FeedSchaf
TierreichBrockhaus 1882

Schaf und Schafzucht. Das Schaf gehört, wie das Rind, zu den hohlhörnigen Wiederkäuern (Ruminantia cavicornia), in der es eine eigene Gattung, Ovis, bildet. Zu derselben zählen: der südeurop. Mouflon (O. Musimon); das nordafrik. Rähnenschaf (O. tragelaphus);, der mittelasiat. Arga li (0. Argali); der tibetanische Katschgar (0. Polii); das nordamerik. Dickhornschaf (O. montana). Gezähmt und Gegenstand der landwirtschaftlichen Tierzucht ist das Hausschaf (O. aries), welches zahlreiche, hinsichtlich der Körperform und Haartracht verschiedene Unterarten und Rassen besitzt, deren Klassifizierung eine sehr verschiedenartige ist. Nach der Zahl der Schwanzwirbel kann man zwei Hauptgruppen unterscheiden: kurzschwänzige Schafe mit 13 oder weniger und langschwänzige Schafe mit 14 — 22 Schwanzwirbeln. Zur ersten Gruppe gehören unter andern die Heidschnucke, die Schafe Skandinaviens, Irlands, eine Reihe von Rassen in Centralasien, das Siling⸗, Barwal⸗ und Kagoschaf, das Fettsteißschaf, dessen kurzer Schwanz durch ein bis 50 Pfd. schweres Fettpolster verdeckt wird, das Marschschaf der norddeutschen, holländ. und franz. Küste, sowie das afrik. Stummelschwanzschaf mit Fettpolster an der obern Hälfte des Schwanzes. Zu den langschwänzigen Schafen gehören: das Schaf der Levante, in Syrien, ferner das statt der Wolle Haare tragende Dinka⸗ oder Mähnenschaf am Nil, sowie einige andere afrik. Schafrassen (Fezzan, Congo) und endlich alle übrigen, bisher nicht genannten europ. Rassen. Letztere, sowie die europ., bereits genannten Schafe lassen sich nach der Wolle, welche sie tragen und von welcher ihr wirtschaftlicher Wert in hohem Maße abhängig ist einteilen in! filzwollige mit grobem Ober⸗ und feinem Unterhaar; glanzwollige mit schlichtem, weniger grobem, aber einfachem Haar, und merinowollige mit weichem, gekräuseltem, mildem Haar. Zu den filzwolligen gehören: die mitteleurop. Höhenlandschafe (die Heidschafe Deutschlands, Rußlands, Frankreichs, das Bergschaf der Schweiz u. s. w.), das Zaupelschaf in Schwaben und Bayern, das Zackelschaf (s. Tafel: Schafrassen, Fig. 1) in Ungarn, Moldau, Walachei, das Zigaryaschaf in Siebenbürgen; zu den glanzwolligen das Rhön-, Franken-, rheinische, hannov. Landschaf, das holländische Marschschaf, die engl. langwolligen Rassen (Leicester [Fig. 2], Lincoln, Cotswold etc.) u. s. w. Zu den merinowolligen das tscherkessische Schaf, die englischen kurzwolligen, namentlich die Southdowuns (Fig. 4) und die eigentlichen Merinos (s. d.), vgl. Fig. 3: Regretti- und Rambouilletschafe. Der bisher unbekannte Stammvater des Hausschafs ist nach den im Haustiergarten des landwirtschaftlichen Instituts in Halle ausgeführten Züchtungsversuchen der auf Corsica wild lebende Muflon. Das Schaf ist gleichwie das Rind, über den größten Teil des Erdbodens verbreitet. Besonders empfindlich ist es gegen anhaltende Nässe und feuchte, saftige Nahrung. Es liebt die trockenen Höhenweiden, erhält sich noch in Vertikalregionen, wo das Rind seine Nahrung nicht mehr findet, und verträgt jedes mittlere Klima. Nach ihrem Nutzwert lassen sich im allgemeinen die Rassen und Schläge des mitteleurop. Hausschafs in folgende Klassen und Abteilungen stellen, wenn auch diese Unterschiede in neuerer Zeit durch sorgsame Züchtung der einzelnen Rassen mehr verwischt sind: A. Wollschafe, mit vorwiegender Wollproduktion, und zwar grobwollige Landrassen, wozu das mitteleurop. Landschaf, das Heideschaf (Schnucke), das Zackelschaf, das große Alpenschaf (Bergamasker) und das niederdeutsche Marschschaf gehören, und Feinwollschafe oder Merinos (s. d.). B. Fleischschafe, mit vorwiegender Fleischproduktion, und zwar engl. Fleischschafe, welche in langwollige und kurzwollige (Downrassen) zerfallen, und Mittelschläge für Woll- und Fleischproduktion, wozu das Nerins von Merinos und Landschafen, die engl. derinos und die Roussillonschafe Die Schafe nützen durch ihre Wolle, ihr Fleisch, ihre Milch und ihren Dünger. Mit der erstern, dem de Die Produkt, beschäftigt sich die Wollkunde. Die Farbe der Schafwolle ist weiß, gelb, elbbraun, braun oder schwarz; für die Wollmanuaktur ist die weiße, welche beliebig gefärbt werden kann, die wertvollste. (S. — Das Fleisch der Schafe bildet neben dem des Rindes den wichtigsten Teil der animalischen Nahrung des Menschen. Die Verwertung der Milch der Schafe zu Käse pflegt namentlich auf den Weiden höherer Gebirge, am Mont-Dor, in den Cevennen (Roquefortkäse) und Ardennen, ital. Alpen, Karpaten u. s. w. betrieben zu werden. Der Schafdünger, aus dem Stall oder vom Pferch (Hordenschlag, Übernachten der Schafherde auf einem umzäunten Felde), steht an Wert dem Rindviehdünger am nächsten. Das Schaf ist ein sehr weichliches Tier; es ist vielen Krankheiten unterworfen, von welchen die häufigsten sind: Blattern oder Pocken, Räude, Maul⸗ und Klauenseuche, Blutschlag, Leberegelseuche Durchfall und Ruhr, Trommelsucht, Traber- oder Knupperkrankheit, Drehkrankheit (vom Gehirnblasenwurm). Gewöhnlich haben nur die männlichen Schafe Hörner. Die Organisation des Gebisses und der Zahnwechsel ist beim Schaf der nämliche, wie bei allen Wiederkäuern. Im Alter von ungefähr 1½ Jahren ist das Schaf fortpflanzungsfähig. Die Trächtigkeitsdauer des lch der Korbeträgt im Mittel 147 Tage. Bezüglich der Körperdimensionen und des Gewichts zeigen die einzelnen Rassen bedeutende Unterschiede; das lebende Gewicht variiert von 25 bis zu 150 kg. Nach Geschlecht und Alter der Schafe sind folgende Bezeichnungen im Gebrauch: für männliche Tiere: Bock, Stär, Widder; für kastrierte männliche Tiere: Hammel, Schöps, Kappe;: für weibliche Tiere: Mutterschaf, Zibbe Gippe); für junge Tiere bis zum ersten Daum Lamm (Bock⸗, Mutter⸗ oder Zibbenlamm); dann nach dem ersten Jahre Jährlinge, auch (mit Bezug auf den Zahnwechsel) Zweischaufler; im dritten Jahre Vierschaufler, im vierten Sechsschaufler, darüber Lbann Vollzähnige oder Abgeschobene. Alsdann wird auch der Geschlechtsbezeichnung das Beiwort «altv zugefügt; also aalte Böcke, alte Mütterv. Das zum Abschaffen (Verkauf oder Schlachten) bestimmte ausgeschossene Vieh heißt Merz-oder Brackvieh; die zur OnM nicht verwendeten oder nicht trächtig gewordenen Muttertiere heißen Gelt-oder Güstvieh. Die Schafzucht ist nächst der Rindviehzucht der wichtigste Teil der landwirtschaftlichen Viehzucht. Die Engländer, die schon zur Zeit der Königin Elisabeth als Schastiebier in Ruf standen, sahen besonders auf lange, zu Kammwollfabrikaten sich eignende Wolle und auf schmackhaftes, saftiges Fleisch, und hielten daher die Züchtung von Kammwoll⸗ und Fleischschafen stets für vorteilhafter als die der Merinos, oboleich sie für Merinowolle jährlich große Summen ins Ausland senden. (S. Merinos.) In neuester Zeit hat in Deutschland die feinwollige Schafzucht, welche bis zur Mitte des Nohhhunderts hier in hoher Blüte stand, bedeutend abgenommen, was seinen Grund in der gesteigerten Kultur durch Benutzung der Weideflächen zu Ackerland, besonders aber in den erheblich zurückgegangenen Preisen für Wolle hat, was auf die Konkurrenz der Kolonial-⸗(namentlich australischen) Wollen zurückzuführen ist. Es hat sich deshalb die Schafzucht mehr auf die ttton ge von Kammwolle und auf die Fleischrodn tion geworfen. Zu letzterer werden namentlich die engl. Downschafe und die franz. Merinos verwendet. Kreuzungen dieser Rassen mit dem Landschaf bewähren sich sehr. Für die Nachzucht werden einem Stär im Durchschnitt 40—50 Mutterschafe entweder nach freier Willkür oder einzeln zugeteilt. Man unterscheidet frühe und späte Lammzeit; erstere fällt in den Februar und März, letztere in den Juli und August. Die späte oder die Sommerlammung gewährt den Vorteil, daß die Lämmer mit ihren Müttern auf freier Weide besser gedeihen und gesünder bleiben als die Wintergeburten. Die neugeborenen Lämmer sucht man schon nach einigen Wochen an das Fressen zu gewöhnen, damit sie weniger der Milch ihrer Mütter bedürfen und nach drei Monaten dieselbe ganz entbehren können. In dem ersten Sommer erhalten die jungen Schafe Heu oder Grünfutter, Klee, Luzerne, Esparsette ganz auf dem Stalle, wenn nicht in dessen Nähe besonders gute Weide für sie vorhanden ist. Zur Winterfütterung für Schafe eignen sich am besten Heu und Stroh, daneben Wurzel⸗ und Knollengewächse, vorzüglich Kartoffeln, Getreidekörner und Olkuchen. Obgleich die Schafe wenig hen doch zu sich nehmen, so darf ihnen das Saufen doch keinen Tag entzogen werden; reines Wasser ist ihnen am zuträglichsten. Fügt man demselben in der kalten Jahreszeit, um es wohlschmeckender zu machen, und während der Säugezeit, um die Milchabsonderung der Mutterschafe zu befördern, Olkuchenmehl oder Getreideschrot n. so muß solches mit Maß geschehen, weil übermäßiges Saufen schädlich werden kann. Die Schafschur und Wollwäsche Cchafe auf zweierlei Weise. Entweder werden die Schafe vor dem Scheren geschwemmt, d. h. gewaschen (Rückenwäsche), oder sie werden ohne weiteres geschoren und die Wolle nachher gewaschen (Fabrikwäsche). Bei letzterm Verfahren leiden die Schafe, für die das Wasserbad stets angreifend ist, weniger, und es gewinnt daher die Praxis der Fabrikwäsche immer mehr Eingang. Die Schur erfolgt von Ende Mai bis gegen Juni bei einschürigen, zu Ende September zum zweiten mal bei zweischürigen Herden. Die Vliese müssen vor dem Zerreißen s Inbal tig bewahrt, vollkommen getrocknet und gut emballiert werden. Vgl. außer den Schriften von Koppe, Elsner, Löhner, Ockel, Andrée, Hamm, Körte, Mentzel, Schmidt: May, «Das Schafo (2 Bde., Bresl. 1868); des Schafs» (Danz. 1876); Nathusius, Vorträge über Schafzuchte (Berl. 1880); Bohm, «Die Schafzucht nach ihrem jetzigen rationellen Standpunktev (2 Bde., Berl. 1883); Körte, «Das Fleischschaf, seine Züchtung und Haltung» (Bresl. 1885); Witt, „Die engl. Fleischschafrassen (Lpz. 1886).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 287Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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