Annam oder Anam, eigentlich Ngan-nam (Ruhe des Südens), seit 1802 offiziell Viet-nam (Glanz des Südens), ein Reich an der Ostküste der hinterind. Halbinsel, umfaßt, nachdem Kambodscha und ein Teil von Cochinchina an Frankreich abgetreten worden, noch 440 500 akm und wird im N. von den chines. Provinzen Kuangtong, Kuangsi und Jünnan, im W. vom Lande der Laos und von Siam, im O. von dem Chinesischen Meer mit dem Busen von Tungking, im SW. vom Französischen Hinterindien umgeben. Es zerfällt in Tungking im N. mit der Hauptstadt Kescho, und Cochinchina im S. mit der Hauptstadt Hu'. Der Mekhong (s. d.) durchströmt den an Frankreich abgetretenen Südwesten. Im N. ist der aus Jünnan kommende und in den Golf von Tungking mündende Songha der wichtigste Fluß. Zahlreiche Kanäle in den Küstenlandschaften dienen der Landwirtschaft und der Binnenschiffahrt. Eine mit dem Gebirge in Jünnan zusammenhängende Bergkette durchzieht das Innere und tritt zwischen 11² und 18 nördl. Br. an die Ostküste heran, nur von einem schmalen Küstenstreif mit guten Häfen umsäumt, während im nördl. Tungking und im südl. Kambodscha große Alluvialebenen sich ausbreiten. Die Gipfel der Hauptkette sind kahl und scharf, aber die steilen Abhänge bedecken dichte Wälder. Tungking ist reich an Gold, Silber, Kupfer und versieht fast das ganze Reich mit Eisen. Durch den mildernden Einfluß der See wird die tropische Hitze auf eine angenehme und der Produktion günstige Weise gemäßigt. Das ganze Land liegt im Bereiche der Monsuns, von denen die dend) Regen, (vom Anfang Juni bis September wehend) Regen, die nordöstlichen (vVom Oktober zum März) Trockenheit dem Ron während in Cochinchina die Regen mit dem Nordostmonsun einsetzen; der nördl. Landesteil ist jedoch auch den dichtesten Nebeln und den Verheerungen der Teifuns, jener Cyklone oder Drehstürme des Chinesischen Meers, ausgesetzt. Cochinchina soll entschieden Seeklima, Tungking dagegen Kontinentalklima haben. Unter den Produkten der Pflanzenwelt sind Reis, Mais, Namswurzeln, Erdnüsse, viele Hülsen⸗ und Baumfrüchte, auch Südfrüchte, die Zimtkassie, viele Luxushölzer, Kokosnüsse, Bambusrohr. In den Handel werden gebracht Zimt, Pfeffer, Zuckerrohr, Baumwolle, wegen der Parfüms das Agilaholz (Adler⸗ oder Aloéholz), Gewürze, Ingwer, Indigo, alle Früchte des südl. Asien. Im Innern wächst der Tihkbaum, der Firnis⸗ und Gummiguttbaum. Im Tierreiche finden sich Elefanten, Tiger, Rhinocerosse, Bisamtiere und Büffel, Pferde von kleiner Rasse, zahlreiche Affen, Hirsche, Wildschweine, Pfauen, Papageien und prachtvolle Hühner, Alligatoren, giftige Schlangen und unzählige Fische. Der Büffel wird gezähmt und zum Bestellen der Acker, das den Frauen obliegt, gebraucht. Das kleine, rotbraune Rind dient nicht zur Nahrung; kleine Ziegen und eine geringe, spärlich vorhandene Art von Schafen werden gehalten; Lieblingshaustier ist das chines. Schwein. Die Seidenzucht und die Seidenweberei steht in hohem Flor. In A. wird nach Kwan, Mas und Sapek gerechnet. Der Kwan ist aus Silber, der Mas und Sapek aus Zink geprägt; 1 Kwan (= 2,80 Mark) hat 10 Mas, 1 Mas hat 60 Sapek; 600 Sapek werden häufig an eine Schnur merlehr und als 1 Rattan ausgegeben. Im Großverkehr rechnet man nach span. Silberpiastern 1½ Kwan (= 4,20 Marh). Die Bevölkerung von A. beträgt nach neuern Schätzungen 21 Mill., wovon 15 Mill. auf Tungking kommen. Die Bewohner, im allgemeinen Annamiten oder Annamesen genannt, zur mongol. Rasse gerechnet, zeichnen sich durch sehr 2—— Hautfarbe, Zartheit des Wuchses, schöne Fformen und runde Kopfbildung vor den meisten asiat. Völkern aus. Ihr Charakter wird als freundlich, gutmütig und heiter geschildert. Die Hütten bestehen meistens aus Bambus und sind mit Gras oder Palmblättern gedeckt, die der Reichern aus Holz. Nur im Schiffsbau zeichnen sich die Annamiten aus. Fuhrwerke kennt man nicht; Vornehme bedienen sich des Palankins. Die meisten Manufakten beziehen die Annamiten aus China, verstehen indessen selbst Schwertgriffe mit guter Filigranarbeit sowie lackierte Schachteln und Kästchen, mit Gold oder Perlmutter ausgelegt, Beutel, Matten, Körbe, grobe Seiden⸗ und shr dauerhafte Baumwollstoffe, Glocken, Kanonen, eiserne Nägel, rohe Scheren, Firnis u. s. w. zu verfertigen. Die meiste Industrie und fast allen Handel betreiben Chinesen. Der Buddhismus ist in den untern Schichten des Volks herrschende Religion, bei den Gebildeten hat die Lehre von Confucius Eingang gefunden. Die Christen werden auf ungefähr ½ Mill. geschätzt; sie sind entweder Abkömmlinge 1624 aus Macao und Japan eingewanderter sowie aus Malakka vertriebener Portugiesen oder durch Missionäre unter dem Schutze Frankreichs und Spaniens Bekehrte. Polygamie ist erlaubt. Kein Verheirateter darf das Land mit ine Die Sprache ist eine einsilbige und wird mit chines. Charakteren geschrieben. Andere Sprachen reden die Ureinwohner des Gebirgslandes Tschampa auf der Südgrenze gegen das franz. Nieder-Cochinchina und die unabhängigen Moi und Loi im westl. Gebirgszuge, welche letztere ebenfalls zur Urbevölkerung zahlen. Die Regierungsform ist ein erblicher Despotismus. Der Herrscher nennt sich Hoang-ti, d. h. Weltbeherrscher, dem die europ. Mächte den Kaisertitel zukommen lassen. Die Centralverwaltung führen sechs Mandarine, als Minister der Archive, der Religion, der Justiz, des Kriegs, der Finanzen und der Wälder; im höchsten Rate sitzen außerdem die Vizekönige von Tungking und Ober-Cochinchina und der Mandarin der Elefanten, welcher Minister des Auswärtigen und Premierminister ist. Die Staatseinnahmen fließen aus einer Kopfsteuer, welche jeder 19jährige männliche Bewohner zu zahlen hat; aus einer Grundsteuer; aus den Kronländereien und Dörfern; aus Handelsauflagen u. s. w., die aber unbedeutend sind. Kaiserl. Monopole bestehen für Goldstaub, Elfenbein und Rhinoceroshörner. Die Armee besteht aus 6 Armeekorps zu 25000 Mann, die Flotte aus 7 Korvetten, 300 Dschunken und einem Dampfer. Geschichte. 4—•4.— und Tungking wurden 234 v. Chr. von dem chines. Kaiser Tschin? Tschihoang-ti erobert und waren dann abwechselnd den Chinesen unterworfen oder unabhängig, bis sie 1428 das chines. Joch abwarfen und seitdem ein einheitliches Reich unter dem Hause Leh bildeten. Die Herrscher aus demselben wurden jedoch bald durch ihre Premierminister in Schatten gestellt, sodaß neben dem eigentlichen Herrscher in Tungking noch die Dynastie der Trinh (seit 1545) und in Cochinchina die der Nguyen (seit 1600) regierten. Bei Gelegenheit eines Aufstandes, der 1737 in Cochinchina ausbrach und in welchen sich auch die Tungkinesen mischten, erhob sich plötzlich eine neue Dynastie, die Tay-song, die nicht nur die alte S attendynastie der Leh, sondern auch die der Trinh in Tungking und die der Nguyen in Cochinchina vernichtete. Von letzterer blieb nur ein einziger Sprößling Nguyen-anh übrig, der von Pigneaux de Behaine, Bischof von Adran und apostolischem Vikar für Cochinchina, eine christl. Erziehung erhielt. Nguyen-anh sandte 1782 seinen Sohn mit jenem 5 005. nach Paris, unter dessen Vermittelung 18. Nov. 1787 zu Versailles ein Schutz- und Trutzbündnis zwischen Frankreich und A. (d. h. Nguyen-anh) zu Stande kam. Ludwig XVI. sagte Nguyen-anh 20 Schiffe, 5 Regimenter, ½ Mill. span. Thlr., Kriegsbedarf u. s. w. zu, wofür dieser die Bucht und die Halbinsel Turon nebst zwei benachbarten kleinen Inseln an Frankreich abtrat, und 1789 erschien der Bischof von Adran als Bevollmächtigter Ludwigs XVI. mit einem franz. Geschwader in Cochinchina. Die Franzosen disziplinierten die Truppen von Nguyenanh und entwarfen für ihn den Plan zu dem beginnenden Kriege (1792 — 99). Der Bischof von Adran, Geistlicher und Feldherr zugleich, starb 9. Okt. 1799, nachdem er die Sache seines Schütz-Nguyen-anh vereinigte 1802 auch Tungking mit seinem Reiche, rottete die Dynastie Tay-song völlig aus und ließ sich unter dem Namen Ghia-long (der Glückbegünstigte) zum Kaiser von A. ausrufen. Er starb 25. Jan. 1820, worauf sein natürlicher Sohn Minh-many den Thron bestieg. Dieser, durch die polit. Umtriebe der zahlreichen franz. und span. Missionare argwöhnisch gemacht, begann 1833 eine blutige Christenverfolgung, und 1838 wurde das christl. Bekenntnis dem Hochverrat gleichgesetzt. Minh-many starb 20. Jan. 1841, und ihm folgte sein Sohn Thieou-tri, welcher die Missionare zwar nicht mehr hinrichten, aber einkerkern ließ. Im März 1843 erzwang der franz. Korvettenkapitän Levéque zu Hué die Befreiung von vier derselben. Im April 1847 erschien der franz. Commodore Lapierre zu Turon und forderte im Namen der franz. Regierung Zusicherung völliger Glaubensfreiheit. Da Thieoutri eine solche verweigerte und Widerstand leistete, wurde seine Flotte von den Franzosen fast gänzlich vernichtet. Der Kaiser befahl die Ausrüstung einer neuen, starb aber unterdessen 4. Nov. 1847. Ihm folgte sein zweiter Sohn Hoang-nam unter dem Namen Tu-duc (Tugendhafte Vergangenheit), mit Ausschluß seines ältern Bruders Hoang-bao. Tu-duc zeigte sich anfangs gegen die Christen wohlwollend, veränderte aber seine Haltung, als sein enterbter Bruder den franz. Bischof Lefevre und die Christen für sich zu gewinnen trachtete. Schon 1848 brach eine Christenverfolgung aus, die sich im März 1851 wiederholte, als Hoang-bao, wie man angab, mit Hilfe der Christen, seinem Gefängnis entkommen war. Der franz. Regierung kamen immer lauter und häufiger Klagen über das Verfahren Tu-ducs gegen die Christen zu Ohren, sodaß sie sich bewogen sah, hierüber ein Schreiben an Tu-duc zu richten. Die annamitischen Beamten weigerten sich aber Sept. 1856, dasselbe von dem Überbringer, Kapitän Lelieur de Ville sur Are, anzunehmen, worauf dieser auf der Stelle Truppen landete und das Fort von Turon besetzte. Es kam zu Unterhandlungen, welche die Annamiten absichtlich in die Länge zogen, um Zeit zu kriegerischen Vorkehrungen zu gewinnen. Bevor die Unterhandlungen noch beendet, verließ Kapitän Lelieur 13. Febr. 1857 auf Anraten des franz. Bischofs Pellerin die Küste. Tu-duc, durch den Abzug der Franzosen ermutigt, begann jetzt aufs neue gegen die Christen zu wüten und ließ unter andern 20. Juli 1857 den span. Missionar und Bischof Diaz enthaupten. Napoleon III., dessen Politik es entsprach, den franz. Einfluß in Ostasien auszubreiten, entschloß sich zu einer Expedition nach Cochinchina und gewann dafür auch Spaniens Mitwirkung. Ein span.⸗franz. Geschwader unter Rigault de Genouilly erschien Ende Aug. 1858 vor Turon und nahm diese Stadt 1. Sept. mit Sturm. Auch Saigon in Kambodscha erlag den Angriffen des Admirals 17. Febr. 1859. Doch fehlten ihm zu einem Feldzuge gegen Hué, der ihm im deshalb war, die hinreichenden Mittel. Er nahm deshalb seine Entlassung und verließ 1. Nov. 1859 die Exedition. Auf seine persönlichen Vorstellungen in Paris wurde die Occupation von Kambodscha beschlossen. Doch ergriffen die Franzosen erst nach Beendigung des chines. Kriegs, im Febr. 1861 wieder die Offensive unter Vizeadmiral Charner. Am 23. und 24. Febr. 1861 fiel nach 95 Widerstande die starke Festung Quin-hoa bei Saigon, was die Vertreibung der Annamiten aus der ganzen Provinz Saigon zur Folge hatte. Dann ergab sich 14. April die Stadt My-tho am Ausflusse des Kambodscha. Der neue Oberbefehlshaber, Admiral Bonald, unterwarf hierauf auf einem raschen Zuge (Dez. 1861 bis März 1862) die Städte Bien-hoa am Dong-nai in Kam 3ehr Long-lap (19. Febr. 1862), Phuc-to (22. Febr.) und Vingluong (22. März), und nötigte auf diese Weise den Kaiser von A. zur Annahme des Vertrags von Saigon 65. Juni 1862), wonach die Provinzen Saigon, Bien-hoa und My-tho in Kambodscha an die Franzosen abgetreten wurden. Letztere haben seitdem die neugewonnene Kolonie, die offiziell La Basse Cochinchine française eißt, nach franz. Muster organisiert. (S. Cochinchina.) Im J. 1862 wurde ferner die Insel Pulo-Condore, 150 km von der Küste, von den Franzosen besetzt, durch Vertrag vom 11. Aug. 1863 wurde Kambodscha franz. Schutzstaat, und 25. Juni 1867 proklamierte der franz. Vizeadmiral de la Grandiere die Vereinigung der westl. Provinzen Vinh-long, Chau-doc und Ha-tien mit Frankreich. Endlich zwang Frankreich A. zu dem Vertrage von Saigon vom 15. März 1874, worin zwar die Unabhängigkeit des Kaisers von A. von Frankreich garantiert wurde, derselbe sich jedoch verpflichten mußte, seine äußere Politik derjenigen Frankreichs anzupassen, die Verbote gegen die kath. Religion aufzuheben, dem auswärtigen Handel die Häfen Haiphong, Hanoi und Thinai (oder Quinhon) sowie die Schiffahrt auf dem Songha zu öffnen und franz. Konsuln mit militärischer Bedeckung bis zu 100 Mann in diesen Häfen zuzulassen. Aus der Litteratur sind hervorzuheben: Bensey, Indien » (in Ersch und Grubers «Encyklopädier), Bastian, (Die Völker des östl. Asien» (Bd. 1, Lopz. 1866, und Bd. 4, Jena 1867); Scherzer, Rindyn unch Berichte über die österr.⸗ungar. ission nach Siamp (Stuttg. 1872); Bouillevaux, Veuillot, La Cochinchine et la Tonquino (Par. 1859); Cortambert und de Rosny, «Tableau de la Cochinchineb (Par. 1863); Mouhot, «Siam, Cambodja and Lao (Lond. 1864); Bouillevaux, „L'A. et le Cambodge (Par. 1875); Dutreuil de Rhins, Le royaume d'A.v (Par. 1879); Hellwald, «Hinterind. Länder und Völker » (2. Aufl., Lpz. 1880); Devéria, Histoire des relations de la Chine avec l'A.v (Par. 1880).