Wollhaare, wie sie auf dem Schaf wachsen, also ohne Berücksichtigung der Kräuselung, heißt der Stapel der W.; diese Länge ist bei einem und demselben Tier auf den verschiedenen Körperteilen von verschiedener Größe und beträgt im Durchschnitt ½—½ der wirklichen Länge. Die natürliche Farbe der W. ist meist weiß, selten braun oder schwarz. Manche W. ist ganz stumpf und glanzlos, andere mehr oder weniger seidenartig glänzend. Ebenso variiert die Festigkeit. Je nach Feinheit und Güte erfordertein einfaches Wollhaar, um zu zerreißen,3—46g. Gute W. soll vor dem Zerreißen eine Längenausdehnung von 30—50 Proz. zulassen. Die feinen, rauhen und. krausen Haare, welche zur Verfilzung besonders geneigt sind, werden zu solchen Gespinsten und Geweben verwendet, die eine filzartige Struktur haben, zu den Streichgarnen und streichwollenen Zeugen, zu welch letztern vor allem die Tuche und tuchartigen Stoffe gehören. Dagegen werden die glatten und weniger gekräuselten starken Garne meist zu solchen Gespinsten und Geweben verarbeitet, in welchen die Fasern sich nicht verfilzen, den sogen. Kammgarnen und kammwollenen Zeugen. Hiernach unterscheidet man in technischer Hinsicht zwei Hauptarten der W., Streichwolle und Kammwolle (s. unter Wollmanufaktur und unter Wollspinnerei). Als die wichtigste Eigenschaft der W., sei es zum Krempeln oder zum Kämmen, gilt die Feinheit und es wird demnach diejenige am teuersten bezählt, welche unter sonst gleichen Umständen die feinste ist. Übrigens herrscht eine außerordentliche Verschiedenheit in der physischen Beschaffenheit der W. Nicht nur weichen hierin ganze Herden bedeutend voneinander ab, sondern es stimmt in diesen selbst höchst selten die W. aller einzelnen Tiere vollkommen miteinander überein, und sogar auf dem besten Individunm ist die W. nicht an allen Körperteilen von gleicher Güte und Feinheit. Das Bestreben der rationellen Schafzucht ist deshalb darauf gerichtet, daß die Abweichungen an dem einzelnen Tier nicht scharf hervortreten, sondern daß selbst auf den unedeln Teilen seines Körpers eine schöne, nicht sehr ungleiche W. wächst. Vor dem Beginn der Fabrikation muß die W. stets sortiert werden. Ein Tier, das auf seinem ganzen Körper eine feine, tadelfreie, ziemlich gleiche W. trägt, heißt ausgeglichen, und unter einer ausgeglichenen Herde versteht man eine solche, in welcher die W. der einzelnen Tiere, sei sie grob oder fein, möglichst übereinstimmt. Die W. heißt Raufwolle eoder Gerberwolle, wenn sie in Weißgerbereien „und Saffianfabriken mittels Kalks von den Schaffellen abgenommen wird; Schla chtwolle heißt „Idiejenige von geschlachteten Schafen, Sterblin gswolle die von gestorbenen Schafen. Die beiden letztern Wollsorten sind die schlechtesten. Die gerwöhnliche und zugleich die beste W. ist die Schurewolle, welche entweder einschurig oder (seltener) zweischurig ist, jene von Schafen, die nur Keinmal, diese von solchen, die zweimal im Jahre geschoren werden. Die zusammenhängende Wollbedeckung eines Schafs, welche durch die Schur dem Tier abgenommen wird, heißt Vlies. Die an ein gutes Vlies zu stellenden Anforderungen sind neben der Ausgeglichenheit, blumenkohlartiger Zusammenstand der einzelnen Partien in geschlossenen Büscheln, Dichtigkeit und Wollreichtum. Bezüglich der Wäsche unterscheidet man: Wolle im Schmutz, d. i. ungewaschene, natürlich gewaschene und künstlich gewaschene Wolle. Die beste Feinwolle lieferte bis zur Mitte des 19. Jahrh. Deutschland, und zwar Schlesien und Sachsen (in England heißt alle feine W. Saxon wooh), außerdem Mähren, Böhmen, Ungarn, dann Frankreich. In neuester Zeit haben die für Schafzucht besonders geeigneten Territorien von Südrußland, Australien (Neuseeland) und Kapland die europäische Produktion überflügelt. In der Kammwollzucht stehen England, Ssterreich, Oberitalien, dann Frankreich obenan. Man teilt die in den Handel kommende W. in zahlreiche Klassen: Superelekta, Clekta, Prima, Sekunda, Tertia, Quarta, Quinta und Sexta, Stücke und Locken. Im Wollhandel ist England der Mittelpunkt des Weltverkehrs; der Stand des englischen Wollmarktes übt seinen Einfluß bis in die entlegensten Länder Europas und der übrigen Erdteile. Bei der außerordentlichen Ausdehnung der britischen Wollindustrie und dem eigentümlichen Verhältnis, daß der englische Landwirt das Schaf vorzugsweise für den Schlächter erzieht, ist Großbritannien zu einer überaus bedeutenden Wolleinfuhr genötigt und nimmt hierfür alle Weltteile in Anspruch. Außer London mit seinen wöchentlichen großen Wollauktionen in den Docks sind für feine W. Leeds und Huddersfield, für Mittelwolle Bradford, für leichte W. Rochdale die wichtigsten der britischen Wollmärkte. Unter den zur Förderung des deutschen Wollhandels dienenden Wollmärkten sind Breslau und Berlin maßgebend. Außer diesen sind zu nennen Stettin, Posen, Magdeburg, Dresden, Leipzig, Kirchheim unter Teck, Nürnberg, L zeimar, Gotha, Göppingen, Stuttgart. Die europäische Wollproduktion schätzt man auf etwa 280 Mill. Kilogramm. Hierzu liefert Rußland 56, England 43, Frankreich 38, Deutschland 37,5, Ssterreich 36, Spanien 26,5, Italien 13,8, Rumänien 6,3, Schweden und Norwegen 4,2, Portugal 3,3, Dänemark 2,7 und Griechenland 2,2 Mill. Kilogramm. Diefe Produktion reicht für den Bedarf nicht mehr aus, denn schon 1870 waren zur Verarbeitung etwa 485 Mill. Kilogramm erforderlich. Die außereuropäische Wollproduktion beträgt in Südasien 110, in den La-Plata-Staaten 100, in den Vereinigten Staaten 66, in Südafrika 35, in Indien 15, zusammen 326 Mill. Kilogramm.