Siam, Schan oder Thai, ein selbständiges, aus einer größern nördl. und einer kleinern sudl. Hälfte bestehendes Reich in Hinterindien mit einem Areal von 726 850 qkm. Die nördliche viereckige Hälfte von S. wird westlich von dem engl. Chefkommissariat Britisch-Birma, nördlich von dem Reiche Birma und der annamitischen Provinz Tongking, östlich von Annam, südlich von Kambodscha und dem Golf von S. begrenzt. Die südl. Hälfte bildet den nördl. Teil der Halbinsel Malakka und grenzt östlich an den Golf von S., südlich an die unabhängigen Malaienstaaten auf der genannten Halbinsel, westlich an den Golf von Bengalen und Britisch-Birma. Die nördl. Hälfte von S. oder Obersiam besteht zum Teil nur aus bergigem Lande, in dem sich zwei von Norden Süden verlaufende Hauptketten unterscheiden las sen, die eine unweit der Grenze zwischen S. und Britisch-Birma, die andere mehr in der Mitte des Reichs, ostwärts von dem Flusse Menam, zum Teil aus niedrigen Diluvial⸗ und Alluvialebenen. S. empfängt seine Bewässerung hauptsächlich aus drei, in der Richtung von Norden nach Süden laufenden, sehr beträchtlichen Strömen, nämlich dem einen Teil seiner Grenze gegen Britisch-Birma bildenden Salwen, dem Menam mit seinen bedeutenden Nebenflüssen in der Mitte von S. und dem die Grenze zwischen ihm und Annam bildenden Me-khong oder Kambodschaflusse. Der Boden von S. ist im allgemeinen außerordentlich fruchtbar und überreich an den wertvollsten Erzeugnissen aller drei Reiche. Die Fauna und Flora zeigen den spezifisch hinterind. Charakter. Hauptsäugetiere sind zahlreiche Affen, Elefanten, Rhinocerosse, Büffel, Tiger, Hirsche, wilde Schweine u. s. w. Von Erzeugnissen des Pflanzenreichs sind Pfeffer, Zucker, Tabak, Baumwolle, Reis, Zimt, Kardamomen, Gummigutti, Benzoé und andere Harze, verschiedene Farbe⸗ und zahlreiche andere für die verschiedensten Zwecke nutzbare Hölzer hauptsächlich erwähnenswert. Die auf 5 750000 Seelen zu schätzende Bevölkerung besteht aus 2 Mill. eigentlichen Siamesen, 2 Mill. Laos, über 1 Mill. Malaien und Kambodier und etwas über ½ Mill. Chinesen als Handels- und Gewerbsleute in den Städten. Das herrschende Volk sind die der mongol. Rasse angehörenden Siamesen, welche sich selbst Thai, d. h. Freie nennen. Sie bilden mit den den Norden des Landes bewohnenden Laos (s. d.) eine nur durch Verschiedenheit des Dialekts gesonderte Nation. Die Siamesen sind Buddhisten und das Pali ist gelehrte Sprache bei ihnen. Die zahlreichen Priester, die Talapoinen, zeichnen sich durch Gelehrsamkeit aus und besitzen eine nicht unbedeutende Litteratur. Die Masse des Volks steht geistig niedrig. Der zur Malaiischen Halbinsel gehörende Teil von S. ist hauptsächlich von Malaien bewohnt, neben denen, besonders im Gebirge, noch einzelne — zahlreiche, Samang genannte Stämme von Negritos leben. Außerdem sind noch die wenig bekannten Tschong oder Xong im südöstlichen und die wilden Stämme der Kha im nordöstl. Teile zu erwähnen, die sich beide von der herrschenden Nation in Sitte und Sprache unterscheiden. Endlich finden sich in S. noch gegen 3000 Nachkommen portug. Kolonisten, welche die Sprache und Religion ihrer Väter bewahrt haben. Ein apostolischer Vikar ist ihr Vorsteher. Hindostanische und chines. Civilisation haben nur auf den vornehmern Teil der Bevölkerung von S. einigen Einfluß geäußert. Der auswärtige Handel konzentriert sich in Bangkok und ist fast uhr beliez sch in den Händen der Chinesen; die br aur belief si 1883 auf 21,3 Mill., die Ausfuhr auf 42,3 Mill. Mark. Hauptartikel der Einfuhr sind Reis, Zucker, Pfeffer, Sesam, Sappanholz, Häute, Teakholz, Kardamomen u. s. w. Die Handelcsflotte besteht aus 42 nach europ. Muster gebauten Schiffen von 16000 t, darunter 3 Dampfer, und einer großen Anzahl kleinerer Schiffe einheimischer Bauart. Die Post ist seit 1884 in der Stadt Bangkok in europ. Weise organisiert; die Ausdehnung der Posteinrichtung auf das ganze Land ist (1886) im Werk. Zwei Telegraphenlinien führen von Bangkok nach Saigon und Tavoy. Die Staatsverfassung, früher absolut-monarchisch, ist durch Entschluß des Königs vom 8. Mai 1874 einigermaßen beschränkt. S. hat nur einen König, denn der von den Europäern so genannte zweite König hat weder Einfluß auf die Regierung noch Anspruch auf die Titel cMajestäto und Königo, obwohl sie ihm von den fremden Mächten gegeben zu werden pflegen. Der erste König übt die gesetzgebende Gewalt seit w1874 in Gemeinschaft mit dem großen Staatsrat und dem Senabadi genannten Ministerconseil aus. Wichtige Gesetze bedürfen der Zustimmung beider Faktoren, bei unwesentlichern Bestimmungen genügt die Entscheidung des Staatsrats. Dieser besteht aus dem ersten König als Vorsitzendem, den Ministern, welche jedoch kein Stimmrecht haben, 10—20 vom König ernannten Staatsräten, welchen die Bearbeitung der Gesetzesvorlagen zufällt, und sechs Prinzen des königl. Hauses. Das Königtum ist in beschränkter Weise erblich, indem der Ministerconseil in Gemeinschaft mit den Prinzen der vier höchsten Rangklassen den Nachfolger aus der Zahl der Söhne des Königs wählt. Die 41 Provinzen des Landes werden jede von einem Rat erster Klasse (Phraya) regiert. Hauptstadt ist Bangkok (s. d.). Die Einnahme des Königs ist auf höchstens 15 Mill. Mark zu schätzen, da der größte Teil der Einkünfte von den unbesoldeten Beamten unterschlagen wird. Eine geringe Streitmacht von etwa 2000 Mann, von europ. Offizieren eingeübt, steht dem König zur Verfügung; alle männlichen Einwohner sind nach zurückgelegtem 21. Lebensjahre zum Dienst verpflichtet. Die Flotte besteht aus 2 Schraubensloops mit 18 und 6 Kanonenbooten mit 23 Kanonen. Das Reichssiegel zeigt einen fliegenden Drachen; die Flagge ist rot mit goldener Sonne. Es bestehen vier Orden: der Stern der neun Edelsteine (religiös, nur für Buddhisten), der Orden des weißen Elefanten, der Kronenorden und der Orden Chulachonckao. Die ältere Geschichte S.s ist wenig bekannt. Hauptmomente darin bilden die Einführung des Buddhismus und mit ihm die ersten Elemente einer höhern Kultur aus Vorderindien, wie man glaubt 638 n. Chr., wahrscheinlich aber schon viel früher. Von wichtigen neuern Ereignissen sind erwähnenswert: die Unterwerfung S.s unter die Herrschaft von Pegu 1556; die Befreiung S.s von Pegu durch Phra-Naret 1579; die Ausrottung der Dynastie desselben durch den Minister Kalahom, der als Phrachas-Phrasat-thong den Thron bestieg; die Ankunft franz. Missionare und der durch einen Griechen, Konstantin Faucon, welcher ehrgeizige Pläne verfolgte, plötzlich ins Wunderbare gestiegene, zu mehrern gegenseitigen Gesandtschaften führende Einfluß der Franzosen (1657); der durch Phra-Phetrassa bewirkte Aufstand, in welchem Faucon 1682 zu Grunde ging, die Ausrottung des Königshauses und die einander folgenden Eroberungen des Reichs, sowie die völlige Zerstörung der Hauptstadt Ajuthia durch die Birmanen 1767; endlich die Vertreibung der Birmanen durch einen in S. geborenen Chinesen Phaya-Tak 1767, welcher den Staat von S. wiederherstellte, 1782 aber von Chakkri, einem seiner Feldherren, ermordet wurde, der nun eine neue Dynastie begründete und die Residenz nach Bangkok verlegte. Chakkris Nachfolger führten häufige Kriege mit den Birmanen. Einer seiner Urenkel, Chrom-Chiat oder Kroma-Mom-⸗Tschit, kam 1824 durch Usurpation auf den Thron, eroberte 1829 Laos und ließ dessen Königsfamilie hinrichten. Grausam gegen seine Unterthanen, war er auch ein Feind der Fremden. Als er Anfang 1851 erkrankte, riet ihm sein Minister Chow-Phya-Sri-Sury-Wongse, keinen seiner zwölf illegitimen Söhne, sondern den Sprößling der verdrängten Dynastie zum Nachfolger zu ernennen. Diesen letztern ließ der Minister, als der König 3. Aug. 1831 gestorben war, auch wirklich als König ausrufen, ohne daß die Großen des Reichs sich dagegen erhoben. Der neue König, Khan-Fa-Mongkut, war den Engländern und Nordamerikanern sehr freundlich gesinnt, starb aber bereits 1852. Nun folgte sein Bruder Somdet-Phra-Pawarander-Maha-Mongkut, der das gute Einvernehmen mit den Fremden fortsetzte und mit den meisten seefahrenden Nationen Handelsverträge abschloß. Kurz vor seinem Tode 30. Sept. 1868 veranlaßte derselbe den Ministerconseil, Chow-Fa-Chula-Longkorn zum König zu wählen, welcher auch 1. Okt. 1868 den Thron bestieg. Während seiner Minderjährigkeit (bis 16. Nov. 1873) war Chow-Phya-Sri-Sury-Wongse Regent. Dieser, sowie der König waren seitdem fortwährend bemüht, der europ. Kultur Eingang in S. zu verschaffen. Vgl. Bastian, Die Völker des östl. Asienv (Sd. 3: Reisen in S.v, Jena 1867); Scherzer, Fachmännische Berichte über die österr.⸗ungar. Expedition nach S., China und Japanv (Stuttg. 1872); Bock, Im Reiche des weißen Elefanteno (deutsch von Schröter, Lpz. 1885). „Siam (Golf von), eine große, mit der Mitte ihrer Wasserfläche unter 10 südl. Br. und 1035 östl. L. (von Greenwich) gelegene Meeresbucht in Hinterindien. Dieselbe wird gegen Westen von M 11 Siam gehörenden Ostküste der Halbinsel alakka, gegen Norden und Nordosten ebenfalls von Siam, gegen Südosten aber von Kambodscha und Cochinchina begrenzt. Siamang, s. unter Gibbons. Siamesische (Siamische) Sprache, von den Eingeborenen das Thai genannt, ein wesentlich einsilbiges Idiom Hinterindiens, mit den Sprachen Chinas verwandt, so wie diese mindestens vier verschiedener Stimmbiegungen seiner Grund⸗ oder Stammwoörter fähig, aber auch gleich dem Chinesischen durch Verbindung zweier derselben viele Begriffe unterscheidend. In der dem ind. Pali nachgebildeten Buchstabenschrift werden mehrsilbige Fremdwörter zum Teil verstümmelt. Der höhere Bücherstil entbehrt nicht geschmackloser Überladung und anwidernder Demutsphrasen. Eine gute Sprachlehre des Thai schrieb Ewald (Lpz. 1881), ein Lauchhaltiges Wörterbuch Pallegoix (Par. 1854). In zwei akademischen Abhandlungen (Berl. 1856 u. 1859) hat W. Schott über das Thai in Verbindung mit andern Sprachen derselben Klasse gehandelt.