FeedMordwinen
ErdkundeBrockhaus 1882

Mordwinen, eine Völkerschaft im europ. Rußland, welche zur bulgar. oder wolgaischen Gruppe der finn. Völkerfamilie (s. Finnen) gehört und seine Wohnsitze hauptsächlich in den Gouvernements Pensa, Simbirsk, Saratow, Samara, Nishegorod und Tambow hat. In geringerer Anzahl wohnen M. auch in den Gouvernements Kasan, Orenburg, Ufa und Astrachan. Sie zerfallen in zwei Hauptstämme, die Ersa und die Moksha. Centralpunkt für die erstern ist das Kirchdorf Terjuschewo im Gouvernement und Kreise Nishegorod, für letztere die Kreisstadt Krasnoslobodsk im Gouvernement Pensa. Ein dritter Stamm, die Karatajen, ist bis auf ganz geringe Reste verschollen. Die Gesamtzahl der M. wird auf 791 954 Köpfe angegeben. Neben Ackerbau sind Viehzucht, Jagd, Fischerei und Bienenzucht Hauptnahrungsquellen. Ihre Wohnsitze, an der Wolga, früher viel mehr ausgedehnt, sind sehr alt, manche wollen schon in des Ptolemäus Aorsen die Ersa erkennen. Jedenfalls sind die Mordens des Jordanes die Vorfahren der M. Seit Gründung von Ruriks Reiche kämpften sie mit den Russen, welche im Anfang des 13. Jahrh. die Stadt Nishnij-Nowgorod auf ersischem Boden erbauten. Die Mongoleninvasion hemmte das Vordringen der Russen auf lange Zeit, aber der Fall des tatar. Reiches Kasan 1552 brachte alle Wolga-Finnen unter russ. Herrschaft. Die Bekehrung zum Christentum, welchem die Russifizierung früher oder später folgte, wurde von nun an mit immer größerm Eifer, besonders seit der Zeit der Kaiserin Anna, fortgesetzt. Vergebens suchten die M. ihre Selbständigkeit durch Teilnahme an allen Aufständen in Ostrußland zu erringen (zuletzt Pugatschews Aufstand 1771—74). Die mordwinische Sprache wurde zuerst von H. C. von der Gabelentz (Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes» (Gött. 1839J, II, 235 —285) wissenschaftlich behandelt. Wiedemann gab 1865 (Petersb.) eine Grammatik des Ersa-, Ahlquist 1861 (Petersb.) des Mokshadialekts heraus, beide mit kleinem Rordwinische Budenz eine Moksha⸗ und Ersa-Mordwinische Grammatiko (Budapest 1876, magyarisch), und «Ersa-Mordwinische Fabeln und Lieder» (Budapest 1867, magyarisch). Das vorhandene lexikographische Material haben Budenz (Budapest 1866 fg.) und Donner (Helsingfors 1874 — 76) in ihren vergleichenden Wörterbüchern verarbeitet. Die vollständigste Schilderung der mordwinischen alten Gebräuche, ihrer Mythologie und Geschichte ist die von Melnikow (russisch im Ruski Westniko, 1867).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 864Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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