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GeschichteBrockhaus 1882

Tscherkessen oder Circassier hießen im weitesten Sinne, besonders wenn von dem Tscherkessenkriege gegen die Russen die Rede war, alle freien, von Rußland noch nicht überwundenen kaukasischen Bergvölker, dann im engern Sinn die Bewohner des westl. Gebietes des Kaukasus, welches deshalb auch Tscherkessien oder Circassien genannt wird. Die eigentlichen T. bewohnen aber nur den nordwestlichsten Flügel des Kaukasus mit Ausschluß des Landes der Abchasen (s. d.), ihrer südl. Nachbarn, oder den Winkel zwischen dem Schwarzen Meere im Westen und dem untern Kuban im Norden, im Kubanschen Landstrich der kaukas. Statthalterschaft. Dieser Teil des Kaukasus, dessen äußersten Ausläufer gegen Nordwesten die Schwarzen Berge (Coraxici Montes) bilden, ist weniger hoch als der mittlere Teil des mächtigen Gebirges und wird immer niedriger, je mehr er sich nach Westen erstreckt. Das Gebirge, dessen Boden hauptsächlich aus Kreide besteht, ist mit Wald bedeckt und wird von engen Thälern, die entweder nach dem Kuban oder nach dem Meere ausmünden, durchschnitten. Die Bewohner dieses sehr unzugänglichen Landes, von den Türken Tscharkassen (woraus Circassier entstand) genannt, während sie sich selbst Adighe nennen, gehören mit den Abchasen im Süden und Kabardinern im Osten zu dem westkaukas. Stamm; ihre Zahl wird (1880) auf 49260, mit den Kabardinern auf 115 449 berechnet; früher waren sie bedeutend zahlreicher, weil der größte Teil nach der 1864 erfolgten Unterwerfung des westl. Kaukasus durch die Russen nach der Türkei ausgewandert ist. Ihrem körperlichen Typus nach gehören sie wohl zur kaukas. Menschenrasse, aber nicht zur indogerman. Völkerfamilie. Ihre Sprache, die sich vom Kabardischen nur mundartlich unterscheidet, ist nach Klang und Aussprache höchst eigentümlich und schwierig. Vgl. L'huilier, Russ.tscherkessisches Wörterbuch mit Grammatikv (Odessa 1846); Löwe, Circassian dictionaryr (Lond. 1854). Der soziale Zustand dieses Volks ist noch derselbe, auf dem es stand, als es in der Geschichte erschien. Es ist ein Räubervolk, ein kriegerisches Volk, dem es ehrenvoller dünkt, vom Raube als von friedlicher Beschäftigung zu leben. Ihre Verfassung ist feudal-aristokratisch, da das Volk sich streng in vier Stände sondert: in Häuptlinge oder Fürsten, Edle, Gemeinfreie und Bauern. Der Titel eines Fürsten (Pscheh, Pschi) wird nur durch Geburt erlangt. Die Edeln, Usden, bilden den Vasallenadel und haben wieder eine geringere Klasse, die Tschofokotl (Gemeinfreien), zu Vasallen. Der früher leibeigene, jetzt persönlich freie Bauer (Pschilt) hat außer einigen Naturalabgaben, Fron⸗ und Kriegs diensten keine weitern Lasten zu tragen. Diese vier Klassen unterscheiden sich im häuslichen und geselligen Leben, in welchem fast vollkommene Gleichheit herrscht, nur sehr wenig. Die Religion der T. ist eine Mischung von Mohammedanismus, Christentum und Heidentum. Im 11.und 12. Jahrh. waren die T. mehr oder weniger zum Christentum bekehrt worden; mit dem Eindringen der mohammed. Tataren fand auch der Mohammedanismus Eingang. Erst in neuerer Zeit fand aber der Jslam mehr Ausbreitung unter ihnen. Indes sind nur die Häuptlinge und Vornehmen der T. als Mohammedaner zu betrachten. Das Volk bekennt sich zu einem aus christl. und heidnischen Traditionen gemischten Glauben, in welchem die Feier des Osterfestes, das Zeichen des Kreuzes, heilige Bäume, Opfer und Prozessionen mit Lichtern eine große Rolle spielen. Die Schrift kennen die T. noch nicht; dagegen besitzen sie Sänger (Kikoakoa), welche in hohem Ansehen stehen. Außer dem von den Bauern und Weibern getriebenen Feldbau und der blühenden Viehzucht kennen die T. einige Gewerbe, die den unumgänglichsten Bedarf befriedigen. Was die physischen Eigenschaften der T. betrifft, so ist ihr schöner Körperbau sprichwörtlich geworden; dabei sind sie kräftig, gewandt, mäßig; hervorstechende geistige Eigenschaften sind Mut, Scharfsinn, Klugheit und Selbständigkeit. Schon im Altertum treten die T. unter dem Namen der Sychen als Seeräuber auf. Aber erst im Mittelalter werden sie historisch, infolge der Erhebung des Reichs von Georgien im 10. bis 13. Jahrh., dessen Königin Tamar das Christentum unter ihnen verbreitete und sie dem georgischen Reiche unterwarf. Sie rissen sich 1424 von diesem los und wurden wieder unabhängig. Indes hatten sie sich über die Ebenen am Asowschen Meere verbreitet und waren dadurch mit den Tataxen in Konflikt geraten. Deshalb traten sie 1555 in Berührung mit dem Zar Iwan Wassiljewitsch, dem sich ein Stamm unterwarf, und der sich mit einer tscherkessischen Fürstentochter vermählte und ihnen gegen die Tataren Hilfe leistete. Bald zogen sich die Russen wieder zurück, und die Kämpfe zwischen Tataren und T. begannen aufs neue, und zwar zum Nachteil der letztern, die nach der Kubangrenze zurückgedrängt und den Tataren tributär wurden. Erst 1705 befreite ein entscheidender Sieg die T. von harter Bedrückung, und noch mehr schwand der tatar. Einsluß, als nach dem Frieden von Kutschuk-Kainardschi (1774) Rußland Herr der beiden Kabarden wurde, sowie nach 1781, wo es die Kubangrenze erhielt. Schon damals regten sich diese Bergvölker gegen Rußland, und ein religiöser Fanatiker, Schech-Mansur, suchte sie zum Kampf zu vereinigen. Nach ihren Verlusten bauten die Türken 1784 Anapa am Schwarzen Meere, das nun der Hauptplatz des Verlehrs der Türken mit den T. war, und von wo aus dieselben von den Türken gegen die Russen bearbeitet wurden. Zwar eroberten die Russen Anapa 1807, mußten es aber 1812 im Frieden von Bukarest wieder herausgeben. Diese Zeit benutzten die Türken, um die T. zum Mohammedanismus zu bekehren und sie gegen Rußland rmißt, sind unter Cz aufzusuchen. aufzureizen. Ein dauernder kleiner Krieg war die Folge, und 1824 leisteten sogar mehrere Stämme dem Sultan den Eid der Treue. Im russt-türk. Kriege von 1829 fiel Anapa abermals in die Hände der Russen, und im Frieden von Adrianopel gingen die türk. Besitzungen auf dieser Küste überhaupt an Rußland über. Hierauf gründete dieses nun sein Recht auf die Bergvölker. Die Geschichte der russ. Feldzüge bis zur Unterwerfung der T. s. unter Kaukasus. ([Echallens.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 879Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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