Wladimir, ein 48 856 qkm großes und (1886) 1359327 E. zählendes Gouvernement des europ. Rußland, welches zu Großrußland gehört, liegt ganz im Flußgebiet der Wolga und wird von einem Hauptnebenflusse derselben, der Oka, die hier die Kljasma aufnimmt, durchströmt. Das Gouvernement, welches den größten Teil des alten Großfürstentums gleichen Namens umfaßt, ist ein ebenes, nur von wellenförmigen Hügeln durchzogenes, meist fruchtbares und für Landbau und Viehzucht trefflich geeignetes Terrain, indem der Boden größtenteils aus Thon, zum Teil auch aus Morastgrund und Sandflächen besteht. Von der ganzen Oberfläche ist die Hälfte Kulturland, die kleine Hälfte Wald (32 Proz.). Getreide⸗, Flachs⸗, Hanfbau, Gemüse- und Obstzucht bilden neben der Viehzucht und Jagd die Haupterwerbsquellen der Bewohner. Das Mineralreich gewährt Marmor, Thon, Mühl⸗ und Bausteine und Eisen. überdies ist W. nach Moskan das industriereichste Gouvernement Rußlands. Das Fabrikwesen ist auf einer bedeutenden Stufe der Vollkommenheit, und es gibt hier die blühendsten Baumwollmanufakturen des ganzen Reichs, die fünf Neuntel der ganzen russ. Baumwollproduktion liefern. Daneben sind die Leinwandindustrie, die Perlmutter⸗, Krystallglas⸗, Fayence⸗, Vitriolöl⸗ und Stahl⸗ und Eisenwarenfabrikation im Schwunge. Man zählt an 1800 Fabriken. Ein lebhafter Handel wird besonders auf den Jahrmärkten zu Murom, Kowrow und Schuja betrieben. In der Nähe von Murom befinden sich die dichtverwachsenen Muromischen Wälder, welche lange durch Räuberbanden berüchtigt waren. Das Gouvernement ist in 13 Kreise eingeteilt. Die Hauptstadt Wladimir, auch W. an der Kljasma, in alter Zeit Wladimir-Saljeskij genannt, im Lande Susdal, am linken Ufer der Kljasma, um 1120 von Wladimir II. Monomachos, Großfürsten von Kiew, erbaut, eine Zeit hindurch (1157 —1328) die Residenz der russ. Großfürsten, mit einem uralten Kreml, dessen Mauern aber fast ganz zerfallen sind, hat eine treffliche Lage auf Hügeln der Kljasma und ist von Kirsch⸗ und Gemüsegärten umgeben. Unter den Gebäuden verraten nur die Marienkirche und die Dmitriewsche Kathedrale den ehemaligen Glanz dieser alten Hauptstadt Rußlands, welche in der Tatarenzeit zweimal (1238 und 1410) fast gänzlich verwüstet wurde. Die Stadt zählt (1884) 18 424 E. und hat 22 Kirchen, unter denen besonders bemerkenswert die Uspenskische Kathedrale, in der die Gebeine sämtlicher wladimirschen Fürsten ruhen, ein Kloster, ein stark besuchtes Priesterseminar, ein Gymnasium und mehrere andere Schulanstalten, gegen 30 größere Fabrikanlagen und ist durch eine Eisenbahn mit Moskau und mit Nishnij-Nowgorod verbunden. Unter den alten Denkmälern verdient das um 1158 erbaute sog. «Goldene Thor» (zlotyja vrata) genannt zu werden, das früher als Befestigungswerk der Stadt diente.