Walther von der Vogelweide, der größte und gefeiertste unter den mittelhochdeutschen Lyrikern, war zwischen 1165 und 1170 wahrscheinlich in Tirol geboren. Zwar adeligen Geschlechts, aber unbegütert, lernte er asingen und sageno in Osterreich, wo der ältere Reinmar ihm Meister und Muster wurde. Er mag zu dichten angefangen haben um 1187 und gewann bald in dem jungen babenbergischen Herzog Friedrich dem Katholischen zu Wien seinen ersten fürstl. Gönner. Als dieser kurz darauf im Alter von 24 J. auf einem Kreuzzuge starb, begann W. um die Mitte des J. 1198, die Höfe der Könige und Fürsten aufsuchend, ein Wanderleben, das ihn fast durch ganz Deutschland und vielleicht über dessen Grenzen führte. Wien ungern verlassend, wandte er sich zunächst zu König Philipp, bei dessen Krönung (8. Sept. 1198) in Mainz man ihn findet, und den er auch 1199 zum Weihnachtsfeste nach Magdeburg begleitete. Im Mai 1200 scheint er wieder in Wien gewesen zu sein bei der Schwertleite Herzog Leopolds VII., des Glorreichen, der Friedrichs Bruder und Nachfolger war. Zu Philipp stand W. noch fortwährend in guten Beziehungen, wenn sich auch nicht beweisen läßt, daß er sich immer in dessen Nähe befand. Wie lange das Verhältnis dauerte, warum es aufhörte, ist nicht sicher zu bestimmen. Nach vorübergehenden, durch Hofintriguen zu W.s Ungunsten ausschlagenden Beziehungen zu Herzog Leonhard von Kärnten begab er sich an den Hof des gepriesenen Dichterfreundes, des thüring. Landgrafen Hermann zu Eisenach. Dort verweilte er, bis der Landgraf sich im Sommer 1211 von König Otto IV. abwendete und nach Vorschrift des Papstes mit einigen andern Fürsten die Wahl König Friedrichs II. zu fördern suchte. Infolge dessen ging W. wahrscheinlich zu dem Markgrafen Dietrich von Meißen, wo er längstens bis zum Herbst 1213 blieb. Hierauf findet man ihn im Dienste Kaiser Ottos, der sich aber unmilde und treulos gegen ihn bewies und von ihm (1214) verlassen ward. Er wandte sich nun ZFriedrich II. zu, der ihm auch ein kleines Lehn bei Würzburg gab und so einen langjährigen Wunsch des Dichters befriedigte. Gleichwohl gab er das altgewohnte Wanderleben nicht ganz auf. Im J. 1217 trifft man ihn in Osterreich, wo jedoch Leopold — den Kreuzzug, den er dann im Sommer antrat, orbereitungen traf und daher sparte. Wahrscheinlich in die nächste Zeit während der Abwesenheit des Herzogs fallen W.s Besuche bei seinen Gönnern, dem Oheim Leopolds, Heinrich von Medlik, der zu Mödling bei Wien Hof hielt, und dem Patriarchen von Aquileja, Berthold von Andechs. Bei dem zurückkehrenden Herzog fand er (1219) gastliche Aufnahme, blieb aber nicht sehr lange (bis Frühjahr oder Mitte 1220), wiewohl die Annahme eines Zerwürfnisses mit dem Herzog unhaltbar erscheint. Nun tritt der Dichter in der Umgebung des Reichsverwesers Engelbert von Köln und des Sohnes Friedrichs II., König Heinrichs VII., auf, dem er nach Daffis' geistreicher Vermutung als Erzieher bestellt gewesen zu sein scheint. Doch wirkte er in diesem Amte erfolglos und gab es daher (1224) wieder auf. Hierauf lebte W. in stiller Zurückgezogenheit, aber nicht teilnahmlos gegen das öffentliche Leben zu Würzburg. Daß er den Kreuzjzug von 1228 mitgemacht, ist ebenso behauptet als mit guten Gründen bestritten worden. Wenn er sich auch dem Kreuzheer anschloß, kam er doch jedenfalls nicht ins Heilige Land. W. starb ungefähr 1230 in Würzburg, nachdem er mehr als 40 Jahre gedichtet hatte. In einer Handschrift des 14. Jahrh. ist seine Grabschrift erhalten; sein Sarkophag wurde im Mai 1883 unter der Schwelle des Kreuzgangs zu der Neumünsterkirche in Würzburg gefunden. Ein neues Denkmal wurde ihm zu Würzburg 1843 lehend sowie 6. Mai 1877 zu Innsbruck ein überebensgroßes Standbild. Seinen Meister Reinmar, den er etwa um 20 Jahre überlebte, hat W. sowohl in Beziehung auf Gehalt als auf Form seiner Dichtung bei weitem übertroffen, während hinter der Fülle und Vielgestaltigkeit seines Geistes alle übrigen Minnesänger zurückstehen müssen. Seiner reichen Empfindung und seiner gediegenen Kunst waren alle Töne gerecht, Zartheit und Innigkeit wie Heiterkeit und Mutwille, tiefer Ernst wie schalkhafter spielender Scherz und in gewandter Veredelung der Volkston. Nicht bloß beschränkte er sich, wie Reinmar, auf das Minnelied, sondern auch in Gottes⸗ und Herrendienst und lehrhaft dichtete er. Nicht allein der Herrlichkeit Gottes und der heil. Jungfrau, oder der Schönheit der Natur, oder der Vergänglichkeit aller irdischen Dinge, sondern auch der Ehre und dem Wohle seines Volks, den Zuständen und Ereignissen seiner Zeit galt sein teilnehmendes Lied. Er sang von den Pflichten und Würden des Kaisers, von den Obliegenheiten der Fürsten und Lehnsmannen, von dem Rechte und Unrechte des Papstes gegen Kaiser und Reich, von der Herrlichkeit der wahren, nicht nach Macht und weltlichem Gute trachtenden Kirche und sang oft mit ernster und scharfer Rüge. Aber Lob wie Tadel, Liebe wie Haß gab er nur aus Überzeugung, freimütig, aber fromm und gläubig, stets lebendig und eindringlich, doch gemäßigt. Aus entschieden vaterländischem Sinne stand er beharrlich zum Reiche und zum Kaiser gegen die Übergriffe des Papstes. Seine in diesem Sinne gedichteten Sprüche hatten eine eingreifende Wirkung, machten Tausende dem Papste abwendig und bestimmten die Parteistellung der deutschen Dichter für das ganze Jahrhundert. Doch nirgends, weder in diesen polit. Sprüchen noch in andern lehrhaften Gedichten, verließ W. den Boden der echten Lyrik. Deshalb ward er auch schon von den Zeitgenossen, wie namentlich von Gottfried von Straßburg, als Meister der Lyrik anerkannt und noch lange nach seinem Tode gepriesen. Die Sage der spätern Meistersingerschulen versetzte ihn unter die Zwölf, die zu Kaiser Ottos d. Gr. Zeit die edle Singekunst erfunden und gestiftet hätten, auch wurde ihm im Gedicht und in der Sage vom Wartburgkrieg eine Rolle zugeteilt. Wilh. Grimm versuchte mit Scharfsinn und Gelehrsamkeit, obgleich nicht überzeugend, zu erweisen, daß W. auch das unter Freidanks (s. d.) Namen bekannte Spruchgedicht verfaßt habe. Von W.s Gedichten besorgte K. Lachmann eine treffliche kritische Ausgabe (Berl. 1827; 5. Aufl. von Müllenhoff, 1875) und Simrock eine treffliche Übersetzung (mit Erläuterungen von Simrock und Wackernagel, 2 Bde., Berl. 1833; 7. Aufl., Lpz. 1883). Neue Ausgaben veranstalteten W. Wackernagel, Mar Rieger (Gieß. 1862), Franz Pfeiffer (Lpz. 1864; 5. Aufl. 1875) und Wilmanns (Halle 1883). Eine Schulausgabe mit Wörterbuch veröffentlichte Bartsch (2. Aufl., Lpz. 1885). übersetzungen lieferten Koch (Halle 1848), Weiske (Halle 1852), Pannier (Reclams «Universalbibliotheks, Bd. 819, 820), Schröter (Jena 1881). Uhland gab eine schöne Darstellung des Lebens und Dichtens W.s ((W. von der Vogelweide, ein altdeutscher Dichtere, Stuttg. u. Tüb. 1822). Vgl. ferner Rieger, Das Leben W.s von der Vogelweide» (Gieß. 1868); H. Kurz, allber W.s von der Vogelweide Herkunft und Heimate (Aarau 1863); Menzel, Das Leben W.s von der Vogelweide » (Lpz. 1865); Leo, «Die gesamte Litteratur W.s von der Vogelweides (Wien 1880); Wilmanns, «Leben und Dichten W.s von der Vogelweide, (Bonn 1882).