FeedSchlangenkrümmungen
HeilkundeBrockhaus 1882

Schlangenkrümmungen oder Skoliosen genannt werden, weil sie stets in Form eines lat. S stattfinden, da der Ausbiegung nach rechts immer eine tiefer unten befindliche sog. Kompensationskrümmung nach links entspricht, und umgekehrt. Diese Wirbelsäulenkrümmungen, auch unter dem Namen len Schulter bekannt, entstehen teils aus wirklichen organischen Leiden der Wirbelknochen, so namentlich häufig im Jugendalter die winkelige Knickung der Wirbelsäule (meist nach vorn als sog. Kyphosis, Auswachsen, Buckel, Buckeligsein) im Gefolge von Entzündung, Vereiterung und Zerstörung der Wirbelkörper (die chronische Wirbelentzündung und Wirbeltuberkulose, auch als Spondylarthrocace oder Pottsche Wirbelkrankheit bekannt). In andern seltenern Fällen sind Krankheiten der Muskeln oder Bänder der Wirbelsäule schuld an dem Krummwerden, in noch andern eine Unmöglichkeit, das Gleichgewicht des Körpers anders als durch eine schiefe Rückenhaltung zu behaupten: z. B. wenn jemand immer eine schwere Last auf einem Arme trägt, wie manche Kindermädchen ihren Pflegling, oder wenn der eine Fuß zu kurz, verbogen, steif oder beim Auftreten schmerzhaft ist. In den allermeisten Fällen aber ist das S. (die Wirbelsäulenverkrümmung) eine Folge von schlechter Körperhaltung, von einer aus Bequemlichkeit oder Schwäche angenommenen falschen Richtung der Wirbelsäule. Diese sog. Gewohnheitsskoliose findet sich am häufigsten bei Kindern, die auf einem Beine (meist dem linken) zu stehen lieben, und bei jungen Mädchen, welche im Sitzen, beim Schreiben, Nähen, Sticken u. s. w. aus Ermüdung die linke Seite einsinken lassen und die rechte hinauskrümmen. Solche Kinder sind zugleich auch meistens muskelschwach, blutarm, bleichsüchtig und stubensiech. Je jünger die Kinder sind, um so ungünstiger wirken die angeführten Schädlichkeiten ein. Die Verhütung und (in den ersten Stadien) Heilung dieser Verkrümmungen ist weit mehr Sache der Erzieher und Eltern als der Arzte. Vor allen Dingen muß das Kind täglich und stündlich zu Hause und in der Schule nicht nur erinnert werden, die richtige Körperhaltung einzunehmen, sondern mittels Drücken auf Schulterblatt, Rippen u. s. w. in die richtige Stellung gebracht werden. Von besonderer Wichtigkeit für die Verhütung der Skoliosen ist die Beschaffung zweckmäßiger Schulbänke und Subsellien, durch welche eine richtige Haltung des sitzenden und schreibenden Kindes erstrebt wird. (S. Schulhygiene.) Bedeutendere, durch Zurechtebringen nicht mehr gerade zu richtende Wirbelsäulenkrümmungen sind den orthopädischen Heilanstalten (s. Orthopädie) zuzuweisen, oder erfordern das ergeben, daß dem S. hauptsächlich Anomalien der Refraktion zu Grunde liegen, nämlich dem Einwärtsschielen die Hyperopie (. d.), dem Auswärtsschielen die Myopie (s. d.), daß ferner alle Momente, welche das Zusammenwirken beider Augen dauernd oder vorübergehend stören, wie ungleiche Sehschärfe oder Refraktion der beiden Augen, Entzündungen und Residuen derselben, die Entwickelung des S. begünstigen. Durch den Gebrauch geeigneter Brillen und Erleichterung des binokulären Sehaktes ist daher in vielen Fällen das S. auf friedliche Weise zu beseitigen, um so mehr, als im Anfange seiner Entwickelung das S. meistens Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XIV. ein periodisches ist, d. h. nur bei gewissen Anstrengungen der Augen hervortritt, und erst allmählich durch eine gewisse Verkürzung des betreffenden Muskels konstant wird. Bei alledem ist die operative Behandlung des S. noch immer unentbehrlich. Angeregt wurde dieselbe von L. Stromeyer, zum ersten mal 1839 von Dieffenbach ausgeführt, besonders kultiviert indessen von A. von Graefe, nachdem die ursprüngliche Methode Dieffenbachs und seiner Zeitgenossen zu vielen Mißerfolgen, namentlich einem monströsen Sekundärschielen Veranlassung gegeben hatte und die Schieloperation wieder zu diskreditieren drohte. Die Operation besteht darin, daß der Ansatz eines Muskels von dem Augapfel losgelöst wird und entweder weiter nach hinten, entfernter vom Hornhautrande (Rücklagerung) oder weiter nach vorn, näher an die Hornhaut (Vorlagerung) zum Anheilen gebracht wird. Beim paralytischenSchielen bestehtzunächst eine Lähmung eines Augenmuskels, die rheumatischen Ursprungs oder von einer Störung der Augenmuskelnerven oder ihrer Centralorgane bedingt sein kann. Anfangs tritt die falsche Stellung des Auges nur bei solchen Blickrichtungen ein, in denen die Thätigkeit des gelähmten Muskels in Anspruch genommen wird; allmählich aber entwickelt sich eine Kontraktion des Antagonisten und dann ist S. in allen Blickrichtungen, wenn auch in verschiedenem Grade, vorhanden. Hier ist auch durch eine Schieloperation nur ein teilweiser Erfolg zu erzielen. Frisch entstandenes, daher namentlich das paralytische S., ist fast immer mit störendem Doppelsehen verknüpft. Wenn z. B. in beistehender Fig. 3 das linke Auge den Punkt A fixiert, das rechte nach ein⸗ +41 wärts schielt, so fällt im linken Auge das Bild von A auf g, den gelben Fleck, im rechten Auge dagegen auf f, nasenwärts vom gelben Fleck. Das Bild des linken O Auges wird richtig nach A projiziert, das des rechten dagegen nach Alund es entstehen so zwei nebeneinander Fig. 2. stehende Doppelbilder. Das Doppeltsehen verliert sich meistens im Laufe der Zeit, besonders beim muskulären S., durch Unterdrückung des schwächern Bildes, daher um so eher, wenn das schielende Auge eine verminderte Sehschärfe hat, sodaß sein Bild gegen das Bild des fixierenden Auges wesentlich zurücktritt. Sind die sämtlichen der Bewegung dienenden Muskeln eines Auges gelähmt (Ophthalmoplegie), so ist dasselbe völlig unbeweglich und starr (Luscitas). Ein ähnlicher Zustand, sowie Beschränkung der Beweglichkeit in einzelnen Richtungen, kann auch auf rein mechan. Wege, durch Geschwülste in der Augenhöhle, Narben⸗ und Strangbildungen in den das Auge umgebenden Gewebsteilen zu Stande kommen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 336Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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