FeedKaryatiden
BaukunstBrockhaus 1882

Karyatiden nennt man nach dem Vorgange des Vitruvius langbekleidete Frauen⸗ oder Mädchengestalten in ganz ruhiger Stellung, welche in der antiken Architektur bisweilen anstatt der Säulen oder Pfeiler zum Tragen des Gebälks verwendet werden. Der Name stammt ohne Zweifel von der Stadt Karyä im nördl. Lakonien; allein die von Vitruv zur Erklärung desselben gegebene Erzählung von einer Eroberung dieser Stadt durch die vereinigten Griechen nach der Beendigung der Perserkriege, wobei die in ihrem vollen Putz in die Gefangenschaft abgeführten Frauen den Architekten das Motiv zu dieser Darstellungsweise gegeben hätten, ist entschieden unrichtig. Eher kann man die Bezeichnung mit den von lacedämonischen Jungfrauen zu Ehren der Artemis in Karyä gefeierten festlichen Aufzügen und Tänzen in Verbindung bringen. (Vgl. Preller, Ausgewählte Aufsätze aus dem Gebiete der klassischen Altertumswissenschafto, herausg. von Köhler, Berl. 1864.) Das schönste Beispiel von K. bietet die sog. Korenhalle an der Südseite des Erechtheion (auf der athenischen Akropolis) dar, deren Gebälk von sechs lebensgroßen Statuen langbekleideter athenischer Jungfrauen mit Körben auf dem Haupte (als Kanephoren, wie sie im Festzuge an den Panathenäen einhergingen) getragen wird. Auch nackte Männer7 Atlanten oder Telamone genannt (s. Atas), sind von den alten Architekten in ähnlicher Weise als Träger des Gebälks verwandt worden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 161Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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