FeedWettrennen
Sport & SpielBrockhaus 1882

Wettrennen, Pferderennen (engl. races), mit Pferden angestellt, entweder als Reit- oder als Wagenrennen, war ein schon den alten Griechen bekanntes Spiel, welches von diesen auf die Römer überging. Die Griechen hielten ihre W. bei den Nationalspielen ab. Den Siegern wurden hohe Ehren zuteil. Die Reiter hatten beim W. häufig noch ein Pferd an der Hand. Das Wagenrennen fand mit zwei oder mit vier Pferden statt, auch mit zwei Mauleseln. Der Ort, wo die W. abgehalten wurden, hieß Hippodrom und bot allerlei Hindernisse dar, die geschickt vermieden werden mußten. Geschwindigkeit entschied nicht allein, Gewandtheit war oft noch wichtiger. Kampfrichter entschieden über den Sieg. Bei den Römern waren hauptsächlich Wagenrennen üblich, welche im Cirkus stattfanden. Gewöhnlich fuhren 1— vier Gespanne zu gleicher Zeit. Schon in den Zeiten der Republik existierten die Parteien der Rennbahn, die unter den Kaisern eine polit. Bedeutung annahmen (grüne, rote Partei). Den öchsten Aufschwung nahmen die Cirkusspiele in Byzanz, wo das Parteiwesen in offene Kämpfe ausartete. Im 12. Jahrh. gerieten sie in Veressenheit, auch wirkte die Kirche derartigen Schaupielen entgegen, belegte sie selbst mit dem Bann. Im Mittelalter traten die W. als Volksbelustigungen wieder auf, besonders finden wir dieselben in Bayern und im übrigen Süddeutschland, sowie in Osterreich. Sie haben sich bis in die Gegenwart erhalten, so die bayr. Bauernrennen; auch Wagenrennen kommen in diesem Sinne vor. Beim röm. Karneval findet noch heute ein W. von besonders zu diesem Zweck gehaltenen Pferden (Barberi) ohne Reiter statt. In England wurden die Rennen schon von den Römern eingeführt, und es finden sich daselbst noch heute Spuren von Rennbahnen aus deren Zeiten. Ausgebildet wurden aber die Pferderennen in England erst unter Heinrich II. zwischen 1154-70, in welcher Periode sie zu Volksbelustigungen wurden. Von 1558 an traten sie immer zahlreicher auf, besonders *7 damit das Wetten in Verbindung kam. Damals gab es aber nur Privatrennen und Wetten unter Edelleuten. Erst mit Anfang des 17. Jahrh. wurden öffentliche Rennen und Preise eingeführt. Gegenwärtig ist das W. fast in allen engl. Grafschaften üblich, gewöhnlich einmal jährlich, im Herbst oder Frühling; doch finden auch außerordentliche Rennen statt. Die berühmtesten Rennplätze (Turfs) sind: Ascot, Doncaster, Epsom (wo das Derbyrennen, das wichtigste und bekannteste, Eaaland wird), Goodwood, Newmarket. Außer England sind die öffentlichen W. in neuerer Zeit in fast allen Ländern des Festlandes, in Frankreich bereits seit 1806, in Norddeutschland, Baden, Bayern, Württemberg, Osterreich, Ungarn, auch als Förderungsmittel der Vollblutzucht in Rußland, meist nach engl. Zuschnitt eingeführt worden. Im J. 1828 entstand die erste deutsche Renngesellschaft des berliner Vereins für Pferderennen und Pferdedressur. Im J. 1830 fand das erste berliner Rennen statt. Dem folgten bald die Rennen in Dobberan, Oldesloe u. a. O. Die preuß. Regierung erließ 1846 eigene Renngesetze. In Norddeutschland bildete sich ein Jockeyklub, in Osterreich ein Verein für österr. Pferderennen und Pferdezuchto. Die Technik ist fast überall die englische; die W. haben bestimmte Renngesetze (Rules of racing); die Aufforderung zum W. an einem oder mehrern bestimmten Renntagen (Meetings) geschieht nach einem bestimmten Rennprogramm mit seinen Propositionen. Diese letztern enthalten die Höhe des für das bezeichnete Rennen festgesetzten Preises, den Betrag der Einzahlung (Entry), die Konventionalstrafe für den Fall des Rücktritts (Reugeld, Forfeit), die Bestimmung des Gewichts des Pferdes einschließlich des Reiters (Weight), die Entfernung Distance) und Tag und Ort, an welchem für das Rennen zu unterzeichnen und das Pferd zu nennen ist (Closing of stakes). Man unterscheidet: Flachrennen (flat races), d. i. Galopprennen auf ebener Bahn, um die Leistungsfähigkeit der Pferde bis zum letzten Grade der Erschöpfung zu prüfen; Hürdenrennen (hurdle races) über lose aufgestelltes Flechtwerk hinweg; Rennen mit festen (natürlichen oder künstlichen) Hindernissen, auch Steeple chases (eigentlich Turmrennen) genannt ( Steeplechase); endlich Trabrennen (trotting races) im Sattel oder im Geschirr. Die Bedingungen der Konkurrenz gliedern sich nach verschiedenen Gesichtspunkten. Nach Alter und Gewicht hat man Rennen für gleichalterige Pferde mit gleicher Belastung, worunter die dreijährigen Rennen die Hauptrolle spielen, Rennen für Pferde jeden Alters mit verschiedenem Gewicht, ferner das Handicap (s. d.) und das Verkaufsrennen, bei welchem jedes ablaufende Pferd für einen angesetzten Preis käuflich ist. Nach den Reitern nennt man die Rennen: Herren⸗, Offiziers-⸗, Jockey⸗ und Bauernreiten; nach den Entfernungen: kurze, mittlere und lange Rennen, je nachdem die Bahn 1000 - 1500, 2—4000 oder 4 - 6000 m und mehr lang ist. Man hat ferner nach dem Zeitraum der Anmeldung Zuchtrennen, bei welchen das Pferd schon vor der Geburt angemeldet ist, Alterskonkurrenzen, zu welchen die Pferde im ersten Jahre angemeldet werden, und Rennturnus, in welchem die Pferde in mehrern hintereinander folgenden Jahren miteinander in die Wette zu laufen haben. Über den Nutzen der W. sind die Meinungen geteilt. Gewiß ist, daß sie der Pferdezucht nur indirekt, durch Hebung der edeln Pferde-oder Vollblutzucht, nützen; letztere ist aber unentbehrlich zur Gewinnung von Pferdeschlägen, die nicht sowohl Körperfülle, als vielmehr Körperkraft und Ausdauer besitzen. Der militärischen Reiterei sind weniger die Flachrennen, als die Hindernis⸗ und namentlich die Jagdrennen förderlich. Die Teilnahme der Offiziere an öffentlichen W. ist in Preußen neuerdings eingeschränkt worden. Die vorzüglichsten Rennplätze Deutschlands sind Baden-Baden, Berlin (Hoppegarten und Charlottenburg), Breslau, Hamburg, Königsberg, Stettin, Frankfurt a. M., Leipzig, Cannstatt, München; in Osterreich⸗-Ungarn Wien, Pest, Preßburg, Odenburg, Pardubitz, Prag und Brünn. Rennvereine, in Verbindung mit1 Jockeyklubs, bestehen in allen civilisierten Landern. Das W. reißt die Zuschauer häufig zu Wetten bezüglich des Ausfalls des Rennens hin; besonders verbreitet ist das Wetten, welches der Schatten-1 seiten des Hazardspiels nicht entbehrt, in England. Besondere Wettgesetze existieren; Apparate zur leichtern Berechnung der Gewinne (unter dem Namen Totalisatoro) werden von den Rennvereinen aufgestellt. Aus dem Wetten wird vielfach ein Gewerbe gemacht; sog. Buchmacher vermitteln dasselbe unter der Hand. Bgl. Hazzi, cüber die Pferderennen als wesent⸗⸗ liches Beförderungsmittel der bessern Pferdezuchto (Münch. 1826); Kloch, cüber Wettrenner und (Bresl. 1835); Abhandlungen über Tierzucht und Pferderennens (Berl. 1861 — 63);: „Der Turf. Wörterbuch für Pferderennen» (2. Aufl., Wien 1878); Graf von Lehndorff-Graditz, »Hippodromos. Einiges über Pferderennen im Altertum » (1876); Silberer, «Handbuch des Rennsportsv (1881); Heydebrand und von der Lasa, Handbuch des Reitsportso (1882); ferner Reglement für das Flachrennen und Rennen mit Hindernissen im preuß. Staato von 1881, sowie die Zeitschriften „Der Sporno (herausg. von André, Berl. 1862 fg.) und Der Sport. Osterr. Blätter über Pferde und Jagdo (Wien 1864 fg.); Rennkalender für Deutschlando, herausg. vom Generalsekretariat des Unionsklubs (Berl. 1866 fg.); „Osterr.⸗ungar. Rennkalenderov, herausg. von der Redaction des »Sportblattes (Wien 1878 fg.) u. s. w.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 590Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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