Oranjefluss - Freistaat, nahm ursprünglich jenen Teil des mittelafrikanischen Hochplateaus ein, der im grossen und ganzen im Westen und Norden vom Vaal, im Süden vom Nu-Garib, im Osten durch das Woluti-Gebirge begrenzt wird. Nach der Entdeckung der Diamantenfelder hat bekanntlich England der Republik den vom Modder in 2 nahezu gleiche Teile ‚geteilten Distrikt Kimberley zwischen dem Vaal und Nu-Garib abgenommen, Der Freistaat umfasst demnach augenblicklich ein Gebiet von etwa 70000 engl. DU Meilen, auf welchem etwa 70-75000 Weisse und 100000 Farbige wohnen. Der südliche und östliche Teil ist bergiger als der westliche, wo in den grossen Grasebenen, dem sogen. Middelveld, die einzige grössere Bodenerhebung die „Het kopje alleen“ ist (was schon der Name derselben andeutet). Das Land wird durchströmt von folgenden Flüssen:-dem Cornet Spruit und Noka Sinku, die mit dem Caledon vereint den Nu-Garib bilden, dem Modder, der den Riet River aufnimmt und im Kimberley-Distrikt in den Vaal mündet, und dem Vaal mit seinen zahlreichen Nebenflüssen Wilge-, Rhenoster-, Valsche-, Vet- und Sand-River u.8.w.. Das Klima des Oranjefluss-Freistaates ist trocken und gesund: bei den englischen Ärzten steht es als ein die Schwindsucht heilendes Höhenk:ima in gutem Rufe. Im Somıner (Dezember bis Februar) erreicht das Thermometer zwar häufig mittags 300 Celsius, aber man fühlt die Hitze nicht so wie bei uns, und die Nächte kühlen die Meniperatue genügend ab. Die hohe Luge des Tandes bringt es mit sich, dass der Winter ziemlich streng ist, aber Schnee, der überdies selten fällt, bleibt doch nicht lange liegen. Die Regenmenge schwankt zwischen 16 und 30 Zoll, und sie nimmt zwar langsam, aber stetig ab. Zuweilen gehen starke Regengüsse nieder, nach welchen die Flüsse so anschwellen, dass sie weithin das Land überfluten und viel Unheil anrichten; dann regnet es wieder lange Zeit gar nicht. „In den letzten Jahren war es besonderstrocken ; das unangenehiste ist, dass der Red nicht zur rechten Zeit fällt, so dass die Zeit zum Pflügen und Bestellen von Getreide verpasst werden muss, da ohne Regen der Boden zu hart zur Bestellung ist und die Dämme dann auch nicht immer Wasser genug haben, um den Boden nass zu machen.“ Wird derselbe aber gehörig bewässert, so gedeiht alles vortr efflich. Alle europäischen Gemüse (Bohnen und Gurken ausgenommen, denen der Winter zu kaltist) wachsen das ganze Jahr hindurch, ausserdem gedeihen sehr gut alle europäischen Obstarten, Feigen, Apfelsinen,Citronen, Melonen u. s. ‚w., die Weinstöcke liefern ausgezeichnete Trauben, und es ist nur zu bedauern, dass man noch keinen Versuch im grossen gemacht hat, Trauben zu keltern, und nur Empelar Bauern für ihren eigenen Bedarf Wein bereiten. Ferner Kon men im Freistaat alle Getreidearten fort und geben grossen Ertrag. Weizen giebt durchschnittlich, inklusive des durch Hagel verursachten Schadens, den 40 fachen Ertrag, ebenso rentiert sich sehr gut der Anbau von Mais und Kartoffeln. „Stets kann zweimal im Jahre geerntet werden, z. B. eine Hafer- und eine Weizenernte, oder Weizen u. Mais, oder Kartoffeln.“ Dabei hängt aller Wohlstand im Lande von der Erhaltung der Dämme ab, ‚welche keine Farm entbehren kann. Sie sind teils in natürlichen Bodenmulden, teils in kleinen Wasserläufen, sogenannten Spruiten, aufgeführt, und sollen das Regenwas»er auffangen und ansammeln, doch wenn Okellen in der Nähe sind, werden auch diese in das ne Becken geleitet. Ausser der Anlage solcher Dämme, welche stets dem” einzelnen Farmer überlassen bleibt, ist für künstliche Bewässerung des Landes bisher noch gar nichts gethan worden. Eine Besserung ist vielleicht zu erwarten, wenn bei dichterer Besiedelung die Viehzucht, die bisherige Hauptbeschäftigung der Bevölkerung, durch den Ackerbau etwas zurückgedrängt werden wird. Der reiche Kindersegen der Bauern und die Sitte, das väterliche Gut unter die Söhne zu verteilen, wirkt darauf hin, aber wenn dieser Umschwung eintreten wird, dann wird man erst recht die Folgen „Als die Boeren mit ihren Familien und Herden in grösserer Zahl (zuerst 1837) über den Oranje-Fluss zogen, war das Land mit hohem Grase bedeckt, etwa 5 bis 5 Fuss hoch. Es schwärmte darin eine Unmasse von Wild, die verschiedenen Antilopenarten, Weedebeeste, Elands, Blesbokken, Springbokken u. s. w., dazwischen massenhaft reissende Tiere und grosses Wild, wie Blefanten, Rhinozerosse (doch waren diese teilweise von einzelnen Jagdpartien schon abgeschossen); die Flüsse u. kleineren Wasserläufe enthielten stetsfliessendes Wasser, an einzelnen tellen befanden sich massenhaft Seekühe; die Ufer der Flüsse waren dicht bewachsen nit Bäumen, grösstenteils Weidenarten und Schilf, das auch überall längs der kleineren Wasserläufe wuchs. Es war ein Land wie es nicht besser zu wünschen war, und wenn damalsgleich darauf Bedacht genommen wurde, die Vegetation zu erhalten, für jeden niedergehauenen Baum zwei zu pflanzen, so hätte das Land eine grosse ackerbautreibende Bevölkerung leicht ernähren können.* Da aber das hohe Gras sich zum Viehfutter namentlich für die Schafe nicht eignete und ausserdem wilden Tieren und raublustigen Kaftern ein Versteck bot, pflegten die Boeren kurz vor Beginn der Regenzeit dasselbe in Brand zu stecken, unbekümmert darum, wie weit das Feuer sich ausdehnte. Durch solchen Raubbau wurde allmählich die Grasnarbe zerstört, die Fruchtbarkeit des Bodens ward erschöpft, u. da auch die Frühjahrsregen ausblieben und das junge Gras nicht in die Höhe trieben, musste der Bauer weiter ziehen (trekken), um die alte Wirtschaft an anderer Stelle von vorn zu beginnen. Jetzt können allerdings die Feldbrände sich nicht mehr weit ausdehnen, da sie eben wenig brennbares noch vorfinden. Der Oranjefluss- Freistaat zerfällt heute in 17 Distrikte. An der Spitze eines jeden Distriktes steht ein Landdrost (gewissermassen Landrat, Amtsvichter und Steuereinnehmer in einer Person), ihm zur Seite der Landdrost-Clerk, der ihn in seiner Abwesenheit vertritt, sonst aber Polizeianwalt, Pu blieke Aanklager (meist auch Friedensrichter und Postmeister) ist. Die Landdroste können nur kleinere Vergehen aburteilen; alle schwereren Fälle werden nach Bloemtontein verwiesen, wo drei akademisch gebildete Richter ihren Sitz haben, welche abwechselnd das Land bereisen, um in den Hauptorten der Distrikte den Schwurgerichten zu präsidieren. Gesetze erlässt der aus Wahlen hervorgegangene Volksraad, der in Bloemfontein sich versammelt, wo auch der. auf 5 Jalıre gewählte Präsident seinen Sitz hat. Letzterem steht ein aus 3 Mitgliedern bestehender ausführender Rat (uitvoerende raad) zur Seite. In Friedenszeiten unterhält die Republik ein stehendes Heer von 60 Mann, welche eine Batterie bilden, deren Kommandant augenblicklich ein ehemaliger preussischer Oberfeuerwerker ist, Ausserdem gehört jeder, der 6 Monate im Lande ist, dem Bürgeraufgebot an, welches alle Männer vom 16. bis zum 60. Lebensjahre umfasst. Jeder Bürger ist verpflichtet, ein Gewehr und 30 Patronen, Pferd, Sattel und Zaum zu besitzen (in den Dörfern nur Gewehr und Patronen), und Arme werden auf Staatskosten ausgerüstet. Zur Übung in den Waffen finden Scheibenschiessen statt, doch ist niemand gezwungen, an denselben teilzunehmen. Trotzdem kein grosses Militärbudget die Staatsfinanzen belastet, besitzt die Republik bereits eine Staatsschuld von etwa 4 Millionen Mark. Die jährlichen Ausgaben des Staates betragen beiläufig 4 Millionen Mark, aber die Einnahmen haben sich in den letzten Jahren so veimindert, dass das Defizit chronisch wurde Die Haupteinnahmen bilden indirekte Steuern, denn der Unabhängigkeitssinn der Boeren lehnt. Sich gegen jede direkte Bestenerung auf. Der Oranjefluss- Freistaat wurde von Boeren gegründet, welche, der Bedrückungen der englischen Beamten müde, aus der Kapkolonie auswanderten. Schon 1836 zogen unter Führung von Hendrik Potgieter einige Hundert Mann über den Oranje, aber bald stieg die Zahl der Auswanderer auf 10000. Ein Teil wandte sich nach Transvaal, wo er die Matabele über den Limpopo zurücktrieb, ein anderer zog nach Natal, welches er in blutigen Kämpfen gegen die Kaffern eroberte Während die Boeren noch mit diesen kämpften, besetzten die Engländer Port Natal und erklärten das ganze Land für annektiert, was zur Folge hatte, dass ein grosser Teil der Boeren abermals auswanderte und sich den am Vaal Angesiedelten anschloss. Auch dort waren sie vor den Engländern nicht Sicher. Der neue Gouverneur der Kapkolonie, der durch den Freistaat nach Natal reiste, liess sich durch die Petitionen einer kleinen, die Annexion durch England wünschenden Partei täuschen und erklärte in völliger Verkennung der Wünsche der Bevölkerungsmehrheit am 3. Februar 1843 das Land am Vaal für britisches Gebiet unter dem Namen Orange River Sovereivnity. Vergebens ver- ‚suchte Pretorius an der Spitze einer kleinen Schaar Widerstand zu leisten; in der sog. Boomplatsschlacht am 2.). August von den Engländern geschlagen, floh er über den Vaal, da ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war. Die Besetzung des Oranje-Gebietes durch die Engländer währte jedoch nicht lange. Nachdem am 7. Januar 1842 durch-den sog. Sandtiver-Vertrag die Unabhängigkeit Transyaals anerkannt worden, gaben die Engländer auch den Oranjestaat frei, der für sie nur eine Last war (23. Febr. 1854). Die neue Republik wählte J. Hoffmann zum Präsidenten, und nach dessen Abdankung (1855) J. N. Boshoff. Wegen einer Beleidigung, welche Pretorius, dem Haupte der jenseits des Vaal um Potschefstroom ansässigen Boeren, in Bloemfontein zugefügt wurde, kam es zum Kriege zwischen den beiden Republiken, der jedoch ohne Blutvergiessen rasch beendet wurde. Pretorius, der bald darauf alle Boeren des Transvaal zu ein m einzigen Freistaat vereinigte, gewann dadurch so sehr an Anselien, dass er, nachdem der un-. populär g gewordene Boshoff abgedaı:kt hatte, 1859 auch zum Präsidenten des O.-F. gewählt wurde. Gegen diese Vereinigung setzten die Engländer alle Hebel der Intrigue in Bewegung, in Transvaal kım es sogar zu einem dreijährigen Bürgerkrieg, und nur mit Mühe gelang es Pretorius, die Streitenden zu versöhnen. Er legte schliesslich die Präsidentet des O.-F. nieder. Die Vereinigung der beiden liepubliken war Nerhiadert, und sie sind bis heute getrennt geblieben. An Prei orius’ Stelle wurde 1863 Johannes Henrykus Bıand zum Präsidenten gewäh't, der noch heute an der Spitze des Freistaates steht. Unter seiner Verwaltung brach der Basutokrieg aus, in welchem England zu gunsten "der besiegten Basuto einschriit und 1868 Basutoland annektierte, ohne dass der Freistaat, der in mehrjährigen Kämpfen seine Kräfte erschöpft hatte, eine Entschädigung erhielt. Seitdem blieb der Freistaat vor grösseren Verwickelungen bewahrt, verlor jedoch noch den Distrikt der Diamantenminen, den England annektiert», unbekümmert um die schreiende Rechtsverletzung, die es dadurch beging. Erst nach langen Verhandlu: gen erlanste der Freistaat die Zahlung von 1800000 Mark als Entschädigung.