FeedKrupp (Alfred)
TechnikBrockhaus 1882

Krupp (Alfred), Besitzer des größten Gußstahlwerks der Erde, hochverdient um die deutsche Stahlindustrie, geb. 26. April 1812 zu Essen. Sein Vater Friedrich Krupp (geb. 1787) besaß in der Nähe von Essen (Altenessen) ein durch Wasser getriebenes kleines Hammerwerk und beschäftigte sich dort seit dem Jahre 1810 mit Versuchsarbeiten zur Auffindung eines guten Verfahrens zur Herstellung des Tiegelgußstahls und der Fabrikation desselben für einlaufende kleine Aufträge. Im J. 1816 errichtete derselbe bei Essen, im Centrum der heutigen Gußstahlfabrik, ein kleines Werk. Wenn auch das damalige Produkt zu manchen Zwecken ausgezeichnet befunden wurde, namentlich zu Stempeln für Münzen, Medaillen, Knöpfen u. dgl., so war doch der Verbrauch davon und deshalb die Thätigkeit der Fabrik gering, und als 8. Okt. 1826 Friedrich K. im Alter von 39 Jahren, nach Aufopferung eines ansehnlichen Vermögens und ursprünglich großer That- und Lebenskraft in seinen Hoffnungen getäuscht, starb, war die Fabrik kaum noch beschäftigt. Dies Schicksal war in den damaligen Verhältnissen begründet. Erst 25 Jahre später begann die Verwendung des Gußstahls für neu gefundene nützliche Verwertung in größerm Maßstabe. Gemäß Testament wurde (1826) die Fabrik von der Witwe, Therese K., geb. Wilhelmi, unter der Leitung des ältesten Sohnes, Alfred K., fortgeführt. In spätern Jahren war der jüngere Bruder, Hermann K., lange Zeit thätiger Mitarbeiter. Derselbe ging aber, vor der größern Entwickelung der Fabrik, in eine andere Industrie über. Am 24. Febr. 1848 wurde die Fabrik dem heutigen alleinigen Besitzer übertragen. Alfred K. hat die Firma Friedrich Krupp beibehalten zu Ehren seines Vaters, der, da demselben im Leben materieller Erfolg versagt war, doch als der ursprüngliche Gründer des Werks im Andenken anerkannt und gefeiert bleiben sollte. Auch nach Friedrich K.s Tode hatte die Fabrik noch lange mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nur mittelst finanzieller Unterstützung treuer Verwandten und Freunde gelang es, die Fabrik zu erhalten und, wenn auch langsam, eine wachsende Lebensfähigkeit zu erringen. Die erste große Weltausstellung in London (1851, woselbst die Fabrik unter anderm den größten Tie-Det M. hochpolierte harte Walzen und eine 6-Pfünder-⸗Mantelkanone mit Gußstahlrohr, kurz anderwärts nie Erreichtes präsentierte und dafür ausschließlich mit der Council Medal ausgezeichnet wurde, begründete den Weltruf des Etablissements. Von da an verdoppelte sich von Jahr zu Jahr eine lange Periode hindurch die Thätigkeit und die Ausdehnung der Werke. Die Beschickung einer frühern Ausstellung in Berlin (1844) hatte der Fabrit schon die goldene preußische Medaille gebracht. Zuvörderst nach der londoner Ausstellung nahm die Fabrikation von Eisenbahnmaterial aus Gußstahl den ersten Platz ein: Achsen, Federn und Bandagen. Letztere, geschützt durch Erfindungspatent zu Gunsten von Alfred K., veranlaßten den ersten namhaften Aufschwung der Fabrikthätigkeit. Aus solchem Betriebe konnten erst die Mittel geschöpft werden zur Errichtung der großen Werktätten und maschinellen Vorrichtungen, welche die Fabrikation von Geschützen von dann ab, in starker Progression wachsend, erforderte. Die Bestrebungen K.s, Feuerwaffen aus Gußstahl herzustellen, datieren aus den vierziger Jahren. Im J. 1847 fertigte und lieferte K. einen 3-Pfünder nach Berlin, der 1849 durch die königl. Artillerie-Prüfungskommission probiert worden ist und die Vortrefflichkeit des Materials ergab. Diese Kanone war, ebenso wie die zunächst später gefertigten Kanonen, ein glatter Vorderlader. Zur vollen Geltung kam der Gußstahl mit der Einführung der gezogenen Hinterladungsgeschütze. Von besonderer Bedeutung für diese Wlenuer war die Konstruktion des Kaschen Rundkeilverschlusses (1864), der bei allen später von der mißt, sind unter C aufzusuchen. Gußstahlfabrik gefertigten Kanonen angewendet worden ist und der seine Kriegsbrauchbarkeit in mehrern Feldzügen bewährt hat. Nach Abschluß der Verschlußkonstruktion ging K. an die weitere Ausbildung des Aufbaues der Rohre, der innern Seeleneinrichtung, der Lafettierung, der Munition. Die Rohre wurden entsprechend der verlangten Haltbarkeit aus mehrern Schichten aufgebaut. Die innere Einrichtung der Seele wurde auf Grundlage ausgedehnter Versuche von Jahr zu Jahr verbessert; die Ladungen wurden gesteigert, die Geschosse wurden in der Führung verbessert und dann in zweckmäßiger Weise verlängert und schwerer gemacht, Perkussions⸗ und Zeitzünder wurden konstruiert und durchprobiert. In Betreff der Lafetten wurden die vorhandenen Systeme verbessert, in vielen Teilen neu konstruiert. In dieser Weise entstand das Kruppsche Geschützsystem. Es kennzeichnet sich dasselbe durch folgende Eigentümlichkeiten: Die Rohre sind ganz aus Tiegelstahl hergestellt, haben große Länge (bis zu 35 Kaliber und mehr). Dieselben schießen3,5—6 Kaliber lange Geschosse mit roßen Ladungen und sehr guter Trefffähigkeit. Die Bedienung der Geschütze ist bequem, dabei sind die Lafetten möglichst einfach gehalten. Die Kruppschen Stahlpanzergranaten haben bei allen bisherigen Vergleichsversuchen den Sieg über Geschosse gleicher Art von andern Fabriken davongetragen. Sie durchschießen die Compound⸗ und Stahlplatten ebenso glatt, wie dies früher bei Schmiedeeisen der Fall war. Durch die Anwendung des Stahls auf die Zündergranaten und die Shrapnels ist die Wirkung dieser Geschosse ebenfalls ganz erheblich vergrößert worden. Entsprechend den Fortschritten der Gußstahlfabrikation einerseits und den gesteigerten Ansprüchen an Artilleriewirkung andererseits wuchsen die Geschütze von Jahr zu Jahr. Auf der londoner Ausstellung w1851 hatte K. neben einem Stahlguß von 2000 Eg Gewicht einen 6-Pfünder ausgestellt. Auf der pariser Ausstellung 1867 war K. durch eine 14zöllige Kanone von 50000 kg Gewicht und einen Guß von 40000 kg Gewicht vertreten. Im J. 1873 war in Wien ein Guß von 52500 kg Gewicht ausgestellt. Mehr noch wie aus vorstehenden Zahlen ist aus den Ladungsgewichten der Fortschritt der Kanonen ersichtlich. Dieselbe 24 em-Kanone, welche 1867 für 12—16 kg Ladung konstruiert wurde, schießt jetzt mit 50 kg Pulver. Während das schwerste Geschütz 1862 9000 kg wog, ist jetzt das Rohrgewicht bis auf 120000 kg bei der 35 Kaliber langen 40 em-Kanone gewachsen. Es schießt dieses Rohr Geschosse von 1050 Eg Gewicht mit 330 kg Pulver, wobei eine Anfangsgeschwindigkeit von wenigstens 530 m erreicht wird. K. hat bis jetzt (1885) über 200000 Kanonen geliefert, die sich auf 34 verschiedene Staaten verteilen. In dieser Zahl sind alle Kaliber und Rohrsorten vertreten: Gebirgs⸗, Feld⸗, Festungs⸗, Belagerungs⸗, Küsten- und Schiffskanonen, ferner Feld⸗, Festungs⸗ und Belagerungshaubitzen und Mörser. (Vgl. Geschütz.) Bis in die sechziger Jahre wurde auf der Gußstahlfabrikausschließlich Tiegelgußstahlerzeugt, dann kamen auch die neuern Stahlbereitungsverfahren von Bessemer und Siemens-Martin zur Einführung, welche eine billigere Massenproduktion ermöglichten, aber ein in Qualität dem Tiegelgußstahl nachstehendes Produkt ergeben. In Verbindung damit wurde die Fabrikation von Eisenbahnschienen aus Stahl Conversations-Lexikon. 13. Aufl. X. aufgenommen und die Fabrikation von Eisenbahnmaterial überhaupt bedeutend ausgedehnt. Die Artikel, welche die Gußstahlfabrik, abgesehen von den Geschützen, zur Zeit liefert, sind: Schienen, Achsen, Bandagen, Räder, Federn für die Eisenhahnen, Kessel⸗ und Schiffsbleche, Schiffswellen, besonders schwere Kurbelwellen, sowie sonstige große Schmiedestücke aus Stahl und Flußeisen für Schiffe und Maschinen, Walzen, Stahlgußstücke, Fagonstahl und anderes Stahlmaterial für die verschiedensten Gebrauchszwecke. Die Gesamtproduktion 1881 betrug 260000 t an Stahl und Eisen. Die Hauptspezialität der Gußstahlfabrik blieb aber auch nach Einführung der andern Stahlbereitungsverfahren die Herstellung des Tiegelgußstahls in großen Blöcken. Für Kanonen blieb derselbe nach wie vor ausschließlich in Anwendung; sämtliche Teile der Kanonen werden nur aus dem reirsten und zähesten Tiegelgußstahl gefertigt, weil nach Erfahrung der Fabrik alle andern Eisen-oder Stahlgattungen unzuverlässig und nicht geeignet sind, den großen Anstrengungen, welchen, namentlich im Kriegsfalle bei strengem Gebrauche, das Material der Geschütze unterworfen wird, zu widerstehen. Seit Mitte der sechziger Jahre haben die Kruppschen Werke dadurch noch bedeutenden Zuwachs erhalten, daß K., um sich den Bezug guten und gleichmäßigen Rohmaterials zu sichern und sich von andern Fabrikanten unabhängig zu machen, eigene Eisenstein- und Kohlengruben und eigene Hohofenwerke erwarb und anlegte, welche hinreichen, um den Bedarf der Gußstahlfabrik an Kohlen und Roheisen vollständig zu decken. Die jetzige Bewaffnung der deutschen, wie nicht minder der österreichisch-ungarischen, der italienischen und der russischen Feldartillerie hat eine Kruppsche Geschützkonstruktion als Grundlage, und ist die gesamte Ausrüstung der deutschen Feldartillerie, sowie der Schiffs- und Küstenartillerie mit Geschützrohren aus dem Etablissement K. hervorgegangen. In Europa hat K. außerdem namhafte Lieferungen an Geschützen für Rußland, Italien, Osterreich-Ungarn, Spanien, die Schweiz, Belgien, Holland, die Türkei gemacht. Nach einer Aufnahme vom Jahre 1881 waren auf der Gußstahlfabrik 11211, auf den Hütten und Bergwerken 8394, im ganzen 19605 Arbeiter beschäftigt, welche 45 776 Familienangehörige, darunter 13083 schulpflichtige Kinder hatten, alles zusammen 65381 Personen. Für das Wohl der Arbeiter und ihrer Familien ist namentlich durch eigene Wohnungen, durch die Einrichtung von Konsumanstalten, Menagen, Krankenhäusern, so- wie durch Kranken⸗ und Pensionskassen gesorgt. Zur Gußstahlfabrik selbst gehören über 3200 Familienwohnungen. Die Konsumanstalten liefern den Arbeitern sämtliche zum Lebensunterhalt erforderlichen Waren in guter Qualität und zu nd Pünteve sen. Dieselben haben eigene Mühle und Bäckerei, Schlächterei, Schneider⸗ und Schuhmacherwerkstätten u. s. w., und zahlreiche Verkaufsstellen. Die Verwaltung der Kruppschen Werke wird durch ein von dem Eigentümer eingesetztes Kollegium von teils technisch und kaufmännisch, teils juristisch gebildeten Mitgliedern (Procuray genannt) geführt, welches die Interessen der Firma nach allen Richtungen zu vertreten hat, und welchem der einzige Sohn von Alfred K., Friedrich Alfred K., als thätiges Mitglied angehört.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 640Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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