Wollmanufaktur begreift im weitesten Sinne die gesamte Verarbeitung der Wolle zu Gespinsten und Geweben. Wie aber die Wolle (s. d.) bezüglich ihrer physischen Beschaffenheit in zwei roße Abteilungen zerfällt, welche nach der verchiedenen technischen Behandlungsweise durch die Namen Streichwolle und Kammwolle bezeichnet werden, so teilt sich die Wollverarbeitung in die beiden Hauptzweige, von welchen der eine mit der Herstellung der streichwollenen, der andere mit derjenigen der kammwollenen Waren sich beschäftigt. Ofters wird speziell der letztere Zweig der Wollverarbeitung oder auch ein Etablissement, in welchem derselbe betrieben wird, unter W. im engern Sinne verstanden. Den Begriff der Streichwollmanufaktur stellt die Tuchfabrikation (s. d.) dar, bei welcher sämtliche Hilfsmittel und Arbeitsmethoden der Streichwollverarbeitung zur Anwendung kommen. Die Fabrikation der Kammwollwaren benutzt als Material nur längere, meist auch gröbere und weniger gekräuselte Wollgattungen und erzeugt aus ihnen Gespinste von glattem Faden (s. Wollspinnerei), aus diesen aber Gewebe, welche der Operation des Walkens nicht unterworfen werden, daher keine filzartige Decke auf ihrer Oberfläche zeigen, im Gegenteil den Faden ebenso offen liegend wie leinene und baumwollene Stoffe darbieten. Das Verweben der Kammgarne erfolgt auf Stühlen, welche nicht wesentlich von denjenigen für andere Stoffe verschieden sind. (S. Weberei.) Manche Wollgewebe sind so, wie sie vom Stuhl kommen, fertig und werden nur zusammengelegt und gepreßt; andere erfordern eine Appretur, welche nach Umständen das Sengen, Scheren, Stärken, Mangen oder Kalandern und das warme Pressen begreift. (S. u. Appretur.) Die gebräuchlichsten kammwollenen Fabrikate (von denen manche öfters mit Baumwolle, Leinen, Ziegenhaar u. s. w. gemischt auftreten) sind folgende, und zwar von den glatten: Kamelot, Orleans, Berkan (Moire), Bombasin, Stramin, Beuteltuch, Krepp, Wollmusselin, Chäly; von den geköperten: Wollatlas, Merino und Tibet, Serge, Ölpreßtuch, Lasting; von den gemusterten: Damast, Buckskin, Shawls, Plaids; von den samtartigen: Wollplüsch, wozu auch der als Möbelstoff bekannte Utrechter Samt, Felbel, Biber, Krimmer, Castorin gehören. Gemischte Kammgarnzeuge sind Lüster, Wollbarege, Poil de chèvre, Rips, Zanella. (S. die Spezialartikel.) Als besondere Klasse schließen sich die Teppiche an. Ein beträchtlicher Teil der aus Kammwolle erzeugten Gespinste ist nicht für die Weberei, sondern zum Stricken und für die Strumpfwirkerei bestimmt, sog. Strumpfgarne, wozu man meist die Wolle durch die Behandlung auf Kratzmaschinen vorbereitet, ohne sie zu kämmen, während jedo das Spinnen auf den eigentümlichen Kammwollspinnmaschinen geschieht (Halbkammgarne). Neuerlich versteht man übrigens unter Kammgarn nicht nur Gespinste aus Schafwolle, sondern auch solche aus Mohair- und Alpakawolle. Gemische von Kammwolle mit Seide oder Baumwolle kommen im Handel als Phantasiegarne vor. Ein noch junger Zweig der W. ist die mit sehr sinnreichen und komplizierten Maschinen arbeitende Fabrikation der Kunstwolle (s. d.), die sich von Nordamerika aus in England und später auch in Deutschland verbreitet hat. Die Kammwollindustrie blüht besonders in England, Frankreich und Deutschland. Charakteristisch für England ist die Verarbeitung der langen, festen und glänzenden, aber gröbern Wollen, von welchen es einen so großen Reichtum besitzt. Den eigentlichen Sitz der engl. Kammwollspinnerei und Kammwollweberei bildet die Grafschaft Nork, und in dieser sind namentlich die Städte Bradford und Halifax von Bedeutung.