FeedTeppiche (frz. tapis, engl. carpets)
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Teppiche (frz. tapis, engl. carpets), im weitern Sinne durch Weberei, Wirkerei oder Stickerei hergestellte Belleidungen für Wände (ogl. Tapeten), Fußböden, Tische, Diwans oder Betten, im engern, jetzt gewöhnlichen Sinne derartige Bekleidungen für Fußdöden. Bei den alten Griechen und Römern waren die babylonischen T. berühmt, deren Ornamente in phantastischen Tiergestalten und figürlichen Scenen bestanden. In Assyrien, Babylonien und Persien, sowie im alten Rom dienten T. als bewegliche Wände zur Herstellung einzelner Gemächer in den weiten Palasträumen; bei Festen und Triumphzügen bildeten sie, von Sklaven getragen, lange Straßen. Bei den vornehmen Römern, zumal der Kaiserzeit, waren sie auf den Lagerstätten, sowie als Vorhänge die größte Zierde des Hauses. Cs ist streitig, ob diese T. durch Malerei, oder durch Stickerei, oder auf beiderlei Weise hergestellt waren. Von Rom aus gingen dieselben in die christl. Kirche von Byzanz und des Abendlandes über, den Altar an vier Säulen umhängend oder die Wände bedeckend, und fanden in der Folge in den Palästen der fränk. Könige und anderer Fürsten Aufnahme. In England waren es im Mittelalter besonders die vornehmen Frauen, welche leinene Wandbekleidungen mit Figuren bestickten. (Vgl. Stickerei.) Eine neue Blütezeit begann für die Teppichweberei des Abendlandes durch die infolge der Kreuzzüge sich verbreitende Bekanntschaft mit der Dekoration der orientalischen T. Auf den Gemälden christl. Künstler des 15. und 16. Jahrh. sowohl Italiens als Deutschlands und der Niederlande sieht man auf Fußböden und Tischen im orient. Stil ornamentierte T. abgebildet, wie sie die Prunk⸗ und Wohnzimmer der Vornehmen und Reichen jener Zeit, namentlich Venedigs, schmückten. Neben ihnen hatte sich aber schon damals eine christl. Art der Teppichweberei herausgebildet, Wollstoffe mit figürlicher Verzierung, deren erste Bestimmung war, als Wanddekoration in Palast, Wohnung und Kirche zu dienen. Manches dieser Art ist noch erhalten, zumal aus dem 14. und 15. Jahrh. Die Gegenstände sind häufig kirchlicher Art, aber auch den mittelalterlichen Sagen und epischen Dichtungen entnommen, zum Teil durch Spruchbänder erklärt, oder Darstellungen von Genrescenen (Festen und Spielen) aus dem vornehmen Leben. Ein Hauptsitz dieser Industrie war Flandern, dessen Fabriken großartige Wandteppiche mit figurenreichen Darstellungen an den burgund. Hof lieferten. Aus ihnen sind die berühmten Arrazzi hervorgegangen, welche die Stadt Arras in größter Vollendung lieferte. Arras übernahm Bestellungen nach Werken der ersten Maler. So bestellte der päpstl. Hof T. Inach den Kartons von Rafael, die sich jetzt im Museum zu London befinden. „Außerordentlich viel arbeiteten die flandr. Fabriken für den span. Hof, der noch heute einen enormen „Schatz von Arrazzi im Escorial besitzt; so auch die Wandteppiche, welche Karl V. mit Darstellungen aus seinem Zug gegen Tunis nach den Gemälden von Vermeyen ausführen ließ. Viele dieser T. sind zum Teil mit Gold⸗ und Silberfäden ausgeführt, wodurch sie eine prächtige Wirkung erzielen. Eine schöne Kollektion derselben befindet sich im Bayri-Uschen Nationalmuseum zu München. Im 17. Jahrh. waren die Brüsseler Teppiche berühmt. Gleichzeitig erlangte die Fabrik der Gobelins (s. d.) ihren glänzenden Ruf, den sie sich noch im folgenden Jahrhundert bewahrte. Im 18. Jahrh. wich jedoch die Liebhaberei an diesen kostbaren Geweben immer mehr der Vorliebe für leichtere Wandbekleidungen, insbesondere für die Ledertapeten, sowie für seidene Gewebe mit Blumengewinden und genrehaften Scenen in der Art Watteaus und Bouchers, welche namentlich die Bekleidung der Damenzimmer in den vornehmen Wohnungen bildeten. Seitdem sind die T. als Wandbekleidung völlig durch die Papiertapeten (s. unter Tapeten) verdrängt worden. Zu großartigem Umfang hat sich dagegen als ein Zweig der Kunstindustrie im 19. Jahrh. die Fabrikation der Enaland wo⸗ entwickelt und zwar vor allem in ngland, wo das Bedürfnis derselben infolge der klimatischen Verhältnisse sich am dringendsten geltend macht. Wie in der Dekoration der Tapeten herrschte in derjenigen der T. lange Zeit der Naturalismus vor. Gewaltige Blumen und Ranken mit roher Färbung, Bäume, zwischen welchen der Himmel hindurchschien, ja ganze Gärten erfüllten die Fläche, alles in natürlicher Darstellung. Eine andere Manier verfolgten die Franzosen, indem sie den T. gleich dem Plafond als eine architektonischplastisch zu verzierende Fläche behandelten, ihn abteilten, Medaillons, Felder, Figuren, Ornamente u. s. w. anbrachten, als ob der Anschein gefärbter Stuckarbeiten zu erreichen wäre. Indes hat innerhalb des letzten Jahrzehnts der Geschmack für orient. Dekoration von der Teppichindustrie Besitz ergriffen. Smyrnaer, persische, tunesische, indische T., echt oder imitiert, bilden jetzt in der vornehmen Wohnung die bevorzugte Bedeckung des Fußbodens. Viele europ. Fabriken, namentlich in England, Osterreich, Holland, Sachsen, sind auf die Fabrikation dieser orientalischen T. nach Art, Zeichnung und Kolorit eingegangen und produzieren dieselben um Teil musterhaft in großartigem Maßstabe. ndererseits finden als T. für lediglich praktische Zwecke, d. h. zum Warmhalten oder zur Schonung der Fußböden, die mannigfachsten Fabrikate ausgedehnte Verwendung. Die heutigen T. sind meist Kammgarngewebe und entweder abgepaßt, d. h. in der ganzen Länge und Breite, in welcher sie zur Verwendung kommen, unmittelbar erzeugt, oder aus langen, an den Webkanten zusammengenähten und mit einer Bordüre umgebenen Stücken hergestellt. Nach der Arbeitsweise sind sie einfache Gewebe, Doppelgewebe, samtartige Gewebe oder Knüpfteppiche, zu welch letztern auch die Gobelins (s. d.) gezählt werden können. Zu den einfachen Teppichen gehören die glatt oder köperartig gewebten groben Kuhhaarfußdecken, bei welchen von Hand versponnenes Kuhhaar als zweidrähtiger Zwirn zu Kette und Einschlag 0 ersterer auch Werggarn) verwendet und durch verschiedene Farbe beider ein gestreiftes oder carriertes Muster erhalten wird; die Tirolerteppiche, meist kleingemusterte Gewebe mit leinener Kette und Einschlag aus Streichgarn oder aus Kuh-, resp. Ziegenhaaren; die britischen T. aus feinem Kammgarn, die ein ripsähnliches Aussehen zeigen, indem ein sehr dicker und ein dünner Einschlagfaden miteinander wechseln, und deren Kette abwechselnd einen schwarzen und zwei farbige Fäden enthält, welche letztere so angeordnet „sind, daß streifenweise in verschiedener Breite tGrün, Rot, Braun, Gelb u. s. w. aufeinander efolgen, wobei das Muster oben farbig auf schwarzem Grund, unten schwarz auf farbigem Grund erscheint. Zu den doppelten Teppichen gehören die nach der gleichnamigen engl. Stadt benannten Kidderminsterteppiche (s. unter Kiddertminster) mit zweifädig gezwirnter Kammgarnkette und dickem streichwollenen Einschlag, bei denen )die Kette in verschiedenfarbige Hälften (z. B. die eine schwarz für die obere, die andere braun für die untere Seite) geteilt ist, während je nach Erfordernis des Musters der gleiche (abwechselnd braune oder schwarze) Einschlagfaden beiderlei Kettenfäden bindet. Eine Variation hiervon bilden die schottischen T. mit dreifacher Kette und dreifachem Einschlag, welche noch größere Freiheit der Musterbildung gestatten. Bei den samtartigen oder Samtteppichen ist wie beim Samt (s. d.) eine Grund⸗ und eine oder Polkette zu unterscheiden, nur daß hier gewöhnlich noch eine Füllkette hinzukommt. Die Grundkette besteht meist aus starken Leinen- oder Hanffäden, die Polkette aus Kammgarn, die Füllkette aus Werggarn. Bleiben die Noppen der Polfäden unaufgeschnitten, so erhält man die gezogenen oder Brüsseler Teppiche; schneidet man die Noppen auf, so entstehen die Plüsch⸗ oder Veloursteppiche. Soll der T. ein Muster in mehrern Farben bei freier Verteilung derselben (nicht in Längsstreifen) aufweisen, so müssen statt eines Polkettenfadens deren so viele vorhanden sein, als Farben vorkommen, wodurch solche T. mit gewebter Zeichnung kostspielig werden. Weit wohlfeiler und in der Farbenzahl nicht beschränkt, sind die Samtteppiche mit vorgedruckter Kette, da jeder Polkettenfaden sich mit beliebig vielen Farben bedrucken läßt und ein gleichzeitiges Bedrucken vieler gleichfarbiger Ketten möglich ist. (Üüber

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 563Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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