FeedSchlagfluß
HeilkundeBrockhaus 1882

Schlagfluß oder Schlag nennen die Laien und manche Ärzte jede plötzlich (wie durch einen Schlag) eintretende Lähmung eines Körperteils oder Organs und sprechen in diesem Sinne von Rückenmarks⸗, Herz⸗, Lungen⸗, Blasenschlag u. dgl. Im engern Sinne bezeichnet S. die plötzliche (mehr oder weniger vollständige) Unterbrechung der Gehirnfunktionen, also insbesondere der Sinneswahrnehmungen, des Bewußtseins und der willkürlichen Körperbewegung (Hirnschlagfluß, apoplexia cerebri), wobei jedoch Atmung und Herzschlag ihren Fortgang haben. Der so vom Schlage getroffene (Schlagflüssige) fällt gewöhnlich plötzlich bewußtlos um und vermag auch nach der Wiederkehr des Bewußtseins die Gliedmaßen der einen oder beiden Körperhälften nicht mehr willkürlich zu bewegen, wogegen sie auf galvanische und ähnliche Reflexreizungen noch sehr gut reagieren. Er sieht, hört und fühlt auf der gelähmten Seite nicht mehr; dieselbe Gesichtshälfte 5 glatt, schlaff und beim Sprechen unbeweglich. Oft sind erweiterte Pupille, Schiefvorstrecken der Zunge, schnarchendes Atmen, lallende Sprache, unwillkürlicher Stuhl⸗ und Harnabgang damit verbunden. Ein derartiger Schlaganfall erfolgt entweder inmitten des vollsten Wohlbefindens oder nachdem längere Zeit schon gewisse Vorboten 91805 Blutandrang nach dem Kopfe, Schwindel, Ohrensausen, heftige Kopfschmerzen, Gedächtnisschwäche) vorausgegangen sind. Bei halbseitigen apoplektischen Lähmungen (Hemiplegien) ist der Sitz der Krankheit fast immer in der den gelähmten Gliedmaßen gegenüberliegen-Hälfte des Gehirns. Die Grundursache des Schlags, d. h. die demselben zu Grunde liegende Veränderung der Hirnsubstanz, ist in den allermeisten Fällen ein Bluterguß in dem Gehirn, veranlaßt durch Platzen einer durch Verknöcherung oder Verfettung brüchig gewordenen Arterie, seltener infolge anderer Umstände Gan äußerer Gewaltthätigkeiten oder skorbutischer Blutzersetzung). Diese Ursache des S., die Hirnblutung, ist so gemein, daß manche Anatomen den S. ganz mit ihr identifizieren, ja sogar andere Blutergießungen, wenn sie plötzlich ins Gewebe der Organe stattfinden, mit dem Namen Apoplexien (3. B. der Lunge) bezeichnen. Doch gibt es auch andere Ursachen einer hordn plötzlichen Hirnlähmung, z. B. rasche Vertopfung einer Hirnarterie durch ein eingeschwemmtes Blutgerinsel (s. Embolie), rasche Blutüberfüllung der feinsten Hirngefäße (die sog. vaskulären Apoplexien), periodischer oder plötzlicher Druck einer Hirngeschwulst, vielleicht sogar plötzliche Wasserergüsse innerhalb der Schädelhöhle (der sog. Wasserschlag, apoplexia serosa älterer Arzte). Der Hirnschlagfluß kann plötzlich, binnen wenig Minuten töten, aber auch nach Wochen oder Monaten eine, wenigstens teilweise Herstellung gestatten. In letzterm Falle unterliegt das Gehirnmark und das darin ausgetretene Blut verschiedenen Umwandlungen, indem im günstigsten Fall das letztere allmählich resorbiert wird und an Stelle der zertrümmerten Hirnsubstanz eine glattwandige wasserhaltige Cyste oder eine kleine gelblich gefärbte Narbe zurückbleibt. Freilich bleibt in den meisten Fällen ein Teil der von dort auslaufenden Nervenfädchen für zeitlebens dem Willen oder der Empfindung entzogen, sodaß z. B. der einst von S. Getroffene den einen Arm oder das eine Bein nicht mehr willkürlich oder nur unvollkommen bewegen kann, an gewissen Hautstellen nicht mehr fühlt, einen schiefen Mund behält u. s. w. Die meisten halbseitigen Körperlähmungen sind Folgen von Schlagflüssen. Oft folgt auch ein allmählich um sich greifender Zerstörungsprozeß im Hirnmark, die sog. Gehirnerweichung (s. d.), encephalomalacia, und der sog. Gehirnabsceß, abscessus cerebri (. unter Gehirnentzündung), und reibt den Kranken allmählich unter allerlei Schmerzen, Krämpfen, Fieberzufällen und Bewußtseinsstörungen auf. Der S. kann sich, oft binnen wenig Stunden oder Tagen, oft in langjährigen Pausen, bei einem Individuum öfters wiederholen, namentlich je nachdem eine Hirnarterie nach der andern wegen Brüchigkeit berstet. Der Blutschlagfluß trifft namentlich ältere Leute, besonders solche, welche auch sonst sehr rot im Gesicht aussehen loft infolge von Herzkrankheiten oder Störungen des kleinen Kreislaufs), ferner Schwelger und Gichtische, oder tritt nach heftigen Gemütsaffekten, äußern Erhitzungen und Anstrengungen, starken Erkältungen, Nachtwachen etc. plötzlich auf. Auch die direkte Einwirkung der Sonnenstrahlen auf den Kopf kann durch plötzliche Blutüberfüllung des Hirns schwere schlagflußähnliche Symptome hervorrufen, die als sog. Hitzschlag den Soldaten auf anstrengenden Märschen gefährlich werden. Man verhütet den Hirnschlag durch Vermeiden der eben genannten Schädlichkeiten, besonders des zum Verfetten und Verkalken der Arterien führenden schwelgerischen Lebenswandels, und dadurch, daß man besonders gealterte Personen (deren Adern stets starrwandig und brüchig sind) und Herzkranke zu großer Ruhe des Geistes und Körpers anhält. Bei der Behandlung der Schlagflüsse spielten sonst Aderlässe eine zu ausgedehnte Rolle, während sie jetzt, fast mehr als gut ist, geringgeschätzt werden. or allem bringe man den vom Schlag Getroffenen, nach Entfernung aller beengenden Kleider, an einen kühlen, ruhigen Ort, lege den Kopf und Rücken hoch, bedecke erstern mit kühlen Umschlägen, sorge durch Fußbäder, Senfteige, scharfe Klystiere u. dgl. für gehörige Ableitung nach unten und für rechtzeitige Minderung der unausbleiblichen Reaktion (Entzündung) im Gehirn. Während deren Verlauf wird das kühlende und ableitende Verfahren fortesetzt und durch äußere Ruhe, Verfinsterung des immers, Vermeidung von Geräusch, Gespräch etc. noch längere Zeit (bis zur Ausheilung der kranken Stelle) jede Hirnreizung vermieden. Späterhin ist die Bekämpfung der zurückbleibenden Lähmungen durch Massage, vorsichtige gymnastische übungen und Anwendung des galvanischen Stroms wichtig. Herzschlag nennt man eine plötzliche Lähmung des Herzens, die zumeist auf fettiger Entartung der Herzmuskeln beruht. (S. unter Herzlähmung, Herzverfettung.) über den sog. Lungenschlag s. Lungenödem.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 371Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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