FeedValognes
ErdkundeBrockhaus 1882

Valognes, Stadt und Hauptort eines Arrondissements im franz. Depart. Manche, nahe dem Ursprung des Merderet, Station der Linie Paris-Cherbourg der Westbahn und der Lokalbahn V.⸗ Barfleur, zählt (1881) 4009 (Gemeinde 5782) E. und hat ein Collége, ein Seminar, Fabrikation von Blonden und Spitzen, sowie Dander mit Produkten der Landwirtschaft. Bei V. finden sich Reste der röm. Stadt Alauna im Gebiete der gallischen Uneller; mittellat. hieß der Ort Valones und Valoniae. Das Arrondissement Valognes zerfällt in 7 Kantone mit 117 Gemeinden und 76 573 E. Balois, eine ehemalige Landschaft in Frankreich, die erst Grafschaft, dann Herzogtum war und von der ein Seitenzweig der Capetinger (s. d.), das königl. Haus der Valois, welches 1328-1589 den Thron von Frankreich innehatte, den Namen erhielt. Gegenwärtig bildet die Landschaft das Depart. Oise. Die alten Grafen von V. gehörten einem jüngern Zweige des Hauses Vermandois an. Die letzte Erbtochter dieses Hauses heiratete Hugo, den Sohn Heinrichs I. von Frankreich, und brachte demselben V. und Vermandois zu. Aus dieser Ehe entsprangen die capetingischen Vermandois, die in der sechsten Generation erloschen. Philipp II. August schlug nach dem Erlöschen die Güter und Titel der Vermandois zur Krone und zog demnach 1215 auch die Grafschaft V. ein. Erst König Philipp III., der Kühne, gab die erweiterte Grafschaft V. 1285 seinem jüngern Sohne Karl. Dieser Karl von V., geb. 1270, der Bruder König Philipps IV., des Schönen, wurde der Gründer des königl. Hauses der V. Der Papst Martin IV. belehnte ihn 1284 mit dem Königreich Aragon, auf das er aber 1290 verzichtete. Durch seine Vermählung mit Margarete von Anjou-Sicilien erhielt er die Grafschaften Anjou und Maine. Im Rechte seiner zweiten Gemahlin, Katharina von Courtenay, nahm er den Titel eines Kaisers von Konstantinopel an. Eine dritte Ehe schloß er mit Mathilde von Chätillon. Karl nahm an den Ereignissen während der Regierung seines Bruders großen Anteil und starb 1325 zu Nogent. Er hinterließ viele Töchter und zwei Söhne, von denen der ältere, Philipp, König von enenr wurde. Der jüngere, Karl Graf von Alengon, gest. 1346, stiftete die Valesische Linie der Alengon. Dieselbe erlosch in männlicher Nachkommenschaft 1525 mit dem Connetable Karl. Nachdem die drei Söhne Philipps IV. des Schönen, ohne männliche Erben gestorben, bestieg 1328 der älteste Sohn Karls von B. Philipp VI. (s. d.), als der nächste männliche Nachkomme der Capetinger, den franz. Thron. Diese Erhebung des Hauses V. wurde der Vorwand zu langen Kriegen der Könige von England mit Frankreich. Philipp VI. hinterließ aus erster Ehe mit Johanna von Burgund zwei Söhne, seinen Nachfolger, Johann den Guten, und Philipp, geb. 1336; letzterer ward 1375 zum Grafen von V. und Herzog von Orléans erhoben, starb aber 1375 ohne Nachkommen. Johannder Gutels. d.),geb. 1310, bestieg 1350 den Thron, wurde 19. Sept. 1356 bei Poitiers vom Schwarzen Prinzen geschlagen und gefangen, ard den Frieden von Bretigny 1360 befreit und star 8. April 1364 in London bei neuen Verhandlungen über den Frieden. Er hinterließ von seiner ersten Gemahlin, Bona von Luxemburg, der Schwester Kaiser Karls IV., vier Töchter und vier Söhne: den Thronfolger Karl V.; den Herzog Ludwig von Anjou, Stifter des jüngern Hauses Anjou, das 1481 in männlicher Linie erlosch; den Den Johann von Berri, dessen Haus schon mit seinem Sohne, dem Grafen Johann von Montpensier, ausstarb; den Herzog Philipp (s. d.) den Kühnen von Burgund, welcher der Stifter des jüngern Hauses Burgund (s. d.) wurde. Karl V. (s. d.), der älteste Sohn und Nachfolger Johanns des Guten, starb 1380 und hinterließ aus der Ehe mit Johanna von Bourbon den Nachfolger Karl VI. und den Prinzen Ludwig. Der Prinz Ludwig erhielt die Titel und Güter eines Herzogs von Orleéans und die Grafschaften Angouléeme und V. Zu seinen Gunsten wurde V. 1406 ebenfalls zu einem Seigigbe als tum erhoben. Ludwig, der in der Geschichte als Herzog von Orléans bekannt ist, stritt während der unglücklichen Regierung seines Bruders, Karls VI., mit dem Herzog von Burgund um die Reichsverwaltung und fiel 1407 durch Mord. Außer zwei natürlichen Söhnen, dem Grafen Philipp von Vertus, der 1444 enthauptet wurde, und dem Grafen Johann von Dunois, Stifter des Hauses Dunois und Longueville, hinterließ er aus der Ehe mit Valentine von Mailand zwei rechtmäßige Söhne. Der ältere, Karl, Herzog von V. und Orléans, geriet bei Azincourt in 25jährige Gefangenschaft und starb 1465. — Dessen Sohn, Ludwig, Herzog von V. und Orléans, aus der Che mit Marie von Kleve, bestieg später als Ludwig XII. den franz. Thron und vereinigte hiermit Orléans wie V. mit der Krone. In der Folge wurde zwar V. noch öfter an Prinzen des valesischen, dann des bourbonischen Hauses verliehen, aber immer nur in Verbindung mit dem Herzogtum Orléans (s. d.). Die Familie Orléans verlor den herzogl. Titel von V. erst mit der Revolution von 1789, blieb aber zum Teil im Besitz der damit verbundenen Güter. — Der jüngere Sohn des 1407 ermordeten Herzogs Ludwig von Orléans und von V. war Johann, Graf von An gouléme. Er blieb 32 Jahre hindurch als Geisel in England und starb 1467. Aus seiner 70 mit Margarete von Rohan entsprang der Graf Karl von Angouléme; dieser verheiratete sich mit Luise von Savoyen, starb 1495 und hinterließ einen Sohn, dem nachmals als Franz J. die franz. Krone zusiel, und eine Tochter, Margarete von Valois. Karl VI. (s. d.), der älteste Sohn und Nachfolger Karls V., hinterließ w1422 aus der Ehe mit Isabelle von Bayern den Thronfolger Karl VII. und mehrere Töchter, darunter Isabelle, vermählt mit Richard II. von England, und Katharina, die sich erst mit Heinrich V. (s.d.) von England und nach dessen Tode mit Owen Tudor vermählte. — Karl VII. (s.d.) starb w1461. Aus seiner Ehe mit Marie von Anjou gingen Ludwig XI., der Prin Karl (gest. 1472) und vier Töchter hervor, die sich mit den Herzögen von Bourbon und von Savoyen und mit den Grafen von Charolais und von Foir vermählten. Außerdem hinterließ Karl VII. von Agnes Sorel (s.d.) drei Töchter. — Ludwig XI. (s d.) starb 1483, und war erst mit Margarete von Schottland, dann mit Charlotte von Savoyen vermählt. Aus der Ehe mit letzterer hinterließ er Anna von Frankreich, die Peter von Bourbon-Beaujeu heiratete, während der Jugend ihres Bruders die Regierung führte und 1522 starb; Johanna, die, nachdem sie Ludwig XII. verstoßen, 1504 im Kloster starb; Karl VIII., der dem Vater auf dem Throne folgte. — Karl VIII. (s. d.), unter dem die Eroberungskriege Frankreichs in Italien begannen, vermählte sich mit Anna von Bretagne, starb aber 1493 ohne Nachkommen. Die franz. Krone ging darum auf Ludwig XII., den Chef des Hauses V. Orléans, der valesischen Nebenlinie, über. — Ludwig XII. (J. d.) verstieß seine erste kinderlose Gemahlin Johanna, die Tochter Ludwigs XI., und heiratete Anna von Bretagne, die Witwe Karls VIII. Er starb 1515 ohne männliche Nachkommen, nachdem er zuvor eine dritte Ehe mit Marie von England, der spätern Herzogin von Somerset, eingegangen. Aus zweiter Ehe hinterließ er Claudia, die Gemahlin Franz'I., die 1524 starb, und Renata, vermählt an den Herzog von Ferrara, gest. 1575. Der franz. Thron gelangte mit dem Erlöschen der männlichen Nachkommenschaft des Zweigs V.⸗ Orléans an dessen Seitenzweig Angouléme in der Person Franz' J. (. d.). Dieser war in erster Ehe mit Claudia von Frankreich, Ludwigs XII. Tochter, verheiratet und vermählte sich nach deren Tode mit Eleonore, der Schwester Kaiser Karls V. und Witwe Emanuels von Portugal. Er starb 1547. Nur aus seiner ersten Ehe entsprangen der Prinz Franz, welcher 1536 starb, der Nachfolger Heinrich II., der Herzog von Orleans, der unvermählt 1545 starb, und eine Tochter, Margarete, vermählt mit dem Herzog Philibert von Savoyen, gest. 1574. — Heinrich II. (s. d.) erhielt durch seinen Vater Katharina von Medici (f. d.) zur Gemahlin. Als er 1559 starb, lebten aus dieser Ehe: Franz II. (J. d.) vermählt mit Maria Stuart (f. d.) von Schottland, gest. 1560 ohne Nachkommen; Karl IX. (s. d.), der 1574 starb und aus der Ehe mit Elisabeth von Osterreich eine Tochter hinterließ, die 1578 starb; Heinrich III. (. d.), der erst König von Polen, dann nach des Bruders Tode König von Frankreich war, sich mit Luise von Lothringen-Mercoeur vermählte und, mit Heinrich von Navarra gegen die Ligue kämpfend, 1589 von Mörderhand fiek, ohne Nachkommen zu hinterlassen; Clisabeth, vermählt mit Philipp II. (Ed.) von Spanien, gest. 1568; Claudia, vermählt mit dem Herzog von Lothringen, gest. 1575: Margarete von V., die geschiedene Gemahlin Heinrichs LV. „welche erst 1615 als der letzte eheliche Sproß ihres Hauses starb; endlich der Herzog Franz Hercules von Alengon, der schon 1584 vor seinem Bruder Heinrich III. starb. Außerdem hinterließ Heinrich II. mehrere natürliche Kinder. Eine tiefe sittliche Verwahrlosung riß die Nachkommenschaft Heinrichs II. in ein frühes Grab und brachte Frankreich selhst der Auflösung nahe. Nach Heinrichs III. Tode fiel die Krone dem aus den Capetingern entsprungenen Hause Bourbon (s. d.) zu, dessen Haupt Heinrich IV. (s. d.), der vormalige König von Navarra, war. Nur Karl IX. hinterließ von Marie Touchet einen Bastard, den Grafen Karl von Auvergne, Herzog von Angouléme, bekannt durch seine Ränke unter Heinrich IV., der 1650 starb. Schon mit seiner Enkelin Marie, der Erbtochter von Angouléme, die sich mit Ludwig von Guise-Lothringen vermählte, erloschen 1660 die ehelichen Nachkommen dieses Zweigs; 1672 starben auch die legitimen Sprößlinge des Hauses Dunodis und Longueville und hiermit überhaupt die männlichen Abkömmlinge der V. aus.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 109Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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