Tippo-Saib oder Tippu-Sultan, Sultan von Mysore, Sohn Hyder-Ali's (I. d.), geb. 19. Nov. 1749, bestieg den Thron seines Vaters, als dieser während eines Kriegs mit den von 77 tödlich gehaßten Engländern, gegen die er selbst mitgestritten Ran⸗ 7. Dez. 1782 gestorben war. Er hatte 88 000 ann im Felde stehen und besaß in seiner Residenz Seringapatam einen Schatz von 3 Mill. Pfd. St., überdies viele Kostbarkeiten von unermeßlichem Werte. Die Briten unter Matthews machten Fort-Rang⸗ auf der Küste Malabar und eroberten auch Mangalore, den wichtigsten Hafen und die bedeutendste Festung in Kanara. T. war deshalb genötigt, seine ganze Kraft auf die malabar. Küste zu richten. Mit ungeheuerer übermacht zog er gegen Matthews, der nur 600 Europäer und 1600 Seau 5 befehligte, und zwang ihn, sich im April 1783 zu Bednore zu ergeben. Der General wie ein Teil der Besatzung wurden vom Sieger einem schmählichen Tode überliefert. Nach einer hartnäckigen Belagerung fiel auch Mangalore in T.s Hände. Inzwischen hatten die Engländer ein Bündnis mit den Maharatten geschlossen, infolge dessen sich T., den der Friede von Versailles auch der franz. Unterstützung beraubt hatte, durch den Friedensschluß zu Mangalore 11. März 1784 nach langem Widerstreben denselben unterwerfen mußte. Hyder-Ali hatte, weil noch ein legitimer Radscha von Mysore vorhanden war, nur den Titel Naib (Stellvertreter) besahl. Er nahm 1786 den Titel Padischah an, efahl, die alte Hauptstadt Mysore samt der Burg abzutragen, zwang die Bewohner, nach Seringapatam überzusiedeln, richtete die Hofhaltung auf das 900 Mann ein und trachtete sein Heer bis auf 200000 Mann zu verstärken. In seinem religiösen seinen Vater als Mohammedaner überbot er noch einen Vater. Wie dieser hatte T. sich die Vertreibung der Engländer aus Indien zur Lebensaufgabe gemacht und machte hierfür die großartigsten Pläne. Zu einer Vereinigung der Mohammedaner und Hindu, wodurch dies allein hätte eschehen können, konnte er sich in seinem religiösen lrnrde aber nicht entschließen. Im Gegenteil ührte er den aheiligen Kriege gegen die Hindu mit größtem Nachdruck fort, während er einen großen muselmanischen Staatenbund anstrebte und sich deshalb nach Sind, Kabul, Balutschistan und Konstantinopel wandte. Obgleich er seit dem Frieden von Versailles gegen Frankreich erbittert war, schickte er doch 1787 Gesandte dorthin, ließ dieselben jedoch, als sie, ohne etwas ausgerichtet zu haben, zurückkehrten, als Verräter hinrichten. Indessen harrten die Briten, wohl vorbereitet, nur auf eine Gelegenheit zu einem neuen Kriege, welche sich ihnen in dem Angriff von T. auf Travancore (Dez. 1789) darbot. Nachdem Lord Cornwallis im J. 1790 ein Schutz⸗ und Trutzbündnis mit dem Peischwa der Maharatten und dem Nizam-Ali von Dekan geschlossen, begann der Krieg. T. leistete tapfern Widerstand, verlor jedoch mehrere Plätze in Mysore, infolge dessen Cornwallis und Abercromby bis Seringapatam vorrückten, unter dessen Mauern sich der Sultan nach langem Zögern 19. März 1792 der feindlichen Übermacht fügen mußte. Laut dieses Vertrags verlor er die Hälfte seiner Länder, zahlte 33 Mill. Rupien, gab die Gefangenen und gewaltsam Übergesiedelten frei und stellte zwei seiner Söhne als Geiseln. Als 1795 der Titularradscha von Mysore, Tscham-Radsch, welcher beständig in seinem Palast gefangen gehalten worden war, gestorben, vertrieb T. dessen Familie aus dem Palast und beraubte sie ihres Eigentums. In seiner maßlosen Erbitterung gegen die Briten suchte T. fortwährend andere ind. Mächte gegen England aufzuwiegeln, unterhandelte mit Persien über ein Bündnis und rüstete im geheimen. Einige sich an seinem Hofe aufhaltende Franzosen nährten in ihm die Hoffnung auf Unterstützung von seiten der Französischen Republik. Er sandte daher Boten nach Isle-de-France und Briefe an das Direktorium in Paris (1797), worin er der franz. Nation einen unauflöslichen Freundschaftsbund anbot. Zugleich verlangte er von Isle-⸗de-France her ein Hilfskorps von 10000 Europäern und 30000 Negern, die man ihm natürlich dort nicht gewähren konnte. Dagegen vertröstete man ihn auf ein Heer, welches von Frankreich unmittelbar nach Indien segeln sollte, und sandte ihm vorläufig eine kleine Anzahl republikanischer Truppen, die sich an dem Hofe von T. abenteuerlich geberdeten. Der unerwartete Einfall der Franzosen in Agypten (18. Okt. 1798), von wo aus Bonaparte T. in einem nie an den Ort seiner Bestimmung gelangten Briefe die Ankunft eines franz. Heeres am Roten Meere meldete, setzte die Briten in die größten Besorgnisse. Sie beschlossen daher, als T. die Einstellung der Rüstungen und die Entfernung der Franzosen aus seinem Staate verweigerte, dem Angriff ihres Feindes zuvorzukommen und erklärten 22. Febr. 1799 ihm den Krieg. Zwei Heere, die Hauptarmee, oder die von Karnatik, unter Harris, verstärkt durch die Hilfstruppen des Nizam, und das kleinere westl. Heer von Bombay unter Stuart, rückten in Mysore ein und schlugen unweit Seringapatam T. in 9442 Treffen, 6. März bei Sidasir und 27. März bei Malaveli. Der Sultan zog sich jetzt nach Seringapatam zurück, welches 4. Mai vom General Baird mit Sturm genommen wurde. T., wiederholt von Kugeln getroffen, kämpfte bis auf den letzten Atemzug. Aus Politik teilten die Briten das Reich Mysore (s. d.) mit ihrem Bundesgenossen, dem Nizam von Dekan. T.s Familie, unter welcher 13 Söhne, wurde die Festung Vellore in Karnatik zum Wohnort und eine Pension angewiesen. T., von den Engländern allzu t peichun beurteilt und der größten Grausamkeit beschuldigt, war, die Verblendung über seine wahre Lage abgerechnet, ein Mann von großem, kühnem Geiste. Tief durchdachte Pläne, kluge Ausführung und Mäßigung im Glücke zeichneten ihn aus. Er umfaßte mit klarem Blick die verschiedensten Gegenstände der Staatsverwaltung und des Kriegs und bewies bei den erstern ebenso viel Politik, als bei den letztern List und Verschlagenheit. Vgl. Michaud, „«Histoire des progrèës et de la chüte de l'empire Mysore sous le rêgne de Hyder Aly et Tippoo Saibo (2 Bde., Par. 1801); Wilks, «The South of Indiad (3 Bde., Lond. 1810); «The history of Tippoo Sultan, written by Mir Hussain Ali Khan (übersetzt vom Oberst Miles, Lond. 1844).