FeedSäulenordnung
BaukunstBrockhaus 1882

Säulenordnung heißt ein System von architektonischen Regeln, welche sich im wesentlichen auf Form und Verhältnisse der Säulen und was damit im Zusammenhange steht, beziehen. Als zur Zeit der beginnenden Renaissance im 15. und 16. Jahrh. das Studium des klassischen Altertums und seiner Denkmäler wieder lebhafter betrieben wurde, vermaßen und zeichneten die ital. Architekten die Ruinen des röm. Altertums, um sie als Vorbilder für ihre Bauten zu benutzen. Aus dem, was sie fanden, konstruierten sie sich, im Anschluß an die Angaben des altröm. Schriftstellers Vitruv, ein System von Regeln, welches dann besonders durch Serlio und Vignola zu allgemeiner Geltung gebracht wurde und auch heute seinen früher bestimmenden Einfluß noch nicht völlig verloren hat, trotzdem genauere Untersuchungen der römischen und der den Meistern der Renaissance noch nicht bekannten griech. Bauwerke gezeigt haben, daß diese Regeln meist nicht richtig sind, daß die antiken Baumeister in ihrer künstlerischen Thätigkeit sich vielmehr nach den bestehenden lokalen Verhältnissen verschiedenster Art, nach dem Zweck des Bauwerks und besonders nach dem zur Verfügung stehenden Material, als nach allgemeinen strengen Regeln richteten. Die Architekten der Renaissance nahmen fünf S. an: die toscanische, dorische, ionische, korinthische und römische. Die Säulen und das auf ihnen ruhende Gebälk wurden nach bestimmten Maßverhältnissen aufgetragen. Die Einheit für dieses Maßsystem ist der Modul, d. i. die Hälfte des untern Säulendurchmessers, welcher wieder in 30 Partes geteilt wird. Das Charakteristische der toscan. und dor. Ordnung ist, daß die Säulen kurz und gedrungen sind und wenige kräftige Glieder haben, während die Säulen der drei andern Ordnungen viel schlanker, zum Teil sehr reich ausgebildet sind. Die Toscanische Säule hat, nach Vignola, 14—16 Modul zur Höhe, von welchen einer auf den Fuß und einer auf das Kapitäl kommt. Das Gebälk hat 3½ Modul Höhe. Die Dorische Säule ist kanneliert und hat 8—12 Modul Höhe. Der Architrav ist glatt; der Fries besteht aus Triglyphen (s. d.) und Metopen (s. d.); das Gesimse ist mit Dielenköpfen geschmückt. Die dor. Säulen stehen sehr eng aneinander und ohne Fuß oder Basis auf dem Stilobat. Die Jonische Säule ist ebenfalls kanneliert und 16—18 Modul hoch. Ihr Kapitäl ist im wesentlichen durch ein auf beiden Seiten schneckenartig aufgerolltes Polster gebildet. Die Meister der Renaissance haben dasselbe jedoch in der Weise umgebildet, daß es vier Schnecken erhielt. Der Architrav ist in drei Lagen übereinander geteilt; der Fries ist glatt oder mit Ornamenten in Relief geschmückt; das Gesimse ist mit Zahnschnitten versehen. Die Korinthische Säule unterscheidet sich von der ionischen eigentlich nur durch das Kapitäl, welches kelchartig gebildet und mit Akanthusblättern umgeben ist. Das Gesimse ist bisweilen noch mit Kragsteinen (Konsolen) geschmückt. Die Römische oder Komposite Säule hat nur das Eigentümliche, daß ihr Kapitäl aus dem korinth. und ion. Kapitäl zusammengesetzt ist. (S. die Tafeln: Baustile I—XII, mit Beispielen der verschiedenen Gestaltung und Anwendung von Säulen.) Die S. werden in sehr verschiedenen Größenverhältnissen entweder einzeln oder, bei mehrstöckigen Gebäuden, mehrmals übereinander gestellt angewendet. In letzterm Falle nimmt die stärkere S. den untern Platz ein. Die Achsen der verschiedenen Säulen müssen natürlich lotrecht übereinander stehen. Vgl. Normand und Mauch, Vergleichende Darstellung der architekton. Ordnungeno (Potsd. 1842); Bötticher, Die Tektonik der Helleneno (2 Bde., Potsd. 1844 —53; 2. Aufl., Berl. 1873); Bühlmann, „Die S.» (Stuttg. 1872); Rosengarten, Die architektonischen Stilarteno (3. Aufl., Braunschw. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 262Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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