Tibet oder Tübet (nach dem mongol. töböch, ein zum Chinesischen Reiche gehöriges Land in Centralasien, das zwischen dem Himalajagebiet im S. und SW., dem Kuen-lün im N. und dem chines. Alpenlande im O. liegt, hat einen Flächenraum von 1687898 qkm und bildet die höchste und südlichste Terrasse des großen Hochlandes von Hinterasien. Obgleich im ganzen als ein Plateau zu betrachten, ist diese Terrasse doch nicht durchweg als eine Ebene anzusehen. Sie wird vielmehr von mehrern hohen Nebenketten und isolierten Bergmassen durchzogen und von tief eingefurchten Thälern und kesselförmigen Senkungen durchschnitten, die ihr in einem großen Teile den Charakter eines Alpenlandes verleihen. Das nördl. Grenzgebirge, die Kette des Kuen-lün (s. d.), bildet die 2600 km lange Fortsetzung des Hindukuh, streicht gerade ostwärts und verläuft sich im chines. Alpenlande. Von seinem westl. Teile zweigt sich eine zweite Kette, das Karakorum-, Gangs-ri- und Tsanggebirge, ab, welches erst südost-, dann ostwärts dem Himalaja parallel streicht. Hierdurch wird das ganze Hochland in eine größere Nord- und eine kleinere Südhälfte geteilt. Der nördl. Teil ist fast völlig unbekannt. Im Osten gehört er zu dem Alpenlande Tangut oder dem Alpenlande der Mon-⸗ golen von Kökö-nör, d. h. dem Blauen See. Im Westen bildet er das Land der Khor-Khatschi oder Khatschi-Mongolen mit seinen vielen Steppenseen. Der südl. Teil, welcher ausschließlich den Namen T. führt, besteht ebenfalls aus zwei Hauptabschnitten oder Hauptthälern, die sich von den heiligen Doppelseen, dem Manasa-Rowara (Monsaraur) und Rawana-Hrada oder Rakus⸗-Tal, in der Nähe des über 7000 m hohen Bergkolosses Kailasa, nach Osten und nach Nordwesten ziehen. Die mittlere Höhe des Landes beträgt in Osttibet nach A. von Humboldts Berechnung 3500 m. Am höchsten ist es in der Gegend der Heiligen Seen, die 4570 und 4650 mehoch liegen. Die südl. und östl. Randgebirge T.s bilden das Quellland der bedeutendsten Ströme Süd⸗ und Südostasiens. So entspringen hier der Indus und in der Nähe des Manasees der Tsangpo-tschhu, der Hauptfluß von Osttibet, welcher mit dem obern Laufe des Brahmaputra für identisch gehalten wird; ferner mehrere Flüsse Hinterindiens, wie der Saluen, der Kambodscha und überdies noch am Kuen-lüngebirge der Nang-tse-kiang, der mächtigste Strom Chinas. Das Klima Tis trägt durchaus einen kontinentalen Charakter und ist deshalb ein excessives. Auf kurze heiße Sommer folgen lange und strenge Winter, und nur in den tiefen Thälern ist die Kälte des Winters weniger lang und streng. Dazu herrscht eine ausnehmende Trockenheit. Man kennt fast keine andere Feuchtigkeit als den Schnee, welcher nur während des fünf bis sieben Monate dauernden Winters und auch da nicht häufig fällt. Schwammige Moosarten, welche beim Auftauen des Schnees sich mit Feuchtigkeit vollsaugen, ersetzen teilweise den Mangel an Bewässerung und schirmenden Waldungen, indem sie das gänzliche Ausdörren des Bodens verhindern. Die Luft ist gesund, und von den epidemischen Krankheiten des südl. Asien weiß man nichts. Der Boden ist nur in den Thälern fruchtbarer, auf den öden Hochebenen aber größtenteils höchst steril. Diese physischen Verhältnisse T.s haben sowohl auf die Pflanzen⸗, wie auf die Tierwelt einen eigentümlichen Einfluß ausgeübt. Der Ackerbau wird zwar, wo es der Boden nur erlaubt, getrieben, liefert jedoch nicht den hinlänglichen Bedarf; reichlicher ist der Ertrag des Obst⸗ und Weinbaues in den Thälern; auch Reis wird in denselben erbaut und auf den Bergen Rhabarber gesammelt. Von den Tierarten sind besonders die Bergziege und das Bergschaf zu erwähnen, welche als Lasttiere gebraucht werden und vorzüglich ihrer feinen Wolle wegen berühmt sind, die in Kaschmir zu den Shawls verarbeitet wird. Ebenso eigentümlich sind die Rinder-, Pferde⸗, Schweine⸗ und Hundearten T.s, die alle mit einem wolligen, gegen die Strenge des Winters schützenden Haarwuchs bedeckt und wie die Ziegen und Schafe zum Erklettern steiler Höhen geeignet sind. Der Hack oder grunzende Büffel und das Moschustier halten sich vorzugsweise in T. auf. Das Mineralreich bietet edle und unedle Metalle, besonders Gold, Edelsteine, Bergkrystalle, Salz und Borax. Die Einwohner, deren Zahl auf 6 Mill. veranschlagt wird, gehören dem hochasiat. Stamme an, von dem sie eine eigene Familie bilden, die außer T. noch Bhutan, auch Sifan, das Quellland des Hoang⸗-ho und die obern Stufenländer der hinterind. Flüsse, sowie im Westen Ladak und Baltistan innehat. Die Tibeter, welche Buddhisten sind, leben teils in festen Wohnungen, wo sie sich mit Ackerbau und vorzüglich Viehzucht, mit Gewerben, sowie auch besonders mit der Weberei von Wollwaren und Metallarbeiten abgeben, teils als Nomaden, die, wie die Mongolen, unter Handeled wohnen. Nicht unbedeutend ist auch der Handelsverkehr mit Hochasien, Indien und China. Die wissenschaftliche Bildung steht im Vergleich mit den übrigen Völkern Hochasiens auf einem hohen Standpunkte und erfährt besonders in den zahlreichen buddhistischen Klöstern, die es im Lande gibt, umfängliche Pflege. (S. Tibetische Sprache und Litteratur.) An den kräftigen Bewohnern des Landes rühmt man Biederkeit und Gastfreiheit. Doch übt die Mehrzahl der Welt- und Klostergeistlichkeit beider Geschlechter keinen guten Einfluß auf die Moralität des Volks aus, zu dessen Unsitten auch die herrschende Vielmännerei unter Brüdern und die Unheiligkeit der Ehe gehören. Sonst hat der gesellschaftliche und sittliche Zustand viel Ahnliches mit dem der Chinesen. Alles dies gilt vorzugsweise von Osttibet, während in Ladak und Baltistän schon die Unabhängigkeit von China und die mohammed. Religion bedeutende Abweichungen begründet haben. Osttibet ist das große Erbgut der lamaitischen Hierarchie (s. Lama) und ihres Oberhaupts, des Dalai-Lama. Schismatische Streitigkeiten haben es unter chines. Oberhoheit gebracht, sodaß gegenwärtig der Dalai-Lama ein von China abhängiger, tributpflichtiger Vasall ist, dessen weltliche Regierung von chines. Gouverneuren und Besatzungen beaufsichtigt und beschränkt wird. Das Land, welches die Tibeter selbst Bod (oder Bod-jul, Tibeterland) nennen, teilen die Chinesen in Vordertibet und Hintertibet. Eine einheimische Einteilung ist die in das obere oder Ngari mit den drei Bezirken Ladak, Ruthog und Guge, in das mittlere oder Tsang mit vier Flügeln, und in das untere oder Kham mit drei Erhebungen. Die Hauptstadt des ganzen Landes ist L'Hlassa. Vgl. Ganzenmüller, «T. nach den Resultaten geogr. Forschungen früherer und neuester Zeite (Stuttg. 1878); Prschewalski, Reisen in T.» (aus dem Russischen von Stern-Nordheimo, Jena 1884); Kreitner, «Imfernen Osten. Reisen des Grafen Bela Szechenyis (Wien 1881).