
Agypten (von den Hebräern „Misraım“, s. v. w. zwei Bänke, scheinlich die zwei Dondareh Ober- und Unterägypten gemeint, von den Kopten ‚„Chemi“, s. v. w. „schwarzerdiges Land‘, von den alten Griechen „Aigyptos“, von den Türken, hieraus verstümmelt, “Gipt*, genamnt); Land und Reich in Afrika, dessen nordöstliche Ecke bildend. I. Das eigentliche Ä. oder das „Ägypten des Altertums‘“ ist nu es schmale Thal, in welchem der Nilstrom entlang eilt, von den ersten Katarakten bei Assuan (240 5'25" nördl. Br.) an bis zum Mittelmeer, bezw. zum Mündungsdelta des Nils (311/59). Dies Thal hat eine gerade Länge von 830 km, nach dem viel fach gekrümmten Laufe des Stromes gemessen von 1415 km; es ist aul allen Seiten von Wüste umgeben: im Osten bis ans Ufer des Roten Meeres von den steinigen Einöden des bis zu 1400 und 2000 m ansteigen den Arabischen Gebirges (der Wasserscheide zwischen dem Nil und dem Roten Meere), im Nordosten von den kahlen Ebenen der Landenge von Suez, im Westen von dem bei Kairo sich teilenden und bald in den sandigen Flächen der Sahara sich verlierenden Libyschen Gebirge. Die Länge des Deltas, von der Gabelung des Stromes an bis zur Küste, beträgt in gerader Linie 150 km, dem Lauf des Stromes folgend 220 km; dessen grösste Breite (von Alexandrien bis Port-Said) 275 km. Innerhalb dieser Grenzen gemessen, umfasst die Oberfläche A.s einen Raum von 33000 qkm, die sich in ziemlich gleichen Hälften zwischen die Landstrecke von Assuan und Kairo und das Delta verteilen; bebaubar sind von diesem Raume (nach französischen Berechnungen) mindestens ca. 2—3 Millionen Hektar, wovon dieHälfteetwabebaut sein mac. — Zu diesem Raume treten noch die westlichen Oasen hinzu, welche in einer langen Kette die Libysche Wüste durchziehen: von der grossen Oase am Platze des alten Theben bis zu den Oasen Siwah und Santarieh, den nordwestlichsten Ausläufern der Kette. Bewässerung. Ä.seinziger Fluss ist der Nil, welcher zwischen den Inseln Elephantine und Philae mit gewaltigen Stromschnellen und unter Bildung von vielen Armen ins Land tritt (vergl. den Art. Nil). — Kanäle desselben sind: der Mahmudieh-Kanal bei Alexandrien, der in seinem 890 km langen Laufe dem Fusse der Libyschen Bergkette bis unterhalb Kairos folgende Josephskanal mit den Abzweigungen: Ibrahimkanal (von Derut nach Siut) und Sohagiyekanal (von Siut nach Sohag). — An Seeen besitzt A. den salzigen Birketel-Kerun (26000 ha) am Westrande von Fayum, die Natronseeen (6000 ha) im Südosten von Alexandria, die Bitterseeen (30 000 ha) auf der Landenge von Suez. Hierzu treten die Lagunen an der Mittelmeerküste: Birket Mariut, Abukir-See (Maadieh), Edku, Mensaleh, Burlos. Klima. Im allgemein gemässigt subtropischh nämlich warm und trocken, besonders in Oberägypten; Mittelägypten ist weniger warm und beständig, Unterägypten nur mässig warm und ziemlich feucht. Der Himmel ist das ganze Jahr hindurch wunderbar hell und klar; niemals bedeckt ihn Gewölk. Dieser beständigen Reinheit ünd äussersten Trockenheit der Luft verdankt Ägypten die lange Erhaltung so vieler seiner Bauten und Denkmäler durch Jahrtausende hindurch. Niederschläge sind beinahe unbekannt, ausgenommen die Striche an der Meeresküste; das gleiche ist der Fall mit oma, und von Nachtfrösten redet man wie von den seltensten Ereignissen. Die Winde sind vorwiegend Nordwinde; sie dauern vom Mai zum September und vom November zum Februar. Die köstlichste Jahreszeitherrschtwährend der Wintermonate. Im Frühjahr, zum (Glück nur innerhalb eines Zeitraums von fünfzig Tagen, fegen heisse Südwinde aus den nubischen Wüsten über Ägypten, El Chamsin von den Äeyptern, Samum von den Nubiern genannt; sie verringern den Feuchtigkeitsgrad der Atmosphäre auf ein Minimum, erhöhen dagegen die Temperatur derselben auf 32—42° R. Tierwelt. Von wilden Tieren besitzt Ä. die gestreifte Hyäne, eine luchsähnliche Wildkatze, die Steppenkatze, den Rotluchs (Karakal), den Wolfshund, Fuchs und den Fenok (Canis Zerda); verschiedene Antilopen-Arten, Steinbock und Bergschaf beleben die Wüstenthäler und Wüstenberge, Ichneumon, Bandiltis, Wiesel, Igel, Spitzmäuse "und Ratten bauen am Ufer des Stromes und der Kanäle. Haustiere sind: Rind, Büffel, Schaf und Ziege; das Dromedar wird gezüchtet; Esel und Pferde sind in brauchbaren Rassen vertreten (vol. Afrika, S. 82). Vögel sind überaus zahlreich vorhanden: mehrere Adler- und Falkenarten, der weissbunte Aass- und eine Art Lämmergeier (Gypa&tos barbatus) durchstreifen die Thäler; der grosse Umberrabe, der Schmarotzermilan, die Zwergeule, Lach- u. Ringeltaube, Kibitz, Eisvogel und Strausskuckuck, Reiher, Kraniche, Flamingos, Seeschwalben, Pelikane und Gänse bevölkern das Land. Während der Ibis (der heilige Vogel. des alten Äoyptens) jetzt aus dem Nilthale verschwundenist,trippeltderKrokodilwächter (Charadrius aegyptiacus) noch immer an den Ufern des Nilstroms umher. Zu diesem zahlreichen Flügelvolk stösst im Herbst noch ein grosser Teil der europäischen Zugvögel. — Von Schlangen hat Ä, die Kleopatraschlange, die Hornviper und die Sandviper; gleich dem Ibis ist auch das Krokodil südwärts gedrängt; zahlreiche grosse Eidechsen (Panzereidechsen), Skinke, Geckonen, Agamen beleben die felsigen Wüstenstriche, deren Grenzen streckenweise von Ameisenbauten wimmeln. In der Pflanzenwelt Ägyptens sind, neben südeuropäischen u. westasiatischen, reinafrikanische Formen zahlreich vertreten: die Nilakazie, der Oschur- und der Heglig-Strauch, die Tamariske und Sykomorfeige, die Dompalme, der Ölbaum in den Oasen und zahlreiche Krautpflanzen in den rus Papyrus) ist jetzt auf Aequatorial- und Südafrika beschränkt. — Grossartig ist in Ägypten der Ackerbau, seit alters der eigentliche Reichtum des Landes. Der Winterbau beginnt unmittelbar nach dem Zurücktreten der Überschwemmung auf dem noch ganz durchfeuchteten Boden; der Sommerbau währt vom Frühjahr bis zum Herbst; im Spätherbst endlich noch .der kürzere Spätsommerbau; Säen und Mähen folgt ohne Unterlass aufeinander und auf dem ganzen Erdball giebt es keinen besser bebauten und besser bebaubaren Boden, als ihn das ägyptische Nilthal besitzt. Hauptgegenstände des Ackerbaues sind: Weizen (1877/78 5,5 Mill. hl.), Gerste (3,9 Mill. hl), Mais (4,8 Mill.hl), Durrah, Reis, Baumwolle (187879: 260—280 Mill. engl, Pfd.), und Zuckerrohr (1877/78: 900000 Zollzentner). Der Ertrag des Tabaksbaues wird auf 260000 Mk. im Jahresdurebschnitt berechnet, die Ausfuhr der Dattelfrucht auf 100 Mill. Franken. Dochn, Klee, Saubohnen, Lubia, Erbsen, Linsen, Hanf, Flachs, Krapp, Saflor, Sesam " werden ebenfalls gebaut; von Gemüsen sind Zwiebeln, Schnitt- und Knoblauch, Hülsenfrüchte, Möhren, Kohl, Salatpflanzen, Portulak, Rettich, Endivie, Gurken, von Obstfrüchten Eierpflaumen, Wassermelonen, Liebesäpfel ete. vorhanden. An Mineralien ist Ä. nicht reich, Die Edelmetalle, an denen das Ä. des Altertums keinen Mangel lıtt, scheinen erschöpft zu sein; dagegen sind die Granite und Syenite noch unerschöpft und die Uferwände des Nils liefern noch immer den Kalk- und Sandstein, das feste Baumaterial der Alten. Am Roten Meer wird Schwefel, auch Petroleum, imnördlichen Ägypten viel Natron, auf verrottendem Nil schlamm Salpeter, in den Oasen von Chargeh und Dachel Alaun ge wonnen. Die Bevölkerung des eigentlichen Ä.s ist buntgemischt. Sie gliedert sich in die beiden Haupt-Gruppen: a) die dem alten Pharaonenvolk entstammende eingeborene Bevölkerung: 1) Die Fellachen oder Fellahin; 2) die Kopten; 3) die Beduinen (Hs dendoa, Bischarin und Ababdeh); b) die fremden Einwanderer: 4) die arab* schen Städtebewohner; 5) die Berberiner; 6) die Neger (meist als Sklavenin das Land gekommen; 7) die Türken (kaum 100000); 8) die Levantiner (syrische Christen, Armenier, Juden ete.); 9) die Europäer (ebenfalls ca. 100 000, von denen etwa50P Griechen, 25%, Italiener, 12%0 Franzosen, 8% Engländer, 4%, Österreicher und 10‘, Deutsche). Insgesamt soll die Bevölkerung des eigentlichen Ä. jetzt 51, Millionen Einwohner zählen. Wegen näherer Unterweisung vergleiche man die Einzelartikel: Fellach, Beduine, Ababdeh ete. Geographische u. administrative Einteilung. Die geographische Einteilung in Ober- u. Unterägypten ist durch die Natur selbst so deutlich gezogen, dass sie den Bewohnern des Landes seit alters gang und gäbe gewesen sein muss. Sie findet sich denn auch in den Inschriften aus der ypharaonischen, wie aus den Schriftwerken der ptolemäischen Zeit. Die Kopten kennen auch heute noch keine andere Teilung als: Sahut (Unter- oder Nord-Ä.) und Mares (Ober- oder Süd-Ä.). Die Araber dagegen haben eine Dreiteilung angenommen: Es-Said (Ober-Ä.), Ed-Dustani (Mittel-Ä.). und Masr-el-Baheirieh (das Küstenland oder Unter-Ä.). — Unter dem Vizekönigtum Mehemet-Ali’s bildete Ä. 16, jetzt nur noch 13 Provinzen (Mudiriehs). Dieselben sind: 1) Unterägypten (7): Bahireh, Giseh, Kaliubieh, Charkiöh, Menuliöh, Garbieh und Dakalieh; — 2) Mittelägypten (2): Beni-Suef und Fayum, und Miniöh und Beni-Mazar; — 3) Oberägypten (4); Siut oder Assiut, Girgeh, Keneh: Kosseir und Esneh (man sehe hierüber die einzelnen Artikel). Hierzu treten noch die von 10 grossen Städten gebildeten 10 eigenen Provinzen (Mohafsäs): Kairo, die Landeshauptstadt (849880 Einw., davon 19000 Fremde); Barrage (3000 Einw.), Alexandrien (212030 Einw., davon (8670 Einw. mit 4200 Fremden), Ismailia (3060 Einw.), Suez (13500 Einw., davon 2400 Fremde), Kosseir (1870 Einw.) und El-Araisch (2280 Einw.). Die Landenge von Suez zerfällt in 3 Gouvernements: Port-Said, Ismailia und Suez. — Diese Provinzen Ä.s zerfallen in 67 Distrikte mit 113 Städten und 4379 kleineren Ortschaften. Der Handel steht in A.- seit alters in hoher Blüte. Doch hat er in neuerer Zeit seine‘ Weltstellung im wesentlichen erst durch die Eröffnung des Suezkanals (s. d.) gewonnen. Seitdem nimmt der Handel zwischen Europa und Indien seinen Weg über diese Strasse, und zwar über Alexandrien und Port Said von Europa aus, über Suez von Indien aus (1880: 8748 Schiffe mit 3 255 674 Ton., davon 3579 ägypt. mit 296 259 Ton.). 1883 wertete die Einfuhr (einschliesslich des über Kosseir, Suakin u. Massaua stattfindenden Binnenhandels mit Arabien und dem Sudan) ziemlich 733 Mill. Piaster; derselben stand eine Ausfuhr von ziemlich 1218 Mill. Piaster gegenüber. Zur Ausfuhr kommt in erster Reihe Baumwolle und Baumwollsamen, dann die reichen Produkte des Ackerbaues, auch arabischer Kaffee, Elfenbein, Gummi, Datteln ete. Einfuhrartikel (hauptsächlich aus England [%/, |, in zweiter Stelle aus Frankreich und Österreich, dann aus Russland, Türkei, Italien und Deutschland) sind: europäische Industrieerzeugnisse, Kramwaren, Wein und Spirituosen, Tabak, Kohlen etc. Landesmünze ist der Piaster (500 —= 1 Beutel = 100M.). — Eisenbahnen, hauptsächlich über das Nildelta ausgebreitet, standen (1883) 15185 kın in Betrieb, Telesraphenlinien (1882) 8645 km (der Ausläufer über Chartum nach Darfur und dem Sudanist durch die Mahditen zerstört). — Dampferlinien (zwischen Ägypten. Europa, Asien und Australien): „Peninsular and Oriental Steam Navigation Company“ (wöchentlich einmal von Venedig und Brindisi nach Alexandrien), „ Messageriesmaritimes (wöchentlich einmal von Marseille über NeapelnachAlexandrien),„Österr.- ungar.-Lloyd“ (wöchentlich einmal von Triest über Korfu nach Alexandrien, mit regelmässigen Fahrten nach Athen, Salonichi, Smyrna, Konstantinopel und den Hafenplätzen der syrisch-palästinaischen Küste); Gesellschaft „Chedivieh * (monatlich einmal die Hafenplätze des Roten Meeres anlaufend) etc. In den Gebietsverhältnissen Ä.s hat sich seit 1882 durch den Aufstand des Mahdi Mohammed Achmed eine Veränderung vollzogen, indem der durch die Eroberungspolitik der ägyptischen Vizekönige gewonnene Sudan durch denselben Ä. wieder verloren gegangen ist, und auch durch die Anstrengungen der englischen Regierung bisher nicht wieder unter ägyptische Botmässigkeit gebracht werden konnte, Vor den Erfolgen des Mahdı erstreckte sich die .ägyptische Herrschaft bis zum Mwutan-See (etwa 11/50 nördl. vom Äquator), also durch 80 Breitengrade; und Behm (, Bevölkerung der Erde*, Bd. 7) gab hiernachdas Areal des ägyptischen Vizekönigtums auf 2986 900 qkm (54 246 Q Meilen) an, während Dr. Schweinfurth 1877 auch noch die Somalländer (auf welche Ä. seine Ansprüche freiwillig aufgegeben hat) einbezog, so dass der Gesamtumfang sich nach der Schätzung dieses Forschers auf 67500 Q Min. belief. Ä. ist eine Statthalterschaft (Ayalet Missr) und der hohen Pforte tributär. Es wird von einem Angehörigen der Dynastie Mohammed Ali’s regiert, welcher früher nur den Titel eines Wali (Gouverneur), jetzt den eines „Chediwe“ (Vizekönigs) führt. Er ist im Range dem türkischen Grossvezier untergeordnet, hat aber Gewalt über Leben und Tod. Seine Autokratie ist nur durch europäische Eingriffe namentlich der Finanzkommissionen, durch die Thätigkeit der Engländer und Franzosen beeinträchtigt worden. Über die Geschichte des Landes vergleiche man die biographischen Artikel: Abbas Pascha ete, II. Siehe die Artikel Nubien, Sennar, Kordofan, Darfur.
