FeedKrampf (spasmus)
HeilkundeBrockhaus 1882

Krampf (spasmus), im allgemeinen jede widernatürliche und ganz unwillkürlich erfolgende Muskelzusammenziehung, welche durch abnorme Erregung der betreffenden Bewegungsnerven zu Stande kommt. Nicht unter dem Einflusse des Willens stehende Bewegungen führt der Körper noch verschiedene aus; allein sie gehören entweder zu den gewöhnlichen Verrichtungen desselben (wie die Herzthätigkeit, das Atmen, die Darmbewegung), oder sie treten doch bei allen Menschen auf denselben Reiz ein (wie das Niesen, Husten). Man trennt daher diese aus normalen Funktionen entspringenden unwillkürlichen Bewegungen (als automatische und reflektorische) von den krampfhaften, den Krämpfen, zu welchen auch die Reflexbewegungen (s. d.) gerechnet werden, wenn sie auf einen sehr schwachen Reiz schon eintreten. Ein K. kann den ganzen Körper befallen und ist dann allgemein, oder nur einen Teil desselben und heißt dann partiell. In der Form können die Krämpfe verschieden sein. Sie önnen entweder den Muskel nur eine sehr kurze Zeit in Thätigkeit versetzen (ZBuckung), wobei diese Zuckungen aber schnell aufeinander folgen können (klonische Krämpfe, Konvulsionen), oder die Muskeln werden längere Zeit in Spannung versetzt stonische oder tetanische Krämpfe). Die leichteste Form des klonischen K. ist das Zittern, welches aus wenig ausgiebigen, in sehr kurzen Zwischenräumen aufeinander folgenden Kontraktionen einzelner Muskeln und Muskelgruppen besteht, wogegen die energischern Krampfbewegungen, welche lebhafte, in kurzen Pausen aufeinander folgende BewegungenlGrimassenschneiden, Schütteln des Kopfes und des Rumpfes, Schlagen der Glieder) bewirken, als Konvulsionen bezeichnet werden. Zu den allgemeinen Krämpfen gehören die Fallsucht oder Epilepsie (s. d.), die CEklampsie (s. d.), die Starrsucht (s. d.), der Starrkrampf (s. d.), der Veitstanz (s. d.). Auf besondere Körpergebiete beschränkt sind z. B. der Gesichtskrampf (s. d.), die Nickkrämpfe . d.), der Schreibekrampf (s. d.) u. a. Diese Krämpfe hängen sämtlich von Erkrankungen des Nervensystems ab, und zwar entweder nur einzelner Nerven (bei den partiellen Krämpfen), oder der Nervencentren (Gehirn und Rückenmark). Den idiopathischen Muskelkrämpfen, welche von einigen franz. Arzten angenommen wurden und welche dem Wortlaute nach Erkrankungen der Muskeln allein wären, liegt gleichwohl ein Leiden einzelner Nerven zu Grunde. Nur in seltenen Fällen lassen sich bestimmte Ursachen der Krämpfe nachweisen. Oft liegen ihnen anatomisch nachweisbare Entartungen der Nervensubstanz zu Grunde; in vielen Fällen aber haben die Untersuchungen, die allerdings der Natur der Sache nach sehr schwierig, keine Ursachen auffinden können. Bei der Fallsucht findet sich häufig eine Erweiterung der Haargefäße am verlängerten Marle, in diesem und in andern Fällen (Gesichtskrampf, Wundstarrkrampf) eine Quetschung der Nerven durch verengte Knochenkanäle, Narben oder eine Verletzung anderer Art (Berwundung von Nerven durch Knochensplitter). Ferner erzeugt plötzlicher Eintritt von Blutarmut (Verblutung) des Gehirns Krämpfe (Eklampsie), in andern Fällen Blutüberfüllung oder andere, einen Druck auf das Gehirn oder das Rückenmark ausübende Umstände (schwellbare Geschwülste, Verengerung der Knochenkanäle für ausführende Blutgefäße). Desgleichen bewirken gewisse giftige Substanzen (vor allem Strychnin) Nchal meist tonische oder tetanische Krämpfe. Auch allgemeine Ernährungsstörungen, Leiden besonderer, nicht nervöser Organe (Gebärmutter) können ihnen zu Grunde liegen, wie bei den hysterischen Krämpfen und beim Veitstanz. Die Eklampsie der Wöchnerinnen hängt in den meisten Fällen von einer durch Nierenentzündung bedingten Harnstoffvergiftung des Blutes ab; die der kleinen Kinder begleitet gewöhnlich andere Erkrankungen. Eklampsie.) Die sog. Zahnkrämpfe der Kinder haben oft nur eine Verdauungsstörung zur Ursache rmißt, sind unter C aufzusuchen. und verschwinden mit dieser. Bisweilen werden auch durch psychische Erregungen (Schreck, Angst Anblick eines Krampfanfalls) Krämpfe hervorgerufen. Auch die nicht unter dem Einflusse des Willens stehenden Muskeln (des Darms, der Harnblase u. a.) können in Krämpfe verfallen, die meist sehr schmerzhaft sind; so beruht der Stuhlzwang auf einem K. des After-⸗, der Harnzwang auf einem K. des Blasenschließmuskels. Bei der Mannigfaltigkeit der Ursachen der Krämpfe läßt sich eine Behandlung derselben im allgemeinen nicht angeben; jede Art derselben fordert ihre besondere Behandlung. Bei Krampfanfällen soll man den Kranken, falls er dabei das Bewußtsein verliert oder seiner sonst nicht mächtig ist, vor Beschädigung schützen, ihn weich betten und beengende Kleidungsstücke lösen. Reizende Substanzen (Senfteige, Riechmittel) können Hysterische wieder zu sich bringen; auch die krampfstillenden Mittel, wie Baldrian, Bibergeil, Moschus u. a. erweisen sich häufig nützlich. Betäubende und beruhigende Mittel, wie Einatmungen von Chloroform oder Ather, schwächen oft den Anfall ab oder mildern doch wenigstens das Schmerzhafte desselben. Bei partiellen Krämpfen einzelner Muskeln und Muskelgruppen leistet gewöhnlich die Anwendung des galvanischen Stroms vortreffliche Dienste. Wenn den Krämpfen Blutarmut oder eine andere Ernährungsstörung zu Grunde liegt, so müssen natürlich diese zunächst durch die geeigneten Mittel (kräftige Nahrung, frische Luft, lauwarme Bäder, Eisenpräparate u. dgl.) bekämpft werden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 568Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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