FeedWolfram von Eschenbach
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Wolfram von Eschenbach, der berühmteste unter den mittelhochdeutschen höfischen Dichtern, lebte gegen Ende des 12. und den Anfang des 13. Jahrh. über sein Leben geben nur seine eigenen Werke dürftige Aufschlüsse. Er nennt sich selbst einen Bayern, und man hat als seine Heimat zu betrachten das mittelfränkische, bei Ansbach gelegene Schloß und Städtchen Eschenbach, wo er auch begraben lag und im Anfang des 17. Jahrh. noch sein Grabmal zu sehen war. Seinem eigenen Zeugnis zufolge war er aus einem zwar armen, aber ritterlichen Geschlecht, und er legte viel Gewicht darauf, daß er davon, nicht von seiner Kunst Frauengunst zu gewinnen hoffte. Einen Grafen von Wertheim nennt er im «Parzival seinen Herrn, und weiter findet man ihn am Hofe des kunstliebenden Landgrafen Hermann von Thürinen, wie es scheint, in ziemlich unabhängiger Stelung. Dort wird er auch mit Walther von der Vogelweide zusammengetroffen sein, dessen er zweimal gedenkt, im «Parzival v und im »Willehalmo, dessen Stoff ihm der Landgraf selbst vermittelte. Sein Aufenthalt an dem Hofe zu Eisenach und sein Verhältnis zum Landgrafen gab ihm auch seine Stelle in dem sagenhaften Wartburgkrieg. Seiner polit. Haltung nach war er, einer Außerung in seinem letztgenannten Gedichte zufolge, ein Anhänger Kaiser Ottos IV. Aus mehrern Stellen seiner Werke hat man mit Recht geschlossen, daß W. in glücklicher, nicht kinderloser Ehe gelebt habe. Wann er gestorben, ist unbekannt. Doch überlebte er seinen Gönner, den Landgrafen Hermann, nach dessen Tode (1216) er erst den Willehalmo dichtete. Außer acht Liedern, meist Tag⸗ und Wächterlieder, eine Gattung, deren Erfindung ihm ohne hinreichende Beweise zugeschrieben wurde, hat man von ihm drei epische Dichtungen. Die erste ist der «Altere Titurelv, so genannt zum Unterschiede von einem spätern Gedicht, dem »Jüngern Titurelo, ein unvollendetes Jugendwerk, das die Liebe Schionatulanders und Sigunens behandelt, in Bezug auf Darstellung wohl das Frischeste, was man von dem Dichter besitzt. Weit überragt wird aber dasselbe an Ideengehalt durch den «Parzivalo, sein zweites großes und berühmtes, zwischen 1205 und 1215 vollendetes Gedicht. Der Stoff dieses Gedichts verbindet die Sage vom Heiligen Gral mit dem südfranz. Sagenstoffe von den alten Fürsten in Anjou und dem Sagenkreise von König Artus und seiner Tafelrunde. Dasselbe umfaßt so das gesamte ritterliche Leben nach seiner geistlichen und weltlichen Richtung, sodaß das Gedicht ein treues Spiegelbild seiner im Rittertum gipfelnden Zeit nach ihrer äußerlichen Seite in Sitten, Gebräuchen, wie nach ihrem innersten Ideengehalt, den sie be-Tienalles Anschauungen und Glauben bietet. ies alles ist kunstvoll auf den Helden Parzival als den Mittelpunkt des Ganzen bezogen. Wenn auch bei so umfassender Anlage nicht alles gleich künstlerisch bewältigt erscheint und rund zu einem eschlossenen Ganzen sich fügen will, so ist dies um o eher zu verzeihen, als der Dichter, der nicht lesen und schreiben konnte, den umfänglichen Plan im Gedächtnis bewahren und ausbauen mußte. Der Idee nach ist dies Gedicht das tiefste und großartigste, das aus der gesamten Kunstdichtung des 13. Jahrh. vorhanden. Dasselbe hat nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern durch das weitere Mittelalter hindurch Bewunderung und Nachahmung erweckt und gehört zu den ersten Büchern, deren sich die Buchdruckerkunst (erster Druck 1477; dann erst wieder Berlin 1784 in Müllers Sammlung) bemächtigte. Aber auch der Widerspruch blieb nicht aus. Gottfried von Straßburg, Wis Zeitgenosse, erhebt gegen ihn in der litterarischen Stelle des „Tristand, aber ohne ihn zu nennen, die Anklage der Trockenheit, der Seltsamkeit und vor allem der Dunkelheit der Darstellung. Wie alle höfischen Dichter des deutschen Mittelalters hat auch W. nach franz. Vorbilde gedichtet. Schon vor Ablauf des 12. Jahrh. war bereits in Nordfrankreich die Gralsage und die Geschichte von Parzival poetisch bearbeitet worden. W. nennt zwei Dichter als seine Gewährsmänner, einen Kiot den «Provencaleno, dessen Gedicht bis jetzt aber nicht wiedergefunden worden, und den Trouvere Chretien de Troies, dessen Behandlung der Geschichte, wie sie noch in seinem erhaltenen, aber nicht vollendeten Conte del Gralo vorliegt, W. selbst tadelt. Gleichwohl hat man in letzterer Zeit versucht, Chretien als W.s Quelle und den Kiot mit seinem verlorenen Gedicht als eine Erfindung des deutschen Dichters hinzustellen. über den Grad der Selbständigkeit W.s seiner Quelle gegenüber kann man bei diesem Stand der Dinge nicht gut urteilen. Für W. spricht schon, daß er aus der Masse des dargebotenen Stoffs nur so viel herausnahm, als er für zwei Gedichte, für den «Titurelo! (Schionatulander) und den «Parzivalo brauchte, und auch in der Darstellung zeigt sich allenthalben bestimmt genug W.s eigentümliches Gepräge. Das dritte Gedicht W.s, Willehalmeov,‚ hat zum Vorwurf die Thaten des heil. Wilhelm von Orange, eines Zeitgenossen Karls d. Gr., zu dessen Sagen-⸗t kreis er gehört. Dieses Gedicht ist, wie der Ti-H turelo, nur Bruchstück geblieben, und zwei spätere Dichter haben daher das Fehlende zu ergänzen versucht, indem der eine, Ulrich von Türheim, gegen 1250 die Fortsetzung des sog. dritten Teils, der andere, Ulrich von dem Türlin, zwischen 1252 und l 1278 den übergangenen ersten Teil (herausg. von Casparson 1781) hinzufügte. Eine vollständige, meisterhafte Ausgabe der Werke Wis lieferte Lachmann (Berl. 1833; 3. Ausg. 1872), der auch den schwierigen Eingang des «Parzivalo1 in den Abhandlungen der berliner Akademie»⸗ (1835) erklärte; eine Ausgabe des &Parzival o und 1 (Titurelo mit erklärenden Anmerkungen gab Bartsch (2. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1875—77). Eine neuhoch-z deutsche Übersetzung mit Beilagen lieferte San- i Marte (Magdeb. 1836; 2. Aufl., Lpz. 1858) und mit genauerm Verständnis, aber zu engem Anschluß an das Original Simrock (Stuttg. 1842; 5. Aufl. 1876). Ein Reimregister zu den Werken Wis gab San-Marte (Lpz. 1867). Vgl. Schmeller, «Über W.s von Eschenbach Heimat, Grab und Wappeno» (in den Abhandlungen » der münchener Akademie, 1837); San-Marte, Parzival-Studien⸗ (3 Bde., Halle 1861—62); verschiedene Aufsätze von Bartsch, Pfeiffer, Rochat, Zingerle in Pfeiffers „Germaniav (Wien 1856 fg.). Die reiche Litteratur zusammengestellt von G. Bötticher,«Die Wolfram-Litteratur seit Lachmann mit kritischen Anmerkungen» (Berl. 1880). über Sprache und Stil W.s schrieben Jänicke, Kinzel, Förster, Bötticher, über W.s Humor Kant und Starck, über seine Metrik Jander (1883), Schwarz (1885), über die Gralsage Zarncke, Birch-Hirschfeld, Martin (1880). Richard Wagners Oper Parsifalo veranlaßte eine nicht unbeträchtliche populäre Litteratur, die zum Teil auch W.s „Parzivalo zur Vergleichung heranzog.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 731Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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