
Tanganjika (auch Udschidschi), grosser See an der Ostgrenze des Kongostaates, zwischen 30 8° und 70 47° südl. Br., 7V Meilen lang, 12 Meilen breit und gegen 500 Q.- Meilen gross. Erhardt u. Rebmann hielten ihn 1857 noch für identisch mit dem Ukerewe. Entdeckt wurde er 1858 durch Burton und Speke, welche durch Ugogo und Uniamwesi nach Udschidschi gelangten und einen Teil des Seees befuhren. Im Jahre 1867 entdeckte Livingstone, von Süden kommend, den Luvembo-See, kam aber erst 1869, nachdem er noch den Bangweolo-See entdeckt hatte, an den Tanganjika selbst, von wo aus er im folgenden Jahre durch Manjuema bis zum Lualaba vordrang. Nach seiner Rückkehr nach Udschidschi traf er dort mit dem zu seiner Aufsuchung ausgesandten Stanley zusammen und besuchte mit ihm das Nordende des Seees, wobei konstatiert wurde, dass derselbe in jener Richtung keinen Abfluss habe. Seit Stanleys grosser Kongoreise ist der Tanganjika durch die von Belgien ausgehenden Bestrebungen, an seinen Ufern festen Fuss zu fassen, immer bekannter geworden. Im Jahre 1877 stellte eine internationale Kommission in ‚Brüssel den Plan für die erste Expedition in das Innere Afrikas fest. Es sollte eine Station am Tanganjika errichtet werden, welche als Ausgangspunkt einer spätern Durchquerung Afrikas dienen sollte. Ein eigentümliches Missgeschick waltete über dieser Expedition. Ihr Führer, Hauptmann Crespel, starb bald nach dem Aufbruch, kurze Zeit darauf verlor die Expedition ein zweites Mitglied, Dr. Mas, durch die Folgen eines Sonnenstichs, und der Österreicher Marno war durch Kränklichkeit zur Umkehr gezwungen. Nach wenigen Wochen war von der ganzen Expedition nur noch Hauptmann Cambier übrig, aber dieser war fest entschlossen, das Werk fortzusetzen. Er kam zwar nur langsam vorwärts, trotzdem die Association internationale africaine ihm wiederholt Expeditionen nachsandte und sich durch erneute Verluste — der Tod der Leutnants Wauthier und Dalen — nicht abschrecken liess, aber im August 1878 hatte er seine Aufgabe gelöst: der See war erreicht, und an seinem Ostufer wurde die erste Station, Karema, gegründet. Cambier behauptete diesen Posten bis 1880, und erst als es nach unermesslichen Anstrengungen gelungen war, die Station durch fünf nachgesandte Belgier zu verstärken, kehrte er nach Europa zurück. An seiner Stelle übernahm die Leitung der Station Hauptmann Romaekers, welchem Leutnant Becker zur Seite stand. Im Jahre 1851 war man endlich imstande, nach dem Eintreffen neuer Verstärkungen an die weitere Durchführung des Planes zu denken, welchen man sich vor vier Jahren vorgezeichnet hatte. Im April fuhren Hauptmann Popelin und Herr Roger über den See, um am Westufer einen zur Anlage einer zweiten Station geeigneten Platz zu suchen, aber der nach wenigen Tagen erfolgende Tod Popelins vereitelte das Vorhaben und Roger kehrte unverrichteter Dinge nach Karema zurück. Immer noch forderte der Tod neue Opfer. Am 25. Februar 1832 starb Hauptmann Romaekers und die Station hing abermals von der Ausdauer eines einzigen Mannes, des Leutnants Becker, ab, aber schon war eine neue Expedition unter Führung von Leutnant Storms unterwegs, welche Ende September 1882 in Karemaeintraf. Das Schlimmste war nun überstanden, und die Belgier fassten nun immer fester Fuss an den Ufern des Tanganjıka und errichteten 1878 auch am Westufer eine Station, Mpala. Welchen Nutzen die dort gegründeten Stationen bei der fernern Forschungsarbeit gewährten, davon wissen namentlich deutsche Forscher zu erzählen, welche in jüngster Zeit an den Tanganjıka kamen. Auf seinem fluchtähnlichen Rückzuge aus dem Reiche Msiris fand Reichardt in der belgischen Station Mpala am See freundliche Aufnahme und wurde dort mit. allem Nötigen versehen, und auch Wissmann, der nach der Trennung von Pogge allein nach Osten weiter zog, gewährte die belgische Niederlassung einen willkommenen Ruheplatz. Auch Missionäre haben sich am Tanganjıka niedergelassen. Die Londoner Missionary Society sandte 1878 drei Missionäre nach Udschidschi, wo sie an der Kinegoma-Bai eine Station errichteten, und noch in demselben Jahre erschienen auch katholische Missionäre, welche nicht weniger als 10 Stationen in Uganda und am Tanganjika errichteten. So ist auch das Dunkel, das so lange über dem See lag, endlich gelichtet worden. Der See ist nach allen Richtungen erforscht worden, und jetzt.-vermittelt auch ein Dampfer auf demselben den Verkehr zwischen den beiden Ufern. Über die Entstehung des grossen Wasserbeckens gehen aber die Ansichten noch immer sehr auseinander. „Stanley“, schreibt Thomson, „meint, es sei in einer frühern Zeit nur jener Teil des Tanganjıka vorhanden gewesen, welcher südlich von einer Linie liegt, die man sich vom Kap Kahongwa in Ugstha nach dem gegenüberliegenden Kap Kungwe gezogen denkt. Zu jener Zeit, nimmt er an, sei der Lukuga der Abfluss gewesen; es habe jedoch eine wunderbare Umwälzung stattgefunden, wodurch sich ein gäühnender 'Golf bildete, welcher die nördliche Hälfte zu dem See hinzufügte. Natürlicherweise strömten die Gewässer der südlichen Hälfte in diesen Schlund, so dass die Tiefe des Wassers auf die Hälfte beschränkt wurde und nicht mehr abfliessen konnte. Bis zu den Jahren 1877 und 1878 flossen zahlreiche Ströme in den See und erhöhten ihn allmählich bis zu seinem ursprünglichen Spiegel, und als Stanley den Lukuga besuchte, hatte derselbe bereits wieder die frühere Eigenschaft eines Abflusses erhalten. Diese Theorie ist ohne Zweifel kühn und tıeffend. Leider aber sind die Beweismittel, welche dieselbe stützen sollen, nichts weniger als zureichend oder befriedigend. Sein Hauptargument besteht einfach darin, dass die Hügel und das Land, welche den Lukuga umgeben, im Vergleich mit den übrigen Bergen in der Nähe des Seees sehr niedrig seien. Dieser Umstand lässt sich jedoch vollkommen durch die Thatsache erklären, dass jener Teil aus besonders weichen und mürben Sandsteinen besteht, welche auf der Nord- und Südseite von harten und soliden metamorphischen Felsen flankiert werden. Da die Sandsteine leicht blossgelegt werden, so sanken sie viel tiefer als die angrenzenden metamorphischen Felsen, und so erhielt der Platz das Ansehen einer Kluft. Das einzige anderweitige Beweismittel, welches er anführt, besteht darin, dass sich längs der Ostseite des Seees seltsame, losgelöste Felsblöcke, wüst durch einander liegend, vorfinden. Darin erblickte seine lebhafte Einbildungskraft nichts als eine grosse Umwälzung, welche den festen Erdboden durchbrochen und ein unbeschreibliches Chaos erzeugt hätte. Ein nüchterner Geist bemerkt jedoch selbst in diesen auffallenden Naturerscheinungen nichts weiter als die langsame Hand der Zeit, welche durch Regen, Wind und schnelle Verdunstung einwirkt.“ Herr Hore, der Leiter der Londoner Missionsgesellschaft in Udschidschi, vermutet dagegen, dass durch Erdbeben, die in Udschidschi häufig sind, eine Veränderung des Seespiegels oder der Mündung des Lukuga hervorgebracht worden sei. Zum Teil auf Grund der Beobachtungen des Herrn Hore gelangte Thomson zu folgenden Schlüssen: Dass auf dem Tanganjika unter normalen Verhältnissen Regenfall u. Verdunstung einander das Gleichgewicht halten; dass vor vielen Jahren der Wasserstand des Seees infolge aussergewöhnlicherregenarmerJahreszeiten so tief gesunken ist, dass das Seewasser die Abflussmündung nicht mehr erreichte; dass dieser Zustand lange genug dauerte, um die Sättigung des Wassers mit Salzteilen zu ermöglichen, welche ihm einen vom Süsswassergeschmack verschiedenen Geschmack verliehen; dass dann wieder aussergewöhnlich nasse Jahreszeiten folgten, während welcher der See stieg, und dass er dann eine Schranke, welche sich durch Niederschläge in dem Bett des Lukuga gebildet hatte, durchbrach und seine frühere Höhe wieder erreichte. „Es ist wohl zu merken, dass da, wo die Ufer des Seees niedrig sind oder sich ein weites Thal nach dem Hochlande ausbreitet, die Felsen aus weichem, entblösstem Sandstein bestehen. Diese Thatsache scheint klar darzulegen, dass die Unregelmässigkeiten des innern Hochlandes einer Blosslegung zuzuschreiben sind, wobei der weichere Sandstein schneller weggeführt wurde als die metamorphosen Felsen, welche in grossen Bergmassen zusammenstehen, wie die von Marungu und Kungwe. Jn der Gegend von Mphla und Mtowa und ebenso von Kaboga nach dem Norden von Udschidschi ist dies höchst auffallend. Derselbe Umstand zeigt sich auch in einem schmalen Landstrich nördlich von Kungwe und in der Umgegend von Manda und Jendwa. Es ist auch wahrzunehmen, dass alle diejenigen Flüsse, welche die Länge von Abzugskanälen haben, durch Sandsteingebiet fliessen; von diesen mögen der Ruche, Malacharazi, Lofu, Lofuku und Lugumbu erwähnt werden. Es ist möglich, dass in einer Zeit, welche der kohlenhaltigen Periode voranging, ein ungeheurer See die ganze „Seeregion* bedeckte und das’ ganze Thal des Kongo bis zu den Zügen an der Westküste einschloss.. Unter solchen Umständen würde das Sandgestein, welches einen grossen Teil jenes Gebietes ausmacht, abgesetzt worden sein. Im Verlauf der Zeit wurde ein Kanal von einem Flusse ausgehöhlt oder durch irgend eine Umwälzung gebildet, welcher das Wasser abführte und nur grosse Massen in den tieferen Höhlen zurückliess, wodurch derartige Seeen wie der Bangweolo und. der Moero-See entstanden. Der Tanganjika selber scheint nachher durch grossen Niederdruck entstanden zu sein. Durch keine andere Theorie lässt sich begreifen, wie solch ein langer schmaler Trog, von solcher ungeheuren Tiefe und von jähen Felsen umgeben, entstehen und alle Arten von Felsen ohne Unterschied durchschneiden konnte. Die Thatsache, dass eine grosse Zahl der Seemuscheln entschieden den Charakter von Meermuscheln trägt, scheint zu zeigen, dass das Gewässer bis zu einer neuern geologischen Peaiode salzhaltig war, aber in der Folge durch die Bildung des Lakuga zu Süsswasser wurde, indem sich der weiche Sandstein von Uguha blosslegte und dadurch eine Zirkulation entstand, welche das Salz wegführte; der deutlich ausgeprägte Meerescharakter dieser Muscheln kann kaum durch eine andere Vermutung erklärt werden.*