sonnenlichts also keine Rede sein kann. Die im 19. Jahrh. noch zu erwartenden Durchgänge werden statthaben: 1891, 10. Mai, 12 Uhr 54 Minuten mittags; 1894, 6. Nov., 6 Uhr 36 Minuten abends. In jedem Jahrhundert ereignen sich etwa 13 solcher Durchgänge. Ihre mittlere Dauer beträgt 5 Stunden, wenn der M. nahe bei der Sonnenmitte vorübergeht, sonst weniger.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 636Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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