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Sagen & MythenAfrika Hand-Lexikon 1885

Nil (lat. Nilus, gr. Neilos, wahrscheinlich. von dem indischen Nilas, der Schwarze, wegen seines schwarzen, schlammigen Wassers, im Alten Testament der Fluss schlechthin genannt), Fluss im Nordosten Afrika’s und der Strom Ägyptens, welchen schon Homer unter dem Namen Ägyptos: kennt. Von den Alten liessen ihn einige, welche ihn mit dem Niger verwechselten, im fernen Westen Afrika’s entstehen, während andere schon die richtige Ansicht von einem westlichen und östlichen Quellenfluss hegten, deren Ursprung jedoch unbekannt blieb, bis eine unter Nero zur Entdeckung der Nilquellen unternommene Expedition wenigstens die östlichen Quellen aufgefunden zuhaben scheint. Nach Vereinigung beider durchfloss der N., zahlreiche Krümmungen bildend, in nördlicher Richtung Äthiopien, nahm hier den Astapos und Astaboras auf, welche Mero& umgaben, bildete dann den grossen und bei seinem Eintritt in Ägypten südlich von Syene einen kleinen Katarakt und durchströmte von da in einer Breite von bisweilen 10 Stadien Agypten, bis er sich 15 Meilen oberhalb seiner Mündung, bei Kerkasoron, in zwei Hauptarme teilte und so das sogen. Nildelta bildete. Diese beiden Hauptarme schieden sich -wieder in mehrere Nebenarme, und man zählte von Osten nach Westen folgende sieben Mündungen: Pelusische, Tanitische, Mendesische, Phatnitische, Sebennytische, Bolbitische und die Kanobische oder Herakleotische, auch Naukratische genannt, von welchen die Alten die beiden äussersten, die Pelusische und Kanobische, als Hauptmündungen ansahen. Durch die Mündungen des Nils waren mehrere bedeutende Seeen gebildet, wie der See von Tanis, von Butos, der Mareotis, sowie der See des Möris. Durch mehrere Kanäle war er mit der See verbunden, so führte der Ptolemais oder Trajanskanal bei dem jetzigen Kairo aus dem N. in das Rote Meer und der Kanobische Kanal von der Stadt Kanobos nach Alexandrien und in die Mareotis. Der N. war von den Katarakten bis zu seiner Mündung schiffbar;, er war reich an Fischen, Krokodilen, Schilf und Papyros; von seinen jährlichen Überschwemmungen, bes. vom August bis Oktober, welche schon die Alten von den in Äthiopien häufigen Regendurch den angeschwemmten Schlamm zu einem der fruchtbarsten Länder machten, hiess Ägypten auch das Geschenk des Nils. Nilmesser (s. d.) gab es in Memphis, Syene und anderwärts. Der N. wurde von den Ägyptern für heilig gehalten, und nach Plutarch verehrten ihn die Ägypter als einen der grössten Götter, als den Vater und Erhalter ihres anaee, und nach Diodor leiteten sie alle anderen Götter von ihm ab. Um das: jährliche Solstitium feierten sie ihm das Fest Niloa, zur Zeit, wo sein Aufschwellen beginnt. Man opferte ihm schwarze Stiere, streute Lotosblumen auf das Wasser, fuhr in Kähnen, gab Gastmähler etc. In Nilopolis war sein Tempel. Die neue Geographie hat festgestellt, dass der Nil der bedeutendste Fluss Afrika’s ist; seine Quellflüsse konnten erst näher erforscht werden, seitdem Mehemet Alis Herrschaft sich weiter nach Süden festsetzte. Er entsteht nach den hierbei gewonnenen Erfahrungen aus zwei Flüssen: a) Bahr el Azrek (Blauer Fluss), auch der östliche N. genannt, entspringt unter der Benennung Abai aus einem Sumpfe in der abessinischen Landschaft Maitscha, in etwa 8500 Fuss Erhebung über dem Meeresspiegel und führt den Namen des Blauen Nils nach der Farbe seines Wassers. Zuerst strömt er nördlich und nordwestlich dem Tsanasee zu, bildet mehrere Wasserfälle, durchströmt den See mit grosser Heftigkeit und nimmt nun zunächst eine südöstliche Richtung an, worauf er ganz in dem Charakter der meisten grösseren Flüsse dieser Gegenden eine ungeheure Spirale bildet, indem er sich zuerst nach Süden, dann nach Westen und zuletzt nördlich so wendet, dass er nach einem Laufe von 20 Tagereisen sich seiner Quelle wieder bis auf eine Tagelänge genähert hat. Den Charakter eines Bergstromes, oft über Felsen hinabstürzend, behält der Fluss, bis er von dem nordwestlichsten Rande des abessinischen Plateaus in das niedere Bergland Fazokl und dann in die nubischen Niederungen eintritt, wo er sich bei Khartum mit dem viel wasserreicheren Weissen N. vereinigt. An Nebenflüssen gehen dem Blauen N., ausser zahlreichen kleineren, der Beto und Tumat links und in Habesch rechts der Dender und die Schimfa zu. Von den neueren Reisen am Blauen Nil sind vornehmlich diejenigen Ernst Marno’s (1869 u. 1870) und Sam. White Baker’s (1869) zu nennen (s. unten). b) Der Bahr el Abiad (Weisser Fluss) oder westliche N., wurde 1827 durch Linant entdeckt und zuerst seit 1871 durch den Kaufmann Brun Rollet mehrmals befahren. Russegger drang bloss bis 10° n. Br., und Anton d Abbadie (1844) glaubte zwar die Quelle im Lande der Gmura (Gamoru, Gamru) am Berge Bochi gefunden zu haben, allein mit Unrecht; er hielt wahrscheinlich den Zobat für den N. Die zweite von Mehemed Ali ausgesendete, von Abbadie und d’Arnaud geleitete Expedition kam bis 4% 42‘ nördl. Br. im Lande der Baryneger, wo eine den Fluss quer durchsetzende Schwelle von Gneiss dieselben zum Umkehren nötigte. Knoblecher, von dem Öösterreichischen Konsul Hansal und dem Kaufmann Binder gefördert, überwand auf seiner Reise (1849 u. 1850) diese Katarakte und drang bis zum Dorfund Berge Logwek, unter 4 10’ n. Br. Angelo Vinco drang 1850 bis über Gondokoro.hinaus, Malzac und Vayssiere zu den Nuer, Petherick 1853 bis 54 zu den Djur, 1857—58 sogar bis zu den Niam-Niam;-Debono 1855 auf dem Sobatfluss, einem von Süden kommenden rechten Nebenflusse des Weissen Nils, Brun Rollet 1856, Bulognesi 1856 bis 1857, die Brüder Poncet am Bahr el Ghasal, später am obern Bahr el Abiad, Lafargue 1857, Hansal, Beltrame, Knoblecher bis Gondokoro; Peghour, Bertrand 1859 am Weissen, Antinori, der italienische Ornitholog, 1859 am Blauen Nil und 1860 mit Lejean nach Kordofan und mit Piaggia zu den Djur, von wo der letztere noch weit nach Südwest vordrang; Harnier und Wilke 1860 —61, Morlang 1859— 60 und Peney 1860 nach Gondokoro und letztere von da zum Teil mit Debono bis zu den Grenzen der Niam-Niam. Or forschte 1860—66 am Blauen und Weissen Nil und dann westlich durch Dar Fur bis an die Grenze Wadais, Poncet nach Dar Fertit, Lejean am Bahr el Ghasalund See No, Frau Tinn und ihre Tochter Alexine 1862—63, zuletzt begleitet von Heuglin und Steudner, am Weissen Nil, Sobat und Bahr el Ghasal bis zum See Rek. Petherick, früher britischer Konsul und in Chartum, ging im Auftrage der aus Sa« Geographischen Gesellschaft zu Lon- sich in don 1362 westlich vom Weissen Fluss schloss aufwärts Speke und Grant entgegen, und M kam aber erst fünf Tage nach diesen Abessiı in Gondokoro an. Heugli: Die mit bedeutenden Mitteln aus- und $ı gerüstete Expedition Theodor v.Heug- erst im lins, an welcher auch Steudner aus wo die Schlesien, Theodor Kinzelbach aus gangen« Stuttgart, Ludw. Hansal aus Mähren bereits hatten, gegen Wadai vorzudringen. Zweck Da ein direktes Vordringen nach blieben, diesem Land unmöglich war, wen- Expedit: deten sich die Erstgenannten zugleich reiche A mit der 'Tinne schen Expedition nil- Materıal aufwärts über die Station am Rek der von gegen Westen hinaus. Nachdem das geliefer! mörderische Klima hier Steudner, die Geog Schubert, Frau Tinne und mehrere gewonn« ihrer Begleiterinnen hinweggerafft, Die : kehrten die übrigen Ende 1863 nach Missions Europa zurück. War der eigentliche ligenkre chsen teilnahmen, und welcher ı Keren Werner Munzinger an- , ging 1861 über Alexandrien lassaua bis an die Nordgrenze niens, wo sie sich trennte; n durchstreifte mit Steudner chubert Abessinien und kam ı Juli 1862 nach Chartum, von auf geradem Weg vorausgeen Munzinger und Kinzelbach vergebliche Versuche gemacht der Expedition unerreicht ge- ‚, so haben doch die zu dieser ion vereinigten Kräfte eine so \usbeute an wissenschaftlichem l über die durchforschten Länn Roten Meer bis zum Djur t, dass eine sichere Basis für graphie des mittlern Nilgebiets en war (Embacher). am obern Nil eingerichteten sstationen (Chartum 1848, Heieuz 1843) litten sehr teils durch die Sklavenhändler, welche den Missionären ihre Arbeit gern erschwerten, teils durch die ungewöhnlich grosse Sterblichkeit unter den Missionären. 1863 wurde Heiligenkreuz und bald darauf auch die Station Gondokoro aufgegeben. Im Gebiet des Bahr el Azrek und Bahr el Abiad forschte 1863—64 auch Pruyssenaere. Samuel W. Baker, von der Geographischen Gesellschaft in London mit der Unterstützung der beiden vorigen beauftragt, verfolgte Speke’s Entdeckungen weiter und gelangte, 13. April:1863 von Gondokoro aufbrechend, durch das Königreich Unioro an den Luta Nzige (Albert Nyanza), das zweite grosse Sammelbassin der Nilwässer, dessen nordöstlichste Seite er befuhr; er kehrte 5. Mai 1865 glücklich nach Chartum zurück. ‘Von grossen Hofinungen geleitet, brach 1866 der Bretone Le Saint nach den Nilseeen auf, erlag aber schon 27. Jan. 1867 zu 'Abukuka am, Weissen Nil dem Fieber. ‘ Ein italienischer Handwerker, Carlo Piaggia, war im Südwesten des Weissen Nils weiter als jeder Europäer abenteuernd vorgedrungen. Er brachte 1868 die Nachricht zurück, dass westlich von Bakers Luta Nzige noch ein dritter grosser Nilsee liegen solle, eine Nachricht; die jedoch bald durch die epochemachende Reise des Deutschen Georg Schweinfurth in das Reich der Fabeln verwiesen werden musste. Dieser kühne und unternehmende, wissenschaftlich hochgebildete Botaniker hatte, in Kotschy’s Fusstapfen tretend, die Erforschung der Nilflora sich zur Lebensaufgabe gestellt. Bereits 1864 hatte er die Landschaften am Roten Meer besucht, dann 1865 ff. die Nubische Wüste zwischen Suakim und Chartum durchreist. Er brach 1868 zum zweitenmal nach Ägypten auf, schloss sich Elfenbeinhändlern an und erforschte, wie vor ihm kein anderer, die Landschaften der Djur, Dor und menschenfressenden Niam-Niam und Monbuttu. Am Blauen Nil weit aufwärts drang 1869 und 1870 der Wiener Ernst Marno vor. Von Fazogl aus wandte er sich auf vor ihm von keinem Weissen betretenen Pfaden nach Süden, durchzog zuerst das Dar Bertat und kam bis Fadasi (9% n. Br.) Später erforschte er den Bahr el Seraf, einen der Nebenarme des Weissen Nils. Trotz aller dieser Forschungen blieb noch vieles in der Hydrographie des Nils unklar, namentlich: waren die Zuflüsse der Seeen, also die Urquellen des Nils, noch nicht erforscht. Diese Probleme’ zu lösen und zugleich dem abscheulichen Sklavenhandel am Weissen Nil ein Ende zu bereiten, brach 1869 Samuel White Baker, der zum Pascha ernannt worden war, mit einem ägyptischen Truppenkorps und begleitet von Ingenieuren nach dem Luta Nzige auf. Er gelangte unter heftigen Kämpfen bis in die 1863 von ihm besuchten Gegenden, die er für Ägypten eroberte, und brachte 1873 die überraschende, jedoch nur auf Aussagen der Eingeborenen beruhende und zweifelhafte Kunde mit, dass der Luta Nzige und der Tanganjika-See zusammen ein einziges ungeheures Wasserbeeken bildeten. Nach den Erzählungen von Eingeborenen‘ entsprang ‘der N. unter dem Namen Tubiri auf dem Mondgebirge; nach anderen entfloss er unter dem Namen Kapada oder Iles, später Ke-ilah genannt, dem See Njanza (Ukerewe). Diese Ansicht wurde von Beke wissenschaftlich begründet und durch die Reisen des Kapitän Speke (s. d.) erwiesen. Etwa unter 40 nördl. Br., im Berglande der Bary, bildet der Fluss zahlreiche Stromschnellen und Wasserfälle. In seinem übrigen Laufe bis Khartum durchströmt der Fluss unermessliche, mit Urwäldern bedeckte Ebenen, erweitert sich teils oft zu flachen, schlammigen er zahllose Inseln. Seine Tiefe beträgt zwischen 4% u. 9% nördl. Br. 15—18 Fuss und an der nubischen Grenze sogar 33 Fuss. Von Khartum abwärts nimmt der N. nur noch den aus Habesch kommenden Atbara (od. Takazze, im Altertume Astaboras) auf; auf dem ganzen ferneren Laufe durch Nubien und Ägypten (noch 14 Breitengrade hindurch) geht dem Strome kein Gewässer mehr zu. Im unteren Nubien sowohl, als in Oberägypten, bildet er zahlreiche Katarakte und Stromschnellen, von denen die bei Dschenadel und Assuan die bedeutendsten sind; ausserdem bildet er eine Menge Inseln, zwischen welchen sich reissende Stellen befinden. Die Richtung, welche der N.von Khartum an verfolgt, ist fast rein nördlich, nur mit Unterbrechung zweier grossen Krümmungen, welche er zur Umgehung der Bahudia- und der Koroskowüste macht. Drei Meilen unterhalb Kairo, wo die letzten Ausläufer der arabischen und der libyschen Gebirgskette weiter auseinander laufen, erhält der Strom, der bis dahin. ungeteilt war und hier eine Breite von !/; Meile hat, die Möglichkeit, sich in mehrere Arme zu spalten. Von denselben sind aber nur zwei, nämlich die an der von den Arabern Batn el Bakara genannten Stelle beginnenden von Rosette und Damiette, welche einst künstlich gegrabeneKanäle waren, noch von Bedeutung, während die übrigen im Laufe der Zeit mehr oder weniger, besonders an der Mündung, durch Versandung unpraktikabel wurden; aber auch der Arm von Damiette versandet immer mehr. Zwischen beiden Hauptarmen liest das berühmte Deltaland, welches durch eine Unzahl grösserer oder kleinerer Verbindungskanäle der Nilarme durchzogen wird. Die namhaftesten Kanäle, teils zur Bewässerung, teils zur Schiffahrt angelegt, sind: der Josephs-Kanal (von Faschut abwärts), der von Damanhour, von Ramanieh und vor allen der Mahmudie-Kanal, welcher 1819 von Mehemed-Ali begonnen und in der neuesten Zeit durch grosse Bauten verbessert worden ist. Abgesehen von der Schiffbarkeit des Nils, welehe, mit Hilfe der eben angedeuteten Kanalbauten, wenigstens in Unter- und Mittelägypten vollkommen gut ist und regelmässig auch von Dampfern ausgeführt wird, verdient derselbe schon durch die Bewässerung des Nilthales, soweit sie möglich ist, als belebendes Prinzip des ganzen Landes bezeichnet zu werden; diese Bewässerung ist abhängige von dem Anschwellen des Stromes. Bei Assuan beginnt das Steigen des Wassers im Juni, bei Kairo Anfang Juli; in der zweiten Hälfte des September erreicht der Fluss seine höchste Höhe. Die Abnahme erfolgt langsamer, so dass der niedrigste Wasserstand erst im Mai wieder eintritt. Von der Höhe des Hochwassers und ‚der dadurch bewirkten Überschwemmungen hängt das Gedeihen oder der Mangel Ägyptens ab. Bleibt dieselbe unter 20 Fuss oder steigt sie über 24 Fuss, so wird die Ernte schlecht, doch variiert der Nilstand in Ägypten nach der verschiedenen Erhebung des Terrains; bei Assuan steigt der Strom bis 36 Fuss, bei Rosette nur 3—4 Fuss. Da der Wohlstand des ganzen Landes so eng mit dem Steigen des Nils im Zusammenhang steht, so wird dasselbe auch von der Regierung auf das genaueste überwacht, und der Moment, in welchen behufs der Bewässerung die Dämme:- der Kanäle durchstochen werden, ist ein grosses Fest. Wo das Terrain so hoch über dem Flussspiegel liest, dass es nicht überschwemmt werden kann, sind hydraulische Werke angelegt, um das Wasser in die Höhe zu schöpfen, und zwar wird durch diese Werke das kulturfähige Land Ägyptens um ein volles Drittel erhöht. Über die neuesten Forschungsreisen am Nil sind die den Reisenden Schweinfurth, Junker, Potagos, Schuver gewidmeten Artikel nachzusehen.

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 3, S. 991Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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