Schulze-Delitzsch (Hermann), Begründer der deutschen Erwerbs⸗ und Wirtschaftsgenossenschaften, geb. 29. Aug. 1808 zu Delitzsch, wo sein Vater Bürgermeister war, erhielt seine Gymnasialbildung zu Leipzig und widmete sich dann auf dortiger Universität der Jurisprudenz. Nachdem er die akademischen Studien in Halle beendet, trat er 1830 bei dem Oberlandesgericht zu Naumburg als Auskultator ein. Im J. 1838 erfolgte seine Versetzung als Assessor an das Kammergericht in Berlin, doch kehrte er 1841 als Patrimonialrichter nach seiner Vaterstadt zurück. Im J. 1848 vertrat S. den Wahlktreis Delitzsch in der Nationalversammlung zu Berlin, wo er zum Vorsitzenden des Ausschusses zur Untersuchung des Notstandes der arbeitenden Klassen ernannt wurde. Die Begutachtung von mehr als 1600 einschlagenden Bittschriften brachte ihn zu der Überzeugung, daß die Hebung der durch die Konkurrenz der Großindustrie hart bedrängten Kleingewerbe nur durch die Beschaffung von Kapital und andern Mitteln des Großbetriebes im Wege der Association zu vollziehen sei. S. bestimmte zunächst die Schuhmacher seiner Vaterstadt zur Bildung einer Genossenschaft, welche die bei ihr im Handwerk nötigen Rohstoffe für gemeinschaftliche Rechnung einkaufte und an die Teilnehmer nach Bedarf zu Großhandelspreisen abließ. Obgleich das Ergebnis den Erwartungen entsprach, so ward doch S. vorderhand an der Weiterverfolgung dieser wichtigen Angelegenheit durch die Annahme eines Mandats für die nach der oktroyierten Verfassung von 1849 berufene Zweite Kammer verhindert. Außerdem sah er sich nach Auflösung der Kammer von einer Anklage wegen Aufruhrs betroffen, welche das Ministerum auch gegen ihn aus Anlaß der Teilnahme an dem Steuerverweigerungsbeschlusse von 1848 erheben ließ. Doch wurde er im Febr. 1850 auf seine glänzende Verteidigung freigesprochen. Mit der Patrimonialgerichtsbarkeit war auch sein bisheriges Amt eingezogen worden, und er mußte sich deshalb an das Kreisgericht zu Wreschen (Provinz Posen) versetzen lassen. Doch nahm er bald seine Entlassung und kehrte nach Delitzsch zurück, wo er nun die Weiterentwickelung des Gedankens einer Hebung der arbeitenden Klassen auf der Basis wirtschaftlicher Selbsthilfe wieder aufnahm. Unter seinem Einfluß entstanden zunächst in Delitzsch, Eilenburg, Halle, Bitterfeld und im Königreich Sachsen Genossenschaften zur billigern Beschaffung von Rohstoffen und Halbfabrikaten, Lebens⸗ und Genußmitteln, ferner sog. Volksbanken, die aus kleinen Einzahlungen und fortgesetzten Spareinlagen der Teilhaber, sowie aus empfangenen Darlehnen Geldvorschüsse gegen etwas höhere Zinsen gewährten und den Nutzen dieses Betriebes dem Guthaben der Mitglieder zuwachsen ließen. Dadurch sowohl, daß alle Teilnehmer sich zum solidarischen Einstehen für die Verbindlichkeiten ihres Vereins verpflichten mußten, als durch die feste Haltung, welche die Genossenschaften unter selbst schwierigen Umständen bewahrten, stieg ihr Kredit in so hohem Grade, daß ihnen bald auch aus weitern Kreisen Betriebsmittel zur Verfügung gestellt wurden. (S. Genossenschaften.) Durch zahlreiche populäre Schriften wirkte S. zugleich für die Ausbreitung seines wirtschaftlichen Prinzips und trat namentlich der stürmischen Propaganda Lassalles für Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe entgegen. Auf dem ersten Vereinstage deutscher Vorschußvereine, welcher vom 14. bis 16. Juni 1859 in Weimar abgehalten wurde, übertrug man S. nach seinem Vorschlage die Leitung eines Centralbureau, das die Verbinbindung unter den einzelnen Vereinen und den Austausch der Ansichten und Erfahrungen vermitteln sollte. Diese Stellung eines besoldeten «Anwaltso des Genossenschaftswesens bekleidete er bis zu seinem Tode, lehnte dagegen ein Ehrengeschenk von mehr als 150000 Mark, welches von Freunden und Parteigenossen als Anerkennung für sein gemeinnütziges Wirken zusammengebracht war, ab ünd bestimmte dasselbe für eine bleibende Stiftung zur Förderung und Fortbildung seiner Schöpfung. Seit 1859 beteiligte sich S. auch wieder an polit. Angelegenheiten; er wirkte mit an der Stiftung des Nationalvereins und nahm 1861 ein Mandat für Berlin zum Reich Abgeordnetenhause an, wo er, ebenso wie im Reichstage (1867—74 für Berlin, seit 1874 für Wiesbaden), der Fortschrittspartei angehörte. Er starb 29. April 1883 zu Potsdam. Vgl. Bernstein „S. Leben und Wirkeno (Berl. 1879). swesen.