FeedHüftgelenkentzündung
HeilkundeBrockhaus 1882

Hüftgelenkentzündung (Coxstis, Coxalgia, Coxarthrocäce), ein langwieriges und schmerzhaftes Leiden, welches in jedem Lebensalter, vorwiegend aber bei jüngern Individuen, namentlich bei schwächlichen und skrofulösen Kindern im Alter von neun bis zehn Jahren vorkommt und häufig zur eiterigen Zerstörung oder Verödung des üftgelenks und damit zu einer bleibenden Verkürzung des erkrankten Beins und zu dauerndem ausgesprochenen Hinken (s. d.) führt. Die Krankheit tritt entweder nach einer bestimmten traumatischen Schädlichkeit, nach einem Sprung, Fall oder Stoß auf die Hüftgegend, oder nach einer vorausgegangenen heftigen Erkältung auf; oft Heouz aber entwickelt sie sich ohne jedwede bekannte zeranlassung so schleichend und unbemerkt, daß Ursache und Beginn der Krankheit gar nicht anzugeben sind. Die ersten Symptome der H. bestehen gewöhnlich darin, daß das kranke Kind das eine Bein auffallend schont, bei längerm Gehen etwas nachschleppt und leicht hinkt; bald stellen sich dann auch mehr oder minder lebhafte Schmerzen im Hüftgeelenk ein, die von diesem aus über die innere Schenkelfläche nach dem Knie ausstrahlen und bei Druck auf das Hüftgelenk oder auf den großen Rollhügel verschlimmert werden. Schließlich wird das Gehen und Stehen sehr erschwert oder ganz unmöglich; der kleine Kranke stützt sich nun fast nur noch auf das gesunde Bein, zieht die kranke Hüfte in die Höhe, beugt das Knie und berührt den Fußboden nur noch mit den Zehen (scheinbare Verkürzung der erkrankten Extremität). In einem spätern Stadium der Krankheit kommt es nicht selten zu einer wah— ren Verlängerung des kranken Beins, indem durch eine reichlichere Flüssigkeitsansammlung in dem entzündeten Hüftgelenk die Gelenkflächen voneinander abgedrängt werden und der Schenkelkopf nicht mehr genügenden Raum in seiner Pfanne findet. Wurde die Krankheit von Anbeginn an sorgfältig behandelt, so kann noch in diesem Stadium dauernde und völlige Genesung eintreten; bei ungünstigem Verlauf dagegen tritt gewöhnlich eine ausgedehnte Eiterung und Fistelbildung ein, der Schen—⸗ kelkopf und die übrigen knöchernen Gelenkteile werden durch die eingetretene Verschwärung mehr oder minder zerstört, die kranke Extremität wird in Wirklichkeit, nicht bloß scheinbar, verkürzt, und der kleine Kranke trägt im günstigsten Falle, wenn er nicht infolge des Fiebers und der Erschöpfung zu Grunde geht, nach jahrelangem schweren Siechtum ein verkrüppeltes Bein davon. Nur bei Beachtung der frühesten Krankheitssymptome und sofort eingeleiteter umsichtiger und konsequenter Behandlung ist solchen übeln Ausgängen vorzubeugen. Die Behandlung hat sofort von Beginn der Krankheit an für absolute Ruhe und Unbeweglichkeit des entzündeten Hüftgelenks (durch monatelanges Liegen in einem Gips- oder andern festen Verband oder durch sog. Extensionsverbände, bei welchen die kranken Gelenkenden durch anhaltenden Zug und Gegenzug vor nachteiligem Druck bewahrt bleiben) zu sorgen und die Kräfte des Kranken durch eine leichtverdauliche nahrhafte Diät, guten alten Wein, Eisen- und Chinapräparate möglichst zu erhalten. Bei eingetretener Eiterung ist es eine Hauptaufgabe der Behandlung, dem Eiter durch rechtzeitige Incisionen freien Abfluß nach außen zu verschaffen; mitunter gelingt es nur durch die operative Entfernung (Resektion) des vereiternden Schenkelkopfs das Leben des Kranken zu erhalten. Auch nach abgelaufener Entzündung bedarf der Kranke, um Rückfällen vorzubeugen, noch lange Zeit hindurch der größten Schonung; das Gehen ist im Anfang nur sehr vorsichtig und nur mit dem Gebrauch von Krücken oder geeigneten orthopädi— schen Apparaten, wie des sog. Taylorschen Apparats, zu gestatten. Bei zurückgebliebener Verkürzung des kranken Beins macht sich eine Unterstützung. des kranken Fußes durch eine erhöhte Sohle am Stiefel erforderlich.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 435Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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