FeedFinnen
AllerleiBrockhaus 1882

Finnen, in ihrer eigenen Sprache Suomalainen (Plur. Suomalaiset), bei den Russen Tschud (d. i. Fremdlinge) genannt, sind in engerer Bedeutung ein in der Nordwestecke des europ. Rußland, in den Gouvernements Archangel, Olonez, strichweise auch Nowgorod, Twer und Jaroslaw, ebenso wie auch im nördl. Norwegen, besonders aber in dem Großfürstentum Finland (s. d.) wohnendes Volk. In weiterer Bedeutung bezeichnen ältere Forscher mit dem Namen F. (Uralofinnen) einen der vier Hauptzweige des sog. ural-altaischen Völker⸗ und Sprachstamms. Dieser Stamm war früher und ist zum großen Teil noch gegenwärtig über ganz Nordasien und Nordeuropa, in Europa auch weiter nach Süden hinab verbreitet und teilt h nach den Forschungen Castrêns in türlishe, a resp. Völkerfamilien: die tungusische, türkische, samojedische und uralisch-finnische. Die uralischfinnische Familie, die westlichste, bildet noch jetzt die Bevölkerung von Nordeuropa und dem nordwestl. Asien und nahm früher selbst einen großen Teil von Skandinavien ein. Sie umfaßt wiederum vier besondere Oraten Bor 1) die ugrischen 85 M denen die Ostiaken, Wogulen (in Asien) und die Magyaren gehören; 2) die bulgarischen oder wolgaischen F., aus den Tscheremissen und Mordwinen bestehend, den lüberresten der sog. Wolga-Bulgaren; 3) die permischen F., durch die Permier, Syrjänen und Wotjäken gebildet; endlich 4) die Gruppe der baltischen F. Zu letzterer Lartce außer den eigentlichen F., welche hauptsächlich in Finland wohnen und hier 1730000 Köpfe stark sind: die Esten in Estland und Livland, sowie in den angrenzenden russ. Gouvernements Witebsk, Pskow und Petersburg, zusammen etwa 633 500 Köpfe; die Tschuden (im engern Sinne) in den Gouvernements Olonez und Rowgorod (zusammen nur etwa 15600 Köpfe); die Woten im Gouvernement Petersburg (5150 Köpfe); der geringe Rest der Liven im nördl. Kurland (gegen 2100 Köpfe) und endlich die La ppen im russ. Gouvernement Archangel (2000) und den nördl. Teilen Finlands (600), Schwedens (4000) und Norwegens (16000). Die eigentlichen F. zersallen wiederum in zwei Hauptstämme, die Tawaster (Hämäläiset) im südwestlichen, und die Karelier (Karjalaiset) im östl. Teile Finlands. Gegen 290000 Karelier wohnen in den angrenzenden russ. Gouvernements; als Zweige derselben sind auch die Ayrämöiset (29350), die Sawakot (42950) und die Ingern (17800) im russ. Gouvernement Petersburg zu betrachten. Der finn. Volksstamm kam, obgleich ein uraltes Volk, das in seinen Monumenten (Grabmätern im sudl. Sibirien, Tschudenschürfen bei Jekaterinburg und Werchoturie, Tschudenhütten in der Tundra) sich vom Altai über den Ural bis zum Weißen Meere hinauf verfolgen läßt, erst spät in Verkehr und Berührung mit den histor. Völkern. Der Römer Tacitus ist der erste, der einen ganz wilden Zweig derselben erwähnt. Wertvolle Beiträge ur Kunde von der ältesten Zeit der F. liefern die standinav. Sagen. über die frühern Wohnsitze und Wanderungen des finn. Volksstammes können nur die Linguistik und das Studium der Ortsnamen einiges Licht werfen. Danach scheinen die Gegenden um den Onega⸗ und Ladogasee samt der südl. Küste des Finnischen Meerbusens seit uralten Zeiten die Heimat der eigentlichen F. zu sein, von wo aus sie später das Großfürstentum Finland und zeitweise auch die Dwinamündungen kolonisierten. Wie die Esten (s. Estland) von verschiedenen Völkern besiegt, so wurden auch die Tawasten und Karelier von Schweden und Russen unterworfen. Es gab eine Zeit der Blüte für die verschiedenen Stämme des sinn. Volks, wo sie durch gegenseitigen, unmittelbaren Verkehr viel enger und fester, als es gegenwärtig der Fall ist, verbunden waren. Damals, wo sich ein Handelsweg von Asien nach den Kulturländern Europas über das Königreich Bulgar (das Land der Weißen Bulgaren an der Wolga und Kama) und Permien Archangel) zog, hatten sich sogar selbständige Reiche unter ihnen gebildet, die eine Zeit lang selbst histor. Bedeutsamkeit gewannen, wie Permien oder Biarmien und das Doppelreich Udorien und Jugorien, welche jedoch schon im letzten Viertel des 14. Jahrh. von den Russen unterworfen und zur griech. Kirche bekehrt wurden. Während einerseits früh . das sog. Tawastland und teilweise Karelien durch die Siege Birger Jarls 1249 und Thorkel Knutsons e1293 in die Hände der Schweden kamen, so ge1langte andererseits das östl. Karelien, sowie auch nach und nach alle Stammverwandten der eigent⸗ „lichen F. von der Wolga bis nach Sibirien seit 11571 unter russ. Botmäßigkeit. Nachdem die „Schweden unter Gustav Adolf auch noch Mittelkarelien (am westl. Ladoga-Ufer) mit dem Großfürstentum vereinigt, begannen seit den Zeiten Pe⸗ „ters d. Gr. die Russen ihre Eroberungen. Schon 1703 nahm Peter ganz Ingermanland, 1711 ganz Estland und Livland und das heutige Ostfinland Karelien), welche Erwerbungen ihm durch den Nystader Frieden von 1721 für immer zugesichert blieben. Kaum 100 Jahre später ging auch Westfinland, die Küste längs des Bottnischen Golfs, so- wie das eigentliche Lappland, der Norden Finlands, für Schweden verloren, indem der Krieg zwischen Schweden und Rußland 1808 die Abtretung des gesamten Finland an das Russische Reich zur Folge hatte. Der Friede zu Frederikshamn 1809 bestätigte diese neue Vergrößerung des Russischen Reichs, wobei jedoch die F. des Großfürstentums eine besondere staatliche Existenz gewannen. Die F. sind von starkem Körperbau, mittlerer Statur, etwas eckiger Schädelbildung und plattem Gesicht mit hervortretenden Backenknochen. Das in der Jugend hellblonde Haar geht später in ein Braun über. Der Bart ist dünn, die Augen meist dunkelgrau, die Gesichtsfarbe fahl, oft gelblich. Selbst die edelsten Stämme der F., wie die eigentlichen F. und die Esten, verleugnen diese Physioanomie nicht, welche jedoch sich zu eigentümlicher Schönheit in einigen Gegenden ausbildet. Bei den eigentlichen F. Zeigt sich viel Biederkeit, Gastfreundschaft, Treue, Tapferkeit, Standhaftigkeit und Arbeitsamkeit, dagegen auch Eigensinn, Starrheit, Widersetzlichkeit, Jähzorn, eine heimlich brütende Rachlust, die sich oft in gewaltsamen Thaten Luft macht. Die Religiosität des Volks spricht sich kräfti aus, aber ein Hinneigen zum Aberglauben ist vielfach bemerkbar. An Geistesanlagen fehlt es den F. keineswegs, und insbesondere zeigen die baltischen F. eine starke Neigung zur Poesie sowohl epischer wie lyrischer Gattung. Die eigentlichen F. und auch die Esten besitzen eine reiche und schöne Volkspoesie. (S. Finnische Sprache und Litteratur.) Um die wissenschaftliche Erforschung der finn. Sprache und ihrer verwandten — — haben sich in neuerer Zeit besonders Sjögren, Castren, Lönnrot, Kellgren, Ahlqvist, Donner in Finland, Schiefner, Wiedemann in Rußland, von der Gabelentz, Schott und Boller in Deutschland, Reguly, Hunfalvy, Budenz u. a. in Ungarn verdient gemacht. Unter den Beiträgen zur Ethnographie des finn. Völkerstammes sind vor allem die Schriften von Sjögren (s. d.) und Castren (s. d.), Erdmanns Beiträge zur Kenntnis des Innern von Rußland » (2 Bde., Riga u. Lpz. 1822 —26) und Müllers «Der ugrische Volksstamm »„ (2 Bde., Berl. 1837—39) hervorzuheben. über die kraniologische Seite vgl. Retzius, Finska kraniero (Stockh. 1878), das kulturhistor. Moment betreffend Ahlqvist, KDie Kulturwörter der westfinn. Spracheno (Helsingf. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 823Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Allerlei 6